23.03.2012

Misereor-Chef Josef Sayer zieht zum Abschied Bilanz "Die Botschaft Jesu ist nie unpolitisch"

Nach mehr als 14 Jahren an der Spitze des weltgrößten katholischen Hilfswerks scheidet Misereor-Chef Josef Sayer (70) zum 31. März altersbedingt aus dem Amt. Im Interview der Katholischen Nachrichten-Agentur KNA blickt er zurück.

KNA: Professor Sayer, "Mit Zorn und Zärtlichkeit an der Seite der Armen" - so hieß das Motto zum 50. Geburtstag von Misereor. Was überwiegt bei Ihnen jetzt zum Abschied? Zorn oder Zärtlichkeit?
Sayer: Beides gleichauf, würde ich sagen. Zornig werde ich über Zustände, die Menschen ihre Würde nehmen: Etwa die unsägliche Spekulation mit Lebensmitteln. Oder der Skandal, dass immer noch unzählige Mütter und Kinder bei der Geburt sterben. Dass immer noch viel zu viele Kinder nicht zur Schule gehen können, dass viele kein sauberes Trinkwasser haben - um nur ein paar Beispiele zu nennen. Und Zärtlichkeit heißt für mich, die Menschen durch unsere Arbeit spüren zu lassen, dass Gott in Jesus mit ihnen lebt und leidet und dass er keinen im Stich lässt.

KNA: "Die Armen zuerst" - so war Ihre Antrittsrede 1998 überschrieben. Wie weit sind Sie auf diesem Weg gekommen?
Sayer: Das ist für uns bei Misereor bis heute selbstverständlich, dass die Armen im Mittelpunkt stehen. Nicht als Almosenempfänger, sondern als echte Partner. Wir haben mehr als 2.600 Partnerorganisationen im Süden, das ist ein Riesen-Reichtum. Und den verbinden wir mit der Solidarität und Hilfsbereitschaft vieler Menschen hier bei uns, die an einer gerechteren Welt mitarbeiten wollen. Die sich berühren lassen von der Not der Armen. Diese Haltung meint "Den Armen zuerst" - und sie prägt unsere ganze Arbeit.

KNA: Prägt sie auch die Politik? Oder spielen dort andere Interessen als die der Armen eine Rolle?
Sayer: Wir vergessen zu oft die Verantwortung für die Armen und die kommenden Generationen. Deshalb darf Politik nicht nur den kurzfristigen Erfolg, wirtschaftliche Interessen oder den nächsten Wahltag im Blick haben. Und ich erwarte von der Politik, Wirtschaft, den Kirchen, aber auch von jedem Einzelnen, dass wir unserer Verantwortung für die Zukunft gerecht werden. Wir müssen uns am Weltgemeinwohl orientieren und die Schöpfung bewahren.

KNA: Was heißt das konkret?
Sayer: Das geht beim täglichen Einkauf los. Wo wir überlegen sollten, wo und was wir kaufen. Muss ich Lebensmittel haben, die Tausende von Kilometern unterwegs waren? Brauche ich immer mehr und immer mehr, wovon ich dann doch die Hälfte wegwerfe? Muss ich so viel Fleisch essen, wenn ich weiß, dass dafür in den Ländern des Südens Unmengen an Soja als Futter angebaut werden, wodurch dann Flächen fehlen, um Bohnen und andere Grundnahrungsmittel anzubauen für die hungernde Bevölkerung?

KNA: Welche Erfahrungen aus Ihrer Amtszeit bleiben Ihnen besonders positiv in Erinnerung?
Sayer: Wenn ich - neben wunderbaren persönlichen Begegnungen - auf die Politik schaue, denke ich, Misereor konnte als Anwalt der Armen mit dazu beitragen, dass diese selbst ihre Stimme erheben und für ihre Rechte kämpfen: etwa bei den G7- und G8-Gipfeln, bei der UNO und bei internationalen Konferenzen. Besonders am Herzen liegt mir auch der Austausch der Armen untereinander und der Kirchen Afrikas, Asiens und Lateinamerikas in einem Süd-Süd-Dialog, wo die Schlüsselthemen wie Klimawandel, Ernährungssicherheit, Ausbeutung der Rohstoffe behandelt werden und nach Lösungswegen gesucht wird.
Das macht Mut für die Zukunft.

KNA: Und wo gab es Enttäuschungen?
Sayer: Besonders schrecklich war der Klimagipfel in Kopenhagen. Wir haben dort mit ca. 100.000 demonstriert und waren enttäuscht, dass die Regierenden sich aus lauter Egoismus nicht auf substanzielle Schritte beim Klimaschutz einigen konnten. Stattdessen haben sie sich nur gegenseitig die Schuld in die Schuhe geschoben. Das ist kleinkariert und skandalös, denn wir kennen die Fakten und wissen alle, was zu tun wäre, um auch künftigen Generationen eine lebenswerte Umwelt zu erhalten. Aber wir handeln nicht danach wegen kurzfristiger egoistischer Eigeninteressen.

KNA: Wie lief die Zusammenarbeit mit der Politik in Deutschland?
Sayer: Wenn ich die Entwicklungsminister anschaue - Spranger, Wieczorek-Zeul und Niebel - so bin ich dankbar. Hier gab und gibt es immer viel Verständnis und eine gute Zusammenarbeit. Mit Kanzleramt, Außenministerium und dem Parlament haben wir ebenfalls gut und intensiv kooperiert. Auch für Besuche mit ausländischen Partnern stehen uns die Türen immer offen. Viele Partner in der Politik ermuntern uns auch immer aufs Neue, das "menschliche Antlitz" in die Debatten einzubringen.

KNA: Wie hat sich die Entwicklungszusammenarbeit insgesamt in Ihrer Amtszeit verändert? Etwa durch die Globalisierung, den 11. September, die Finanzkrise?
Sayer: Die Arbeit ändert sich ständig, weil sich die Welt verändert. Neu ist zum Beispiel das skandalöse Spekulieren - etwa mit Lebensmitteln oder mit zweifelhaften Finanzprodukten, wo man zusammen mit der Politik nach Gegenmitteln suchen muss. Was mich nach dem 11. September schockiert hat, waren die fatalen Reaktionen der Bush-Administration auf die schrecklichen Terroranschläge. Milliarden und Abermilliarden wurden vergeudet für einen sinnlosen Krieg. Wenn der Westen damals versucht hätte, aus christlicher Tradition "das Böse durch das Gute zu überwinden", wie es im Römerbrief heißt, und auch nur mit einem Teil des Geldes Friedens- und Entwicklungsarbeit gefördert hätte, wären die Spannungen zwischen muslimischen Ländern und dem "Westen" nicht eskaliert. Das hätte zu echter Sicherheit geführt, während die kriegerischen Mittel nur noch mehr Unsicherheit gebracht haben.

KNA: Es gibt immer wieder Stimmen, die Misereor vorwerfen, viel zu politisch zu sein und zu wenig missionarisch...
Sayer: Misereor ist nicht zu politisch. "Politisch" im Parteisinne ist nicht unsere Sache, sondern im Sinne des Aufbaus eines guten Gemeinwesens, der "Polis". Denn der christliche Glaube, die Botschaft Jesu ist nie unpolitisch. Da geht es nie um ein frommes Wolkenkuckucksheim, sondern um konkrete Nächstenliebe, um Frieden, Gerechtigkeit und eine bessere Welt. "Die Nächstenliebe ist die Nagelprobe für die Gottesliebe", hat Papst Benedikt XVI. gesagt. Und in dem Sinne hilft Misereor den Menschen beim Einsatz für eine bessere Welt.

KNA: Was ist Ihr Wunsch an die Politik zum Abschied?
Sayer: Eine mutige Orientierung am Weltgemeinwohl - und dass wir Politik betreiben aus langfristiger Perspektive und nicht nur mit Blick auf den Machterhalt und die nächsten Wahlergebnisse. Denn dadurch wird letztlich das Demokratieverständnis ausgehöhlt. Und wenn wir die auch noch "exportieren", dann dürfen wir uns nicht wundern, wenn die Konflikte in der Welt nicht weniger werden.

Das Gespräch führte Gottfried Bohl.