21.02.2012

Neue historische Sicht auf Geschwister Scholl und die "Weiße Rose" Ein starker Glaube

Für ihr konsequentes Eintreten gegen das NS-Regime wurden die Geschwister Scholl und Christoph Probst am 22. Februar 1943 im Gefängnis München-Stadelheim ermordet. Als Mitherausgeber des Sammelbandes "Die Stärkeren im Geiste" beschreibt der Münchner Politikwissenschaftler und Friedensforscher Detlef Bald den christlichen Glauben als die wesentliche Triebfeder für den Widerstand der "Weißen Rose".

epd: Herr Bald, was waren die wesentlichen Beweggründe für den persönlichen Widerstand der Geschwister Scholl und der "Weißen Rose" gegen das NS-Regime?
Detlef Bald: In den Beweggründen zum Widerstand der "Weißen Rose" findet sich eine Schicht, die bislang nur geringe oder gar keine Aufmerksamkeit erhalten hat. Es ist die christliche Gläubigkeit, die den Mitgliedern Kraft und Zuversicht verlieh. Hier liegen die tiefen Wurzeln der "Weißen Rose", die zugleich die politischen und humanistischen Motive trugen, die in den Flugblättern so klar zu finden sind.

Diese katholisch, protestantisch und orthodox aufgewachsenen Widerstandskämpfer waren in einem hohen Maße religiös geprägt - in einem tiefen, gemeinsamen christlichen Verständnis. Heute würden wir das gelebte Ökumene nennen. Von dieser Basis aus waren sie bereit und überzeugt, aktiven Widerstand gegen den Nationalsozialismus und Hitler, den Tyrannen und die Verkörperung des "Bösen", leisten zu dürfen, ja zu müssen. Die Erfahrungen im Alltag, im Arbeitsdienst und schließlich an der Universität, aber auch das Unrechtsregime des NS-Machtapparats führte sie über Proteste und Ablehnung in den Widerstand.

epd: Wie ist die "Weiße Rose" im Vergleich zu anderen Formen und Gruppen des Widerstands einzuordnen?
Bald: Dies betrifft in besonderer Weise Rassismus und Antisemitismus. Das unterscheidet diesen Widerstandskreis von den meistern Vertretern der ehemaligen politischen Parteien, Kirchen und auch vielen aus dem Widerstand des 20. Juli 1944. Die "Weiße Rose" lehnte den Judenmord und die menschenunwürdigen Pogrome uneingeschränkt ab; auch die rassistische Untermenschenpolitik in der Sowjetunion empörte sie. Sie vertraten auch hier einen klaren Standpunkt. Die "Weiße Rose" wandte sich eindeutig gegen die NS-Judenpolitik.

epd: Haben die Geschwister Scholl Werte gelebt und formuliert, die dann weit über sie hinaus auch zu Vorbild und ethischer Grundlage für die neue deutsche Bundesrepublik geworden sind?
Bald: Die "Weiße Rose" ist noch in anderer Hinsicht einmalig im Widerstand gegen das NS-Regime. So wie sie den Krieg, die Zerstörungen und die militärische Expansion verurteilten, setzten sie auf freiheitliche Grundwerte und demokratische Prinzipien. Sie sorgten sich um die Zukunft Deutschlands in einem friedlichen Europa; sie plädierten für eine wertegebundene politische Kultur der Pluralität und Toleranz.

Die "Weiße Rose" hat doch einen einzigartigen, Tradition stiftenden, zukunftsweisenden Rang. Ihr Erbe wurde zum Auftrag, der sich nach 1945 in den Werten des Grundgesetzes wiederfindet: in der Verantwortung vor Gott, der Menschenwürde, den Freiheitsrechten und den Grundsätzen des sozialen und demokratischen Rechtsstaates.

Die "Weiße Rose" hatte keine politische Macht. Ihre Träger gehören zu den Stärkeren im Geiste: Der Widerstand setzt Zeichen der Freiheit bis heute, Zeichen der Hoffnung.

Das Interview führte Achim Schmid.

Info
Detlef Bald, Jakob Knab (Hg.), Die Stärkeren im Geiste - Zum christlichen Widerstand der WeiÃen Rose, Klartext, 2012, 228 Seiten,
Preis: 19,95 €

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