03.02.2012

Im protestantischen Küstenland wird eine katholische Kirche eingeweiht Gotteshaus mit Meerblick

Während vielerorts Gotteshäuser geschlossen und Gemeinden zusammengelegt werden, wurde im kleinen Badeort Schillig an der Nordseeküste am Samstag die katholische Sankt Marien-Kirche eingeweiht. Ein sakrales Kunstwerk mit großer Fernwirkung.

Die Ruhe dominiert in dem kleinen Badeort Schillig an der Nordseeküste nördlich von Wilhelmshaven. Die einzige Zufahrtsstraße endet in einer Sackgasse, nur hin und wieder fährt ein Wohnmobil vorbei. Laut rollen die Nordseewellen gegen die Künste. Bald werden hier wieder täglich Kirchenglocken zu hören sein. Das Dach der "Kirche am Meer" in Wellenform streckt sich spitz in den Himmel - man könnte vermuten, es wolle über den Nordseedeich schwappen. Das Meer ist in unmittelbarer Nähe, der Duft des Watts liegt in der Luft.

Lars Bratke ist seit fünf Jahren Seelsorger in diesem Pfarrbezirk, der nicht nur Schillig, sondern mit einer Fläche von etwa 160 Quadratkilometern fast die gesamte Gemeinde Wangerland abdeckt. Von den rund 10.000 Einwohnern sind 800 katholisch getauft, also etwa acht Prozent. "Trotz Abbrüchen von Kirchen an anderen Orten können noch Aufbrüche entstehen, so wie hier in Schillig", freut sich Bratke. Im Herbst 2010 legte er mit Weihbischof Heinrich Timmerevers, Weihbischof des Bistums Münster für die Region Oldenburg, den Grundstein für die neue Kirche. Seither besucht er fast täglich die Baustelle, die sich direkt neben seinem Haus befindet.

4,7 Millionen Euro kostet das neue Gotteshaus
Die Touristenseelsorge hat im Wangerland eine lange Tradition: 1967 wurde die alte Sankt-Marien-Kirche in dem Urlaubsort eingeweiht. Doch nach rund 45 Jahre waren die Schäden durch die Feuchtigkeit und das Salz in der Luft zu groß geworden: Der Kalksandstein bröckelte, die Eisenträger rosteten. Eine Renovierung war wirtschaftlich nicht rentabel. Aufgeben wollte die kleine Gemeinde aber niemand, obwohl gerade einmal etwas mehr als 100 Menschen in Schillig gemeldet sind.

Denn ganz nah am Badeort liegt einer der größten Campingplätze der deutschen Nordseeküste - mit nach offiziellen Angaben rund einer Millionen Übernachtungen im Jahr. Hotels, Pensionen und Ferienwohnungen noch nicht eingerechnet. "Durch den Gottesdienstbesuch im Urlaub können die Menschen wieder zur Kirche finden", so Bratke. Mehr als die Hälfte der Kirchgänger seien in der Hauptsaison Touristen.

Ein Neubau war also beschlossene Sache. Das Abbruchmaterial der alten Kirche wurde recycelt und dient nun als Schotterunterbau. 4,7 Millionen Euro kostet das neue Gotteshaus nach Angaben des zuständigen Offizialatsbezirks Oldenburg in Vechta.

Während der Bauarbeiten wichen die Gottesdienstbesucher in eine Zeltkirche und benachbarte Gotteshäuser aus. Aber auch Strandgottesdienste, Liederabende und Pilgertouren durchs Watt gehörten weiterhin zum Seelsorge-Programm im Wangerland. Selbst in dieser Zeit sanken die Besucherzahlen nicht. "Der kirchliche Raum bietet im Urlaub die Chance, zur Ruhe zu kommen", begründet Bratke die große Anziehungskraft.

"Diese Kirche macht unglaublich neugierig"
Und das soll auch in dem neuen Gotteshaus so weitergehen, das am Samstag vom Bischof von Münster, Felix Genn, eingeweiht wurde. "Menschen suchen hier am Meer nach dem Mehr in ihrem Leben", sagte er bei der Feier. Modern, einzigartig, einfach etwas ganz Besonderes - so beschreibt Bratke die Kirche. Helle, eichenfarbene Bänke im Innern, ansteigend rund um den Altar angeordnet, bieten Platz für 220 Gäste. Die barocke Orgel mit 21 Registern kam aus der profanierten Kirche St.  Ludger in Waltrop an die Nordseeküste - ein Glücksfall. "Das hätten wir uns ansonsten nicht leisten können." Oldenburger Klöppel schwingen im hölzernen Glockenstuhl, und der Tabernakel kommt aus der Nachbarschaft.

"Diese Kirche macht unglaublich neugierig", so der Priester. Durch die besonderen Konstruktionen im gläsernen Dach ändern sich je nach Tages- und Jahreszeit die Lichtreflexe an den Innenwänden. Nachts durchleuchten LED-Lampen das gläserne Dach auf umgekehrter Weise. Das gläserne Kirchdach sei vielleicht das Außergewöhnlichste. "Aus welcher Kirche kann man denn sonst noch direkt in den Himmel blicken?"  

Kerstin Kotterba