20.01.2012

Den Start der Grünen Woche begleitet der Ruf nach fairem Lebensmittelhandel Der Blick über den Tellerrand

In Berlin hat die Internationale Grüne Woche begonnen. Organisationen und Verbände fordern einen Systemwechsel in der Agrarpolitik. Im domradio.de-Interview macht sich die Katholische Landjugendbewegung für eine zukunftsfähige Landwirtschaft stark.

Dabei sei die Landwirtschaft als ein Teil zu betrachten, "immer in Kombination mit der kompletten Landentwicklung", sagte am Freitagmorgen die Bundesvorsitzendende der Katholischen Landjugendbewegung, Karin Silbe.

Auf der Grünen Woche präsentieren 1.624 Aussteller aus 59 Ländern ihre Angebote. Die Veranstalter erwarten bis 29. Januar rund 400.000 Besucher. Die großen christlichen Kirchen sind mit eigenen Ständen und einem gemeinsamen Stand in Halle 3.2 vertreten. Am Samstag ist dort ein "LandKirchenTag" geplant, der mit einer Andacht am frühen Nachmittag eröffnet wird. Erwartet werden dazu unter anderem der hannoversche Landesbischof Ralf Meister und Karl-Heinz Friebe. Im Raum der Stille auf dem Messegelände findet zudem täglich ein Mittagsgebet statt.

Zur "Grünen Woche" Demonstration gegen Agrarindustrie
Am Samstag demonstrieren mehr als 90 nichtstaatliche Organisationen für einen Systemwechsel in der Agrarpolitik. Unter dem Motto "Wir haben es satt! Bauernhöfe statt Agrarindustrie" fordern sie eine bäuerlich-nachhaltige Landwirtschaft und ein Ende der Spekulation mit Nahrungsmitteln, wie das Internetportal "Entwicklungspolitik online" am Donnerstag berichtete.

Der Protestzug beginnt um 11.30 Uhr und führt vom Hauptbahnhof zum Brandenburger Tor. Unter den Veranstaltern sind der Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland und der Bundesverband Deutscher Milchviehhalter sowie der Evangelische Entwicklungsdienst und die Katholische Landjugendbewegung. Während der "Grünen Woche" des vergangenen Jahres demonstrierten mehr als 22.000 Menschen gegen Dioxinskandale, Gentechnik im Essen und Tierleid in Megaställen. Die am Donnerstag eröffnete Landwirtschaftsmesse "Grüne Woche" dauert bis zum 29. Januar.

Landwirtschaftspastor fordert Solidarität
Für eine nachhaltige und tiergerechte Landwirtschaft tragen nach Ansicht des kirchlichen Agrarexperten Karl-Heinz Friebe Hersteller und Verbraucher Verantwortung. Nötig sei eine neue Solidarität zwischen Konsumenten und Produzenten, sagte Friebe, der Pastor der hannoverschen Landeskirche ist, zum Start der Grünen Woche. Die Frage sei, ob Landwirte mit dem Argument der Nachfrage alles auf den Markt schieben und Verbraucher immer nur das billigste Produkt verlangen können. "Wir dürfen nicht vergessen, dass mit landwirtschaftlichen Produkten auch Geld verdient werden muss", sagte Friebe. Der evangelische Theologe ist Referent beim Kirchlichen Dienst auf dem Lande und hält im Gebiet seiner Landeskirche unter anderem den Kontakt zu Landwirten, Großproduzenten, Politik und Verbänden.

Eine große Herausforderung in der Landwirtschaft seien derzeit tierethische Fragen, sagte Friebe mit Blick auf die Skandale in Hähnchenmastbetrieben vor allem in Niedersachsen. Auch in größeren Ställen muss ein Tier in Würde leben können, forderte der Pastor. Zudem müsse die Gesellschaft ihr Verhältnis zu den Landwirten überdenken. Viele Bauern hätten das Gefühl, mit dem Rücken zur Wand zu stehen. Im Moment habe er das Gefühl, dass wegen der aktuellen Skandale alle Landwirte verdächtigt werden. Friebe achtet beim Fleischkonsum nach eigenen Angaben darauf, wer und wie das Fleisch produziert wird. "Natürlich esse ich noch Hähnchen, Geflügel und anderes Fleisch", sagt er. Auf dem Speiseplan stehe auch Selbstgeschlachtetes, sagte der Pfarrer, der mit seiner Frau auf einem Bauernhof lebt und 50 Heidschnucken hält.

Der Bauernverband beklagte im Vorfeld der Messe eine zu hohe Nachfrage nach Billig-Lebensmitteln in Deutschland. Die "extreme Preisbewusstheit" der Verbraucher sei Ursache für die Massentierhaltung, sagte der Ökobeauftragte des Verbandes, Heinrich Graf von Bassewitz, der "Neuen Osnabrücker Zeitung". Die Verbraucher, die sich über Massentierhaltung beschweren, hätten durch ihr Kaufverhalten die heutige Art der Landwirtschaft vorangetrieben.

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