08.01.2012

Der Republikaner Rick Santorum Ein Katholik begeistert die evangelikalen US-Wähler

Mit Rick Santorum haben Amerikas religiös-konservative Wähler ein neues Idol. Dieses Wählersegment aus evangelikalen Christen und konservativen Katholiken, das in der Republikanischen Partei großen Einfluss hat und manchmal geradezu tonangebend wirkt, suchte schon seit langem - und zwar nach einem "Anti-Romney".

Der ehemalige Gouverneur von Massachusetts, Mitt Romney, dem nach wie vor die besten Aussichten eingeräumt werden, als republikanischer Präsidentschaftskandidat im November zum Herausforderer Obamas zu werden, hat religiös motivierte Republikaner noch nie begeistern können. Der Geschäftsmann Romney, dessen Privatvermögen auf 250 Millionen Dollar geschätzt wird und der praktisch seit seinem gescheiterten Versuch 2008 Wahlkampf betreibt, hat in den Augen dieser Wähler zwei gravierende Nachteile: Zum einen ist er Mormone, zum anderen ist er nicht "sozial konservativ" genug.

Der Gegen-Romney, der jetzt die Herzen der Religiösen erwärmt, ist ein Politiker, der als Junge Messdiener in der katholischen Kirche seiner Heimatgemeinde Butler im Bundesstaat Pennsylvania war und behinderte Mitbürger im Rollstuhl zum Altar schob. Ex-Senator und Rechtsanwalt Rick Santorum ist der Hoffnungsträger der religiösen Rechten. Zumindest vorübergehend.

Santorum, der im Gegensatz zum texanischen Gouverneur Rick Perry und zu Romney über nur bescheidene Wahlkampfmittel verfügt, hat in Iowa mit Erfolg einen basisdemokratischen Wahlkampf betrieben. Santorum war über viele Monate in Iowa aktiv, besuchte alle 99 Counties (Landkreise) und sprach mit unzähligen Wählerinnen und Wählern. Es zahlte sich aus: Er erhielt nur acht Stimmen weniger als Romney.

Iowa hat Santorum in eine Favoritenrolle gebracht, die in diesem Vorwahlkampf schon mehrere Kandidaten innehatten - und wieder verloren. Die genaue Analyse der Standpunkte Santorums, die jetzt eingesetzt hat, wird dazu führen, dass ihn die religiöse Rechte als glaubens- und ideologiefest feiern wird. Die Mehrheit der säkularen Amerikaner wird sich hingegen von seinem Radikalismus nicht angesprochen fühlen - für sie ist er nicht wählbar. Aus Sicht der Demokraten wäre Rick Santorum ein Traumkandidat, der Obamas Wiederwahl sichern würde.

Der 53-jährige Santorum sieht jünger aus, als er ist, wozu neben fehlenden grauen Haaren und einer praktisch faltenfreien Stirn seine Neigung zum Tragen von Pullundern beiträgt - seine Stammwähler dürften durch dieses Kleidungsstück an die eigene Jugendzeit erinnert werden. Wie wohl jeder ernstzunehmende republikanische Kandidat ist Santorum ein strikter Abtreibungsgegner. Darüber hinaus will er Pornografie verbieten lassen. Auch Empfängnisverhütung lehnt er grundsätzlich ab. Niemand kann ihm vorwerfen, von den eigenen politischen Prinzipien im Privatleben abzuweichen: Santorum hat acht Kinder gezeugt. Eines starb früh, ein anderes - eine dreijährige Tochter - ist behindert. Die Evolutionstheorie lehnt Santorum ab und wie für jeden Republikaner, der Wahlkampfspenden vom großen Gönner der Partei, der Ölindustrie, benötigt, gibt es für ihn keine globale Erwärmung.

Was Kritiker besonders alarmiert: Santorum hat verschiedentlich erklärt, dass die Gesetze der USA einer höheren Autorität unterzuordnen seien: den Gesetzen Gottes. Politische Gegner werfen ihm vor, die Trennung von Kirche und Staat, die Grundsäule des konstitutionellen Verständnisses der USA, nicht ernst zu nehmen und im Falle seiner Wahl eine Art "christlicher Scharia" einführen zu wollen.

Santorum ist zweifellos ein radikaler Kandidat einer - nicht zuletzt unter dem Einfluss von "Tea party"- und anderen Fundamentalisten - nach rechts gerückten republikanischen Partei. Ein Siegertyp ist er nicht. In seinem Heimatstaat Pennsylvania verlor er 2006 die erhoffte Wiederwahl in den Senat. Am nächsten Dienstag wird in New Hampshire gewählt, einem Neuenglandstaat mit schwacher evangelikaler Basis. Möglicherweise müssen sich die religiös-konservativen der amerikanischen Politszene danach - zum wiederholten Male - einen neuen Hoffnungsträger suchen.

Ronald Gerste

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