01.11.2011

Im Austausch für Gilad Shalit kam auch ein palästinensischer Christ frei "Priester" darf nicht nach Bethlehem

Mitte Oktober wurde der junge israelische Soldat Gilad Shalit freigelassen - im Austausch für insgesamt 1.027 Palästinenser. Israel bestand bei der Aktion darauf, dass die schwersten Verbrecher nach Gaza oder in Drittländer abgeschoben wurden. Unter ihnen auch ein Christ, den sie Priester nannten.

"Aber nur aus Spaß", sagt Chris Bandak. Der 31-jährige Palästinenser aus Bethlehem ist der einzige Christ unter den palästinensischen Häftlingen, die im Tausch für den israelischen Soldaten Gilad Schalit kürzlich auf freien Fuß kamen. Aufgrund seines hohen Strafmaßes von viermal lebenslänglicher Haft durfte Bandak nicht zurück in seine Heimatstadt Bethlehem, sondern lebt fortan im Exil in Gaza.

"Im Gefängnis spielt es keine Rolle, welcher Religion du angehörst", sagt Bandak am Telefon. "Wir sind alle in derselben Situation." Fast neun Jahre verbrachte er hinter Gittern, mal in einer Zelle für acht Männer, mal mit insgesamt zehn Insassen in einem Raum. Mit dem harten Urteil wollten die Richter offenbar sicherstellen, dass Bandak nie wieder auf freien Fuß kommt. Er wurde beschuldigt, an der Planung und Ausführung mehrerer Bombenanschläge beteiligt gewesen zu sein.

Chris Bandak selbst spricht nur von Schüssen auf israelische Siedler, bei denen, wie er sagt, zwei Männer starben. Tatsächlich war sein Opfer eine 26-jährige Mutter von drei Kindern. "Manchmal muss man Dinge tun, die man nicht gern tut", sagt Bandak. Er habe nur auf ein Auto geschossen, ohne zu sehen, wer darin sitzt. Kinder habe er nie angegriffen, auch alte Menschen nicht, "obwohl auch auf unserer Seite viele Kinder und Alte gestorben sind".

"Ich glaube nicht, dass Gott zornig auf mich ist"
Vorerst wohnt Bandak in einem Hotel im Gazastreifen, wo er niemanden kannte. Die christliche Gemeinde in Gaza kümmere sich um ihn, sagt er, aber die meiste Zeit verbringt er mit anderen Ex-Häftlingen, die nicht in ihre Heimatorte im Westjordanland zurückdurften.

Auch Jesus habe bisweilen Gewalt angewandt, rechtfertigt sich Bandak. "Ich glaube nicht, dass Gott zornig auf mich ist", sagt der griechisch-orthodoxe Christ, der nach eigenen Worten nur noch ab und zu betet. Bandak spricht von der Tempelreinigung, als Jesus die Händler und Geldwechsler mit einer "Geißel aus Stricken" vertrieb. Weil politische Verhandlungen die Palästinenser im Kampf gegen die Besatzung nicht weiterbrachten, schloss er sich den Al-Aksa-Brigaden an, dem militanten Flügel der Fatah. "Es war der einzige Weg. Wir mussten uns zur Wehr setzen."

Die schlimmste Zeit im Gefängnis war, "als meine Mutter starb", sagt er, "und dass ich nicht bei ihr sein durfte." Seine "Mutter" ist eigentlich seine Großmutter. Sie kümmerte sich um Chris und seinen um ein Jahr älteren Bruder Chaber, nachdem der Vater einem Herzanfall erlegen war und die Mutter "mit einem Mann abhaute". Chaber Bandak arbeitet in Bethlehem als Webdesigner.

Chaber sitzt am Computer und betrachtet das Bild, das sein Bruder soeben gemailt hat. Ein Passfoto, das er ans Innenministerium weiterschicken will, damit Chris neue Papiere bekommt. "Nachdem unsere Großmutter gestorben ist, hat sich unsere Tante um ihn gekümmert", sagt Chaber. Er selbst habe nur ganz selten eine Reisegenehmigung erhalten, um seinen Bruder im Gefängnis zu besuchen. "Chris wird sich in Gaza schnell zurechtfinden", hofft Chaber.

Keine Arbeit in Sicht
Im Gefängnis konnte Chris Bandak per Fernstudium an der Hebräischen Universität vier Semester absolvieren. Politische Wissenschaft und Internationale Beziehungen sind seine Fächer, die er jetzt an einer der beiden Universitäten in Gaza abschließen will. Nur, wer die Kosten trägt, ist noch unklar. Nach dem Abitur, das er an dem lutherischen Gymnasium Talita Kumi ablegte, arbeitete er eine Weile im Kasino von Jericho.

In Gaza wird der Ex-Häftling so schnell keine Arbeit finden. Für die erste Zeit nach der Freilassung ist vorgesorgt: Die radikal-islamische Hamas ließ allen amnestierten Häftlingen ein Empfangsgeld von 2.000 US-Dollar zukommen. Palästinenserpräsident Machmud Abbas versprach jedem weitere 5.000 Dollar.

"Damit komme ich gerade mal über die ersten sechs Monate", schimpft der junge Mann, der fast sein gesamtes Erwachsenenleben hinter Gittern verbrachte. Trotz seiner Enttäuschung über die Fatah will er die Partei nicht verlassen. In die Politik zu gehen, wäre eine Möglichkeit für ihn, "oder ins Ausland". Nur kämpfen will er nie wieder.

Susanne Knaul