14.10.2011

Die Sozialethik Kardinal Höffners Sein "Geist sozialer Liebe" fehlt

Die Anti-Banken-Proteste der Wall Street weiten sich aus, am Samstag erreichten sie auch Deutschland. Und sie zeigen deutlich: Viele Menschen sind schon lange nicht mehr zufrieden mit unserem Wirtschaftssystem. Wie würde der vor 24 Jahren verstorbene Kölner Erzbischof Kardinal Höffner reagieren? Der Sozialethiker Elmar Nass im domradio.de-Interview.

domradio.de: Was waren die ethischen Schwerpunkte von Höffner, die er in die Gesellschaft eingebracht hat?
Nass: Zum einen hat er - das wird heute leider oft vergessen - einen großen Wert darauf gelegt, dass in der Gesellschaft nicht nur die Regeln in irgendeiner Form irgendwelchen Prinzipien entsprechen müssen, sondern dass es auch einen Geist geben muss, der diesen Werten entspricht. Er hat das einen Geist sozialer Liebe genannt. Das klingt vielleicht etwas altmodisch, was er aber damit meint, ist etwas ganz Zentrales: dass auch eine Grundhaltung der Menschen dazu kommen muss, ein ethisches Gewissen der Menschen - also sich nicht alleine auf Regeln der Politik verlassen, sondern auch auf die individuelle Verantwortung jedes Einzelnen.

domradio.de: Wie würde Höffner auf die Krise derzeit reagieren?
Nass: Er würde zum einen großen Wert darauf legen, den Menschen klarzumachen: Markt ist nicht schlecht, nur wir müssen wieder lernen, diesen Markt in einen entsprechenden Rahmen zu bringen. Und dieser Rahmen heißt: Es muss wirklich Grundprinzipen geben, die sich wieder am Menschen orientieren. In der Vergangenheit hat es immer wieder eine Grundhaltung der Gier und Macht gegeben, gerade in den Banken, und dagegen würde Höffner sagen: Das ist eine falsche Grundhaltung, die dazu führt, dass ganz viele Menschen dem ganzen System nicht mehr trauen können. Auch weil es nicht mehr das Prinzip des ehrenwerten Kaufmanns nicht mehr oft zu sehen ist. Höffner würde aber sagen: Solche Menschen brauchen wir wieder, auch in der Wirtschaft, auch an führender Position, die das Leben vorleben und auch davon sprechen.

domradio.de: In den USA, aber auch in Deutschland gehen  die Menschen auf die Straße. Sie trauen der Politik und den Finanzmärkten nicht. Wie passt denn Ethik heute in eine global ausgerichtete Politik und Wirtschaft?
Nass: Sie passt nicht nur da rein, sie ist grundnotwendig. Denn eine Wirtschaft, die sich selbst zur Ethik gemacht hat - das wird von vielen unterschätzt, das ist leider eine sehr mächtige Strömung unserer Zeit - ist das Grundproblem: dass das Machtstreben nach größerem Erfolg und Gewinn von vielen, auch führenden "Wirtschaftsethikern", uns heute als Ethik verkauft wird. Da würde Höffner ganz klar sagen, das ist eine Scheinethik, die uns irgendetwas vorgaukelt, die an die Stelle der Ausrichtung der Wirtschaft an der Bestimmung des Menschen vorbeigeht und den Menschen verführt, Scheinwerten zu folgen.

Hintergrund: Joseph "Kardinal" Höffner, der 73. Erzbischof von Köln, starb am 16. Oktober 1987. Er gilt bis heute als einer der profiliertesten katholischen Sozialethiker. An seinem 24. Todestag (16.10.2011) erinnert Joachim Kardinal Meisner im Kölner Dom an seinen Vorgänger auf den Bischofsstuhl, domradio.de überträgt live. Der Aachener Sozialethiker Elmar Nass ist ab Montag (17.10.2011) für die Auslegung des Tagesevangeliums bei domradio.de verantwortlich.

Das Gespräch führte Christian Schlegel.