05.10.2011

Deutschland startet seinen Truppenabzug aus Afghanistan Ohne großen Bahnhof

Zehn Jahre nach dem ersten Bundeswehreinsatz in Afghanistan beginnt Deutschland mit dem Abzug seiner Truppen. Doch viele Soldaten sind es nicht. Der Verteidigungsminister sieht auch deshalb keinen Anlass zu feiern. Katholiken bewerten den sukzessiven Abzug gemischt.

Noch in diesem Monat werde der Personalumfang erstmals um rund 100 Soldaten reduziert, sagte Verteidigungsminister Thomas de Maizière (CDU) der Nachrichtenagentur dapd in Berlin. Dieser Abzug sei zwar relativ klein, aber ein "Zeichen der Trendumkehr". In den vergangenen Jahren war die Zahl der deutschen Soldaten immer weiter aufgestockt worden und liegt heute bei knapp 5.300 Mann.

Die Reduzierung wird nach den Worten de Maizières nicht als Abzug einer Einheit erfolgen, sondern im Rahmen des ohnehin anstehenden Kontingentwechsels. Die 100 Soldaten würden also nicht so abgezogen, "dass man sie sozusagen mit großen Bahnhof begrüßen könnte". Auch halte er es für "unangemessen", irgendetwas zu zelebrieren, "um am Flughafen in Köln irgendwie dann aus reiner Symbolik Soldaten zu begrüßen. Das geben die Zahlen nicht her und dafür stehe ich nicht zur Verfügung."

Konflikt aus der Friedensethik des Evangeliums
Die katholische Friedensinitiative Pax Christi hatte seit Kriegsbeginn vor zehn Jahren stets ein Ende des westlichen Einsatzes und einen Truppenabzug gefordert. Militärbischof Overbeck sprach sich nach einem Afghanistanbesuch 2011 gegen einen "Radikalpazifismus" und einen vorschnellen Abzug der Bundeswehr aus Afghanistan aus. Im Interview mit domradio.de aus Anlass des zehnten Jahrestages des Kriegsbeginnes sprach Johannes Schnettler, Vizepräsident der deutschen Sektion von Pax Christi, von dem "klassischen Konflikt, der sich aus der Friedensethik des Evangeliums ergibt: Liebe Deine Feinde und liebe Deinen Nächsten".

Die Deutsche Bischofskonferenz  stelle die Sorge für die Menschen in Afghanistan in Vordergrund, "sie will den Zivilpersonen stabile Strukturen ermöglichen", so Schnettler damals weiter: "Hier sind wir uns einig, nur sagen wir: Der Weg dahin ist nicht mit Mitteln der Gewalt zu erreichen. Wir setzen auf den Dialog, auch mit den Taliban."

Abzug wird schwierig
De Maizière dämpfte in dem aktuellen Agentur-Interview Hoffnungen auf einen raschen und kontinuierlichen Truppenabzug. Deutschland habe die Verantwortung im Norden Afghanistans, und 17 anderen Staaten seien von der Bundeswehr abhängig. Deswegen müsse ein solcher Abzug "aus fachlichen Gründen, aber auch aus Bündnisgründen koordiniert werden". Hinzu komme, dass sich die Nachschub- und damit faktisch auch die möglichen Abzugswege von der West-Ost-Richtung über Pakistan hin in den deutschen Verantwortungsbereich im Norden verlagerten. Das müsse bei allen Planungen berücksichtigt werden.

Jedoch bekräftigte der CDU-Politiker die Pläne der Bundesregierung, bis Ende 2014 die Kampftruppen nach Hause zu holen, sollte es die Lage zulassen. "Können Sie versprechen, dass Ende 2014 die letzten Soldaten zurückkommen, werde ich oft gefragt", fügte de Maizière hinzu. Das könne er "natürlich nicht". Aber die Abzugspläne seien "eine Erfolg versprechende Strategie, nicht eine Erfolg garantierende Strategie".

Friedensgespräche auch mit den Taliban
Zu den Forderungen der afghanischen Opposition, sich nicht auf Verhandlungen mit den Taliban einzulassen, sagte der Maizière, ein Land wie Afghanistan ohne eine zentralstaatliche Tradition könne nicht Frieden finden, wenn nicht "alle relevanten Teilnehmer und Gruppen in irgendeiner Art und Weise daran beteiligt werden". Das müsse das Ziel von Friedens- und Fortschrittsverhandlungen sein.

Von selbst verstehe sich, dass dabei bestimmte Bedingungen wie Gewaltverzicht und Anerkennung von Rechtsgrundlagen erfüllt werden müssten, unterstrich de Maizière. Ob das am Beginn oder am Ende solcher Verhandlungen stehe, sollte dem Verhandlungsprozess überlassen werden. "Aber ohne jedenfalls einen Teil dessen, was man gemeinhin als Taliban bezeichnet, wird es nicht dauerhaft Frieden geben."