20.09.2011

Der Sozialethiker Friedhelm Hengsbach über Folgen und Grenzen des Kapitalismus Wir Knochengerüste des Kommerzes

Friedhelm Hengsbach ist einer der bekanntesten Sozialethiker Deutschlands. Im Interview mit domradio.de spricht der Jesuit über die Folgen eines Wirtschaftssystems, das den Menschen aus den Augen verloren hat - und seine natürlichen Grenzen.

domradio.de: Sie haben mal gesagt: Die Wirtschaft prägt unser Leben bis auf unser Skelett. Warum?
Hengsbach: Weil es die Voraussetzung ist auch für ein gelingendes Leben. Ohne eine gewisse materielle Ausstattung und auch die Dienstleistung, die wir wie selbstverständlich in Anspruch nehmen, auch Dienstleistung, die unsere Gesundheit wieder herstellt oder uns Bildungsmöglichkeiten eröffnet, ist vermittelt über das Geld. Und auch über wirtschaftliche Anstrengung, also auch Arbeit. Insofern gehört das einfach zum täglichen Kontext, in dem wir leben. Andererseits gibt es natürlich auch eine Art Imperialismus. 30 Jahre lang hieß es, der Markt ist immer besser als Verständigung, als Solidarität, und deshalb muss alles, was in der Gesellschaft irgendwie bedeutsam ist, ökonomisiert oder kommerzialisiert werden. Und das ist das Bedenkliche, das uns tatsächlich bis ans Skelett herangeht: dass es uns kein Herz mehr lässt, kein Empfinden für andere Menschen, keine familiären Solidaritäten stärkt, sondern sie eher noch mal zersetzt. Auch den Schulen: Es wird ja alles jetzt durch Qualitätsmanagement und durch Dokumentationen in ein kommerzielles Muster hineingesetzt. An den Hochschulen ist das so, in den Krankenhäusern, in den Sozialstationen und den Pflegeheimen. Das ist das Erschreckende: dass wir praktisch nur noch als Knochengerüst des Kommerzes durch die Welt laufen.

domradio.de: Warum tun wir das? Warum ist der Kommerz das Qualitätsmanagement?
Hengsbach: Wie will ich die Qualität eines Menschen erkennen? Oder wie will ich Qualität eines Krankenhauses oder einer Bildungseinrichtung erkennen? Am Ende wird alles in Finanzkennziffern umgesetzt. Früher war der Markterfolg gleichsam das Kriterium, woran der Wert eines Unternehmens gemessen wurde, auch an den Kompetenzen der Mitarbeiter, an der Befriedigung der Kundenwünsche, an einer Leistung, die Kundenwünsche befriedigt. Heute ist es, wenn extrem wie bei den DAX-Unternehmen, eine reine Finanzkennziffer. Das ist das Negative: dass uns praktisch der Kommerz beherrscht.

domradio.de: Wie können wir uns davon wieder lossagen?
Hengsbach: Es gibt Gegenbewegungen. Die Grüne Bewegung ist ein Element: Die Wirtschaft darf nicht die Natur zerstören. Früher hat sich die Arbeiterbewegung dagegen gewehrt, dass wirtschaftliche Kategorien die Gesundheit gefährden. Oder Lohn bringt, der eine Familie miternähren kann. Es gibt auch jetzt wieder Gegenbewegungen, zum Beispiel, eine Gegenbewegung gegen das Übergewicht des Finanzkapitalismus. Das ist die positive Seite: dass nichts so weit getrieben werden kann, dass unsere Knochen angefressen werden können. Davor gibt es Leute, die sagen: Ihr habt ein Herz, Ihr habt Organe, Ihr habt doch Empfindungen, die Liebe ist doch tausend Mal wichtiger, als dass die Kasse stimmt.  

Das Gespräch führte Angela Krumpen.

Friedhelm Hengsbach war am Dienstag zu Gast bei domradio.de "Menschen". Hören Sie hier die Sendung in voller Länge nach.

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