10.06.2011

Sachsens Slawen vor der Seligsprechung von Alois Andritzki "Für die Sorben ein Glücksfall"

Für die katholische Weltkirche ist es ein beinahe gewöhnlicher kirchenrechtlicher Akt, für das Bistum Dresden-Meißen dagegen ein Jahrtausendereignis: Am Pfingstmontag wird der Priester und NS-Gegner Alois Andritzki in Dresden feierlich seliggesprochen.

Nach dem gerade zu Ende gegangenen Deutschen Evangelischen Kirchentag steht die Elbestadt erneut vor einem religiösen Großereignis. Vor allem Deutschlands einzige alteingesessene slawische Minderheit, die Sorben, verbindet damit große Erwartungen.

An den Außentüren der Kirche Maria Rosenkranzkönigin in Radibor hängen seit Wochen schon Plakate mit dem Hinweis auf die "Zboznoprajenje", wie Seligsprechung auf Obersorbisch heißt. Aus dem Ort in der Oberlausitz stammt Andritzki. Einige Einwohner können sich an den berühmten Sohn des 700-Seelen-Gemeinde noch erinnern. Etwa Joachim Nawka, der mit ihm befreundet war. Beide saßen auf derselben Schulbank, spielten gemeinsam Fußball und wohnten im selben Haus, das heute in der "Droha Alojsa Andrickeho", der Alois-Andritzki-Straße, steht.

"Als Junge war er ganz normal"
"Als Junge war er ganz normal", versichert der heute 95-jährige Nawka. Zum Vorbild ist ihm sein Freund aus frühen Tagen dennoch geworden: "Heilig wird man nicht in der Jugend, sondern erst mit seinem Leben". Und das, betont Nawka, bezeugte sein Freund Alois gerade in seinem Tod. Als "Märtyrer des sorbischen Volkes" wird er seit langem schon in der katholisch geprägten Oberlausitz verehrt. Nach zwölfjährigem Seligsprechungsverfahren erkannte Ende 2010 auch Papst Benedikt XVI. Andritzki, der im Konzentrationslager Dachau durch eine Giftspritze starb, als Glaubensvorbild an.

Zeit seines Lebens war Andritzki als lebensfroher und unkonventioneller Priester bekannt, gleichzeitig aber auch als entschiedener Gegner der Nationalsozialisten. Wegen Verstoßes gegen ihr sogenanntes "Heimtückegesetz" verurteilten sie ihn 1941 in Dresden zu sechs Monaten Haft. Anschließend kam er nach Dachau, wo er mit 28 Jahren starb.

Vereinnahmung durch die DDR
Die Sorben gedachten ihres Märtyrers schon bald nach Kriegsende. 1946 enthüllten Studenten aus ihren Reihen an der Radiborer Kreuzkirche eine erste Tafel: "Na cesc kaplana Alojsa Andrickeho" ("Kaplan Alois Andritzki zur Ehre"). Das DDR-Regime versuchte, ihn als "Antifaschisten" zu vereinnahmen, und blendete aus, dass er auch katholischer Priester war. "Widerstandskämpfer, na schön und gut, aber dann versteht man ihn gar nicht", schüttelt der Radiborer Pfarrer Stephan Delan den Kopf. Der 54-Jährige betont, dass Andritzkis Kritik am Nationalsozialismus nicht von seinem Glauben zu trennen ist.

Vor vier Monaten hatte Delan, der ebenfalls Sorbe ist, ein Porträt seines ermordeten Amtsbruders in einer Prozession mit rund 3.000 Teilnehmern durch die Dresdner Innenstadt getragen. Am 5. Februar, zwei Tage nach Andritzkis Todestag, wurde die Urne mit seinen sterblichen Überresten bereits in die katholische Kathedrale überführt. Nur selten wird heute noch so viel auf Obersorbisch gebetet und gesungen wie bei dieser feierlichen Reliquienübertragung. Für Beobachter war es auch eine beeindruckende Kundgebung der slawischen Minderheit, die um ihr kulturelles Überleben kämpft.

"Die Seligsprechung ist für die Sorben ein Glücksfall", ist sich Dietrich Scholze sicher. Er ist Direktor des Sorbischen Instituts in Bautzen. Manche Deutsche erfahren dadurch erstmals von der Existenz der 1.600 Jahre alten slawischen Minderheit in deutschem Umfeld, betont er. Denn mit Andritzki wird erstmals ein Sorbe seliggesprochen - und erstmals seit 500 Jahren wieder ein Sachse.

Markus Nowak