08.01.2011

Merkel mahnt Religionsfreiheit an "Glauben ist Menschenrecht"

Bundeskanzlerin Angela Merkel hat zur weltweiten Verteidigung der Religionsfreiheit aufgerufen. Es sei "eines der großen Menschenrechte", dass Menschen ihre Religion frei leben können. Unionsfraktions-Chef Volker Kauder hat derweil überraschend in Ägypten das das Oberhaupt der koptisch-orthodoxen Kirche getroffen.

Papst Schenouda III. dankte Schenouda Kauder und seinen Begleitern für den Besuch. Die Unterstützung sei wichtig für die Christen in Ägypten. Zugleich sprach er nach Angaben der Delegation von großer Angst der Christen, dass es zu weiteren Anschlägen gegen die koptische Kirche in Ägypten kommen könne. Kauder, der von mehreren Abgeordneten begleitet wurde, überbrachte dem 87-jährigen Geistlichen die Anteilnahme seiner Fraktion und von Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU). Er verstehe den Besuch eine Woche nach dem Attentat von Alexandria, das 23 Menschen das Leben gekostet hatte, als Zeichen der Solidarität zu den Christen in Ägypten.

Schenouda sagte, die Muslime seien für die Christen wie Brüder. "Uns verbindet eine große Liebe", meinte er. Gleichwohl seien die Christen verängstigt und in Sorge vor weiteren Anschlägen. Die ägyptische Regierung tue alles in ihrer Macht Stehende, um die Kirchen zu schützen.

Kauder war am heutigen Samstag mit der Fraktions-Kirchenbeauftragten Maria Flachsbarth und der Vize-Vorsitzenden des Bundestags-Menschenrechtsausschusses, Ute Granold (CDU) nach Ägypten geflogen. Er will dort auch Gespräche mit der Regierung sowie Vertretern der Muslime führen. Sein Besuch endet am Montag.

Merkel rief unterdessen in ihrem wöchentlichen Video-Podcast zur weltweiten Verteidigung der Religionsfreiheit auf. Dass Menschen ihre Religion frei leben könnten, sei "eines der großen Menschenrechte", sagte Merkel. Mit Blick auf das Attentat betonte sie, die Bundesregierung sei sehr dankbar, dass die ägyptische Regierung den Anschlag in aller Form verurteilt habe.

"Grundlegende Freiheit"
"Wir alle sind verpflichtet, für Religionsfreiheit einzutreten - genauso wie für Meinungsfreiheit, Pressefreiheit und andere grundlegende Freiheiten", fügte die Bundeskanzlerin hinzu. Deutschland werde immer darauf achten, dass diese grundlegenden Freiheiten eingehalten werden, so Merkel weiter. Das gelte in Deutschland selbst, aber die Bundesregierung werde auch international dafür eintreten, "dass Religionsfreiheit auch wirklich gelebt werden kann".

Nicht überall auf der Welt könnten Christen wirklich ungestört leben, beklagte die CDU-Politikerin. Deshalb sei es "unser Anliegen, Christen, aber auch anderen Religionen zu einem Leben in Freiheit zu verhelfen". Merkel erinnerte an die Allgemeine Erklärung der Menschenrechte, die von fast allen Nationen der Welt akzeptiert sei. "Aber die Realität sieht an vielen Stellen anders aus."

"Das darf nicht geschehen"
Bei dem Anschlag waren in Alexandria 23 Menschen getötet worden. Die Attentäter von Alexandria hätten religiösen Hass erzeugen wollen, sagte Kauder. "Das darf nicht geschehen. Nicht in Ägypten und auch an keinem anderen Ort in der Welt", mahnte der Fraktionschef. Kauder setzt sich immer wieder für verfolgte Christen in aller Welt ein.

Kauders Reise findet kurz nach dem koptischen Weihnachtsfest statt. Auch in Deutschland haben Tausende koptische Christen am Donnerstagabend das Weihnachtsfest begangen. Wegen Terrorwarnungen hatte die Polizei den Schutz der Gotteshäuser verstärkt. Die Feiern verliefen überall friedlich und ohne Zwischenfälle.

An dem Rand der Gesellschaft
Obwohl die koptischen Christen seit fast 2.000 Jahren Kultur, Wirtschaft und Politik des Landes mitgeprägt haben, drängt sie die sich wandelnde ägyptische Gesellschaft immer mehr an den Rand. Zahlreiche Kirchen in Kairo zeugen von ihrer langen Tradition. In der Gegenwart gehören sie dagegen immer häufiger zu den Ärmsten der Armen, etwa im Osten der Hauptstadt am Fuße des El Moqattam Berges.

Dort sammeln und trennen sie Müll. Aber es geht auch anders: Manche leben im luxuriösen Heliopolis als Nachbarn von Präsident Hosni Mubarak und sind in der gut situierten Mittelschicht auf der Nilinsel Zamalik zu finden. Ihre politische Präsenz ist in den letzten Jahrzehnten dennoch deutlich zurückgegangen. Waren 1942 noch 10 Prozent der Parlamentsabgeordneten Kopten, sind es heute nach unterschiedlichen Angaben zwischen zwischen 0,5 und 1,5 Prozent.