22.11.2010

Unterschiedliche Reaktionen auf Kondom-Äußerungen des Papstes Zwischen Zurückhaltung und Freude

Die Reaktionen auf die Kondom-Äußerungen von Papst Benedikt XVI. fallen sehr unterschiedlich aus. domradio.de Chefredakteur Ingo Brüggenjürgen sagt jenseits aller inhaltlichen Bewertungen: "Dass die Debatte die Feierlichkeiten um die Kardinalserhebung überlagert hat, ist ein Kommunikationsdesaster."

Hören Sie hier die Einschätzung von Ingo Brüggenjürgen nach.

Der Chef des katholischen Entwicklungshilfswerks Misereor, Josef Sayer, begrüßt die vorsichtige Öffnung der katholischen Kirche gegenüber der Nutzung von Kondomen. Der "Frankfurter Rundschau" sagte er am Montag (22.11.21010): "Wir machen uns ein Stück weit ehrlicher. In der Praxis freilich waren wir längst dort angekommen. Unsere Partner haben Kondome nicht ausgeschlossen, weil sie in ihnen ein Mittel im Kampf gegen den Tod durch Ansteckung sahen."

Wenn Papst Benedikt XVI. jetzt auf medizinische Aspekte der Verringerung der Ansteckungsgefahr abhebe, dann liege das eben auf der Linie der pastoralen Praxis vor Ort, erläuterte Sayer. "Ich finde es hervorragend, dass Papst Benedikt XVI. zur Kenntnis nimmt und unterstreicht, was die Kirche alles leistet in der HIV-Prävention und der Betreuung Aidskranker. Das ist schon heute enorm. Und wenn der Papst noch größeren Einsatz fordert, gebe ich ihm auch da Recht." Gleichzeitig mahnte Sayer, dass eine Aufhebung des Kondomverbots in der katholischen Kirche keine Lösung des Aids-Problems bedeute. Aids sei nur in den Griff zu bekommen, wenn "wir eine Kultur verantwortlicher Sexualität aufbauen. Darum geht es Benedikt. Dazu braucht es eine umfassende Sexualerziehung, beginnend in den Familien".

Auch die Deutsche AIDS-Hilfe (DAH) begrüßte die Äußerungen von Benedikt XVI. Sie seien ein wichtiger Schritt im Kampf gegen HIV und Aids, erklärte DAH-Vorstandsmitglied Tino Henn am Montag in Berlin.

EKD-Ratspräsident Schneider begrüßt Aussage
Der Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD), Nikolaus Schneider, sagte der Nachrichtenagentur dapd in Rom: "Wenn es eine Öffnung ist zum Kondomgebrauch, kann ich das nur begrüßen." Allerdings kenne er den Text noch nicht. Den Gebrauch von Kondomen zu verbieten, habe er noch nie für richtig gehalten, schon allein wegen der Aids-Problematik, betonte Schneider.

Der Leitende Bischof der Vereinigten Evangelisch-Lutherischen Kirche Deutschlands, Johannes Friedrich, sagte, er wäre "froh", wenn sich jetzt die Meinung durchgesetzt hätte, dass die Verwendung von Kondomen zur Vorbeugung von Aids in bestimmten Fällen angebracht ist. "Weil das Menschen das Leben retten könnte", argumentierte Friedrich.

Die Präsidentin des Zentralrats der Juden in Deutschland, Charlotte Knobloch, sagte, die Verlautbarung des Papstes sei von vielen Menschen freudig aufgenommen worden. Sie hoffe auf weitere Verlautbarungen dieser Art, "das ist positiv für alle Menschen dieser Welt".

Jaschke: Bestätigung der katholischen Morallehre
Von einem "überraschenden Schritt" spricht der emeritierte Münchner Moraltheologe Johannes Gründel. Der Papst lasse erstmals eine Güterabwägung zu, sagte Gründel der Katholischen Nachrichten-Agentur. Wenn ein Kondom verwendet werde, um einen anderen Menschen vor einer HIV-Infektion zu schützen, werde ein geringeres Übel in Kauf genommen, um ein größeres zu vermeiden. Der Schutz des Lebens stehe so im Vordergrund. Mit diesen päpstlichen Äußerungen sei keineswegs ein volles Ja zur allgemeinen Empfängnisverhütung verbunden, erinnerte Gründel.

Der Hamburger Weihbischof Hans-Jochen Jaschke sieht eine Bestätigung der katholischen Morallehre. Es sei gut, dass der Papst das jetzt so klar und deutlich gesagt habe, erklärte Jaschke im Deutschlandfunk. In bestimmten Situationen könne das Kondom der "Anfang der Moralität" sein, fügte Jaschke hinzu. Benedikt habe sich bereits früher entsprechend geäußert, allerdings nicht so deutlich und offiziell wie jetzt in dem Buch-Interview. Die Papstworte führten daher auch zu einem Stück Klärung und Befreiung.

Die Papstäußerungen zum Kondomgebrauch zeigen nach Einschätzung des Freiburger katholischen Moraltheologen Eberhard Schockenhoff, dass sich Benedikt XVI. den Realitäten des sexuellen Lebens der Menschen stellt. "Man darf eine einzelne Interviewäußerung sicher nicht überbewerten. Aber die Papstworte zeigen eine erstaunliche Realitätsnähe, die man in vielen kirchlichen Lehramtsäußerungen nicht findet." Zwar sei das Interview eindeutig keine offizielle Lehraussage der Kirche, dennoch hätten die Äußerungen großes Gewicht und erhebliche Verbindlichkeit. "Ich denke, eine künftige lehramtliche Äußerung zur Sexualmoral kann eigentlich nicht mehr hinter das zurückfallen, was der Papst hier als private Interviewäußerung gesagt hat", so der Professor für Moraltheologie.

Französische Kirchenführer: Keine Revolution
Französische Kirchenführer dagegen reagierten zurückhaltend. Sie stellten keine Meinungsänderung dar, erklärte Kardinal Philippe Barbarin von Lyon in der Tageszeitung "Le Parisien". Sexualität müsse Ausdruck der in Treue gelebten Liebe sein. Wenn dies nicht der Fall sei und die Sexualität schon nicht Quelle des Lebens sei, dürfe Sexualität zumindest nicht Quelle des Todes werden.

Bischof Stanislas Lalanne von Coutances, früherer Sprecher der Bischofskonferenz, sagte im Rundfunksender "Europe1", die Äußerungen des Papstes seien keine Revolution. Allerdings sei die Haltung klarer ausgesprochen worden als früher. Lalanne schloss aus, dass der Papst künftig über die von Benedikt XVI. jetzt vertretene Linie hinausgehen werde.

In der Tageszeitung "La Croix" urteilte der Moraltheologe Xavier Lacroix, es handele sich nicht um eine grundlegende Kursänderung. Benedikt XVI. wie sein Vorgänger Johannes Paul II. hätte immer hervorgehoben, dass Präservative nicht das einzige Mittel zur Bekämpfung von Aids sein dürften.

Auch der Religionshistoriker Frederic Lenoir erinnerte daran, dass Enthaltsamkeit und Treue weiter in katholischer Sicht die entscheidenden Werte blieben. Es gehe dem Papst nicht um alltäglich gelebte Sexualität, sondern einen bestimmten Fall der Gesundheitsvorsorge. Hier wende er nur die Lehre vom kleineren Übel an.

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