11.10.2010

Bischofskonferenz-Beauftragter zur laufenden Integrationsdebatte Weniger ein Problem der Religionen

„Wir brauchen Zuwanderung“, sagt Peter Hünseler, Leiter der CIBEDO, der Fachstelle der Deutschen Bischofskonferenz für den Dialog zwischen Christentum und Islam, „nur anders gesteuert“. Wie und seinen Eindruck der laufenden Debatte, erklärt der Islamwissenschaftler im Interview mit domradio.de.

domradio.de: Die Integrationsdebatte spitzt sich immer weiter zu - Ist das denn der Diskussion zuträglich?
Hünseler: Dass die Integrationsdebatte so ufer- und ziellos läuft, hat sicherlich auch damit zu tun, dass in den letzten Jahren hier keine konsequente Integrationspolitik betrieben worden ist. Oder recht wenig. Man hat die Dinge meistens sich selbst überlassen. Und nun ist eben in der Bevölkerung der Eindruck entstanden, hier ist überhaupt nichts getan worden, die Probleme wachsen uns über den Kopf und die Politik reagiert nicht. Deshalb gewinnt diese Debatte inzwischen eine Schärfe und einen Ton, die eigentlich der Sache nicht angemessen sind.

domradio.de: Wirkt eine polemisch geführte Debatte wie diese auf qualifizierte Einwanderer nicht eher abschreckend?
Hünseler: Wenn sie sie überhaupt wahrnehmen, dann wirkt das auf jeden Fall abschreckend. Wer sollte nach Deutschland kommen als hochgebildeter IT-Spezialist, als Arzt oder Forscher, wenn man hier die Ablehnung spürt, die ja generell dem Islam und generell muslimischen Einwanderern entgegengebracht wird.

domradio.de: Sie haben lange im arabischen Kulturkreis gelebt, warum meinen Sie, dass das Zusammenleben mit muslimischen Einwanderern als derart schwierig wahrgenommen wird?
Hünseler: Der Hauptgrund, warum wir hier in Deutschland Probleme mit muslimischen Einwanderern haben, liegt nicht so sehr am Islam, sondern an den durchaus vom Islam geprägten lokalen Traditionen der Länder, aus denen diese Einwanderer kommen. Und an deren Bildungsstand. Wir haben in Deutschland vorwiegend damals türkische Gastarbeiter angeworben, die zum Teil nicht mal lesen und schreiben konnten, die nicht Deutsch konnten, die aus Gebieten kamen, in denen die Bildungsstandards sehr niedrig waren. Das wurde auch gar nicht abgefragt. Heute haben sich diese Menschen entschlossen, ganz in der Bundesrepublik zu bleiben. Und der größte Teil dieses Problems ist ein kulturelles. Und ein soziales Problem, ein Schichtenproblem. Weniger ein Problem zwischen dem Islam und dem Christentum.

domradio.de: Sie sprechen ja öfters mit Muslimen - wie erleben die denn die Debatte, die derzeit in Deutschland an der Tagesordnung ist?
Hünseler: Sehr unterschiedlich. Zum Teil bekommen sie sie gar nicht mit, weil sie sich gar nicht in die öffentliche Kommunikation in Deutschland einschalten. Sie lesen ihre türkischen oder arabischen Zeitungen, hören ihr Radio und gucken ihr Fernsehen. Dort wird auch am Rande darüber berichtet, aber nicht sehr intensiv. Diejenigen, die das hier mitbekommen, die sind schon verwundert und schütteln den Kopf. Es ist auch nicht so, dass die nun sagen, die Deutschen haben da völlig unrecht. Die sehen durchaus die Probleme, die da sind, hätten diese Probleme aber gerne etwas differenzierter diskutiert.

domradio.de: Herr Seehofer fordert keine Zuwanderung aus der Türkei oder arabischen Staaten. Nach welchen Kriterien sollte denn Zuwanderung in Deutschland stattfinden?
Hünseler: Wir haben gute Beispiele in der Welt. Länder wie die USA, Kanada (Lesen Sie auch: Vorbild Kanada) oder Australien nehmen nach wie vor Menschen auf und gucken sie sich genau an: Passen die in das Land hinein? Sprachlich, bildungsmäßig, mentalitätsmäßig. Haben sie Schwierigkeiten mit einer offenen, pluralen Gesellschaft? Oder kommen sie mit einem Weltbild an, was hier absolut nicht reinpasst? Das sind natürlich Kriterien. Wir müssen unsere Zuwanderung steuern, nach inhaltlichen Kriterien, die wir jetzt nicht ganz neu erfinden müssen, die gibt es bereits in verschiedenen Ländern. Und wenn wir das tun, dann wird sich das auch ändern. Wir haben heute in der Bundesrepublik 44 Millionen Erwerbsfähige. Und es ist ausgerechnet, dass das, wenn wir keine Zuwanderung bekommen, 2050 nur 26 Millionen Erwerbsfähige haben. Wie damit eine Wirtschaft der Bundesrepublik Deutschland noch erfolgreich gefahren werden soll, kann einem nur schleierhaft sein. Wir brauchen Zuwanderung. Und wir müssen sie in Zukunft qualitativ steuern.
--Das Gespräch führte Christian Schlegel.

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