03.10.2010

Predigt Prälat Dominik Schwaderlapp 3. Oktober 2010 in der Dresdner Hofkirche

Liebe Schwestern und Brüder!

1. Es ist im September 1987. Der damalige Bischof von Berlin, Joachim Kardinal Meisner, hat erfahren, dass Johannes Paul II. beabsichtigt, ihn als Erzbischof nach Köln zu versetzen. Kardinal Meisner sucht den Papst auf. Er möchte ihn von seinem Vorhaben abbringen. Wenige Monate zuvor hat er hier in Dresden beim legendären Katholikentreffen dafür geworben, dass die Christen die DDR als Ort ihrer eigenen Berufung entdecken. Seine Versetzung nach Köln würde dieser Botschaft widersprechen. Wir wissen es: Joachim Meisner konnte Papst Johannes Paul II. nicht überzeugen. Bei jenem Treffen im September 1987 in Castel Gandolfo sagte ihm der Papst: "Sie werden der erste sein von vielen, die von Osten nach Westen gehen und umgekehrt. Das System kippt." Meisner wollte dies - wie wohl die meisten zu dieser Zeit - nicht glauben und fragte den Papst, ob er Hinweise von Geheimdiensten habe. Daraufhin wies der Papst nur mit dem Zeigefinger in den Himmel und sagte schmunzelnd: "Dort ist mein Geheimdienst."

Gut 3 Jahre später, es ist die Nacht zum 3. Oktober 1990, dem Tag der Wiedervereinigung. Sehr gut erinnere ich mich. Zu dieser Zeit war ich Theologiestudent und Priesteramtskandidat in Bonn. Wir gehen aus dem Collegium Albertinum zum Bonner Marktplatz. Die Stimmung ist unbeschreiblich. Auf einer Leinwand wird die Wiedervereinigungsfeier aus Berlin übertragen. Die Menschen jubeln, feiern und sind glücklich: "Deutschland, einig Vaterland" - Es ist vollbracht. Noch heute bekomme ich feuchte Augen, wenn ich an die Bilder von damals denke.

Was hat dazu geführt, dass das, was wenige Jahre zuvor für utopisch gehalten wurde, so überstürzend schnell zur Realität wurde? War die Wiedervereinigung das Ergebnis eines jahrelang gezielten Strebens aller gesellschaftlichen Kräfte? Oder wurden diese Kräfte nicht viel mehr von der Realität geradezu überrollt? War die Einheit Ergebnis menschlicher Leistung? Oder gelang sie nur durch eine Aneinanderreihung von "Zufällen" - wobei wir als Christen wissen: Zufall, das ist lediglich der Künstlername des lieben Gottes.

Wer lenkt die Geschichte? Gott - und wir Menschen sind dabei nur Statisten? Oder lenkt der Mensch die Welt, und Gott ist der Statist, der aus der Distanz zuschaut, was die Menschen alles so treiben? Wie wirken Gott und wir Menschen zusammen?

2. Antwort finden wir im heutigen Evangelium. Da ist vom Glauben die Rede, der Berge versetzen kann. Gottes Wille und der des Menschen verschmelzen miteinander. Gott wirkt durch den menschlichen Glauben und verändert die Welt.

Aber im Umkehrschluss bedeutet dies auch: Alles Mühen des Menschen ist nutzlos, wenn Gott nicht das Seine dazu tut. Der Herr bringt es im Evangelium auf den Punkt: "Wenn ihr alles getan habt, was euch befohlen wurde, sollt ihr sagen: Wir sind unnütze Sklaven; wir haben nur unsere Schuldigkeit getan" (Lk 17,10).

Gott ist der Herr von Welt und Geschichte. Aber er bezieht uns in sein Wirken ein. Gott handelt, aber er ersetzt nicht unser Mittun. Wir Menschen sind gefordert, aber ohne Gott vermögen wir nichts. Die Souveränität Gottes, der Herr von Zeit und Ewigkeit ist, und der Einsatz des Menschen, den Gott einfordert, gehören zusammen wie die Brennpunkte einer Ellipse. Der Wahlspruch der Schönstatt-Bewegung bringt es auf den Punkt: "Nihil sine te, nihil sine me!" - Nichts ohne dich, nichts ohne mich.

3. Der Zusammenhang von Souveränität Gottes und Einsatz des Menschen wird in einer Person besonders greifbar, die wesentlichen Anteil daran hat, dass wir heute voller Dankbarkeit den 20. Jahrestag der Wiedervereinigung unseres Vaterslandes begehen dürfen. Ich meine Papst Johannes Paul II. Er war jemand, der mit unerschütterlicher Glaubensüberzeugung tief in Gott verwurzelt war. Er war überzeugt: Gott ist stärker als jede menschliche Schwäche, Gottes Güte vermag jede menschliche Bosheit zu besiegen. Der Kraft und Allmacht Gottes vermag keine Mauer standzuhalten.

Zugleich hat er aber auch begriffen, dass sich Gott der Menschen bedient, um in dieser Welt zu wirken und präsent zu sein. Und so hat er sich mit aller Kraft und Hingabe als Mensch, Priester, Bischof und Papst der Aufgabe verschrieben, Christus in dieser Welt präsent und berührbar zu machen. Seine Worte, Taten, ja sein ganzes Leben ist ein leuchtendes Zeugnis dafür: Die Freiheit der Kinder Gottes lässt sich durch kein gottloses Zwangssystem einengen. So stark die Mächte der Unterdrückung in dieser Welt sein mögen, gegen Gottes befreiende Liebe sind sie machtlos.

1992 schrieb der frühere Generalsekretär der KPDSU und Präsident der Sowjetunion, Michail Gorbatschow: "Alles, was in den letzten Jahren in Osteuropa geschehen ist, wäre ohne diesen Papst nicht möglich gewesen - ohne die, auch politische, Rolle, die er auf der Weltebene zu spielen verstand."

In Johannes Paul II. hatten wir einen Papst, der durch seinen Glauben zwar nicht Berge versetzt, aber Mauern zum Einsturz gebracht hat. Was ist wohl schwieriger? Und bei alldem war er sich bewusst und davon überzeugt, dass er nur ein "unnützer Sklave" war, der nichts als seine "Schuldigkeit getan" (Lk 17,10) hat. Johannes Paul II. spiegelt in seiner Persönlichkeit wider: Gottes Souveränität und Einsatz des Menschen gehören zusammen: "Nichts ohne dich, nichts ohne mich!"

4. Was bedeutet das nun für Sie und mich heute Morgen, hier in dieser wunderschönen Dresdner Hofkirche, genau 20 Jahre nach dem Tag der Wiedervereinigung? Was können wir mitnehmen in den Alltag, den Sie und ich heute zu bestehen haben? Drei Hinweise möchte ich uns auf den Weg geben:

Gottvertrauen
Das Wort Johannes Paul II. wäre nicht möglich gewesen ohne das unzerstörbare Vertrauen in Gottes Kraft, die stärker ist als alle menschliche Schwäche. Immer wieder zeigt uns die Geschichte: Die scheinbar Großen der Welt und ihre Reiche, sie sind alle nach und nach untergegangen und werden auch in Zukunft weiter untergehen. Aber Gott und Glaube, Jesus Christus und seine Kirche sind nicht untergegangen und werden nicht untergehen.

Als ich vor sechs Jahren Generalvikar wurde, sagte mir der damalige Kölner Dompropst Bernard Henrichs, ein guter Mitbruder und humorvoller Rheinländer: "Mach dir keine Sorgen! Es haben schon so viele vor dir versucht, das Erzbistum Köln an die Wand zu fahren. Es ist ihnen nicht gelungen, es wird auch dir nicht gelingen" - ein wirklich ermutigendes Wort! Gott ist stärker als meine Schwäche.

Jeder von uns trägt ja seine persönlichen Sorgen in seinem Herzen: Sorgen in Beruf, Ehe und Familie, die uns bedrücken können. Und wenn wir darüber hinaus in die gegenwärtige Welt schauen, dann gibt es auch dort vieles, was uns Sorgen und schlaflose Nächte bereiten könnte: Wie geht es weiter mit dem Glauben in einer immer weltlicher werdenden Welt, in einer Gesellschaft, die immer weniger Verständnis für Gottes Wahrheit über Welt und Mensch hat? Wie können Menschen heute noch zur Kirche und ihrer Verkündigung Vertrauen fassen, wenn es so viel Versagen gibt bis hin zum Kindesmissbrauch? Wie können junge Menschen zum Glauben finden, wenn es kaum noch Eltern und andere gibt, die ihnen diesen Glauben verkünden? Und, und, und. Die Sorgen sind unzählig, und auf uns allein gestellt sind wir wahrhaftig hilf- und ratlos!

Aber haben wir Vertrauen! Nicht wir müssen Herren der Welt sein, nicht wir müssen Herren der Kirche sein. Ja, wir müssen nicht einmal die Herren unseres eigenen Geschicks sein. Wir ruhen in Gottes Hand, und er kann aus Wenig Viel machen, kann Wasser in Wein, Schuld in Liebe verwandeln! Er kann dies tun, wie er undurchdringliche Mauern niederzureißen vermag. Gott ist ein großer Künstler, der auch mit uns sehr unvollkommenen Pinseln ein großartiges Bild zu malen vermag. Haben wir also Gottvertrauen!

Ausdauer
Joachim Meisner hat im Jahr 1987 Papst Johannes Paul II. nicht geglaubt, dass die Mauer fallen wird. Aber nicht nur er: Kaum jemand hat dies für möglich gehalten. Johannes Paul II. hat Ausdauer bewiesen. Er hat sich nicht durch Hiobsbotschaften und Rückschläge verunsichern lassen. Und mit Johannes Paul II. haben viele von Ihnen, die hier in diesem Gebiet der ehemaligen DDR groß geworden sind, jahrzehntelang mit Ausdauer den Glauben durchgetragen. Sie haben in einer glaubensfeindlichen Umwelt am Glauben festgehalten und mussten Nachteile in Kauf nehmen. Wir im Westen hatten es da viel leichter. An dieser Stelle möchte ich ausdrücklich bekennen: Mein großer Respekt gilt all denen, die auch uns dieses Zeugnis von Ausdauer und Glaubensfestigkeit geschenkt haben.

Genau diese Glaubensfestigkeit, die Sie früher in einem glaubensfeindlichen Staatssystem gezeigt haben, die benötigen wir heute alle gemeinsam. Lassen wir uns nicht von jenen verunsichern, die wieder einmal den Totengesang auf Glaube und Kirche anstimmen, die uns wieder einmal voraussagen, dass wir keine Zukunft haben. Geben wir nicht der Versuchung nach, uns anzupassen, damit wir stromlinienförmig und "political correct" in dieser Welt aufgehen. Paulus ermuntert uns in der heutigen Lesung aus dem 2. Timotheus-Brief: "Gott hat uns nicht einen Geist der Verzagtheit gegeben, sondern den Geist der Kraft, der Liebe und der Besonnenheit. Schäme dich also nicht, dich zu unserem Herrn zu bekennen" (Tim 1,7-8).

Ja, es gibt Momente, wo wir davonlaufen möchten, wo uns alles einfacher, bequemer und angenehmer erscheint, als den Glauben zu bewahren, zur Kirche zu stehen und ein christliches Leben zu führen. Hier ist Ausdauer gefragt, oder mit einem anderen Wort: "Tapferkeit". Ohne Tapferkeit ist kein Leben in Treue möglich, weder in Ehe und Familie noch in Glaube und Kirche und auch nicht als Priester Jesu Christi.
Einsatzbereitschaft
"Nihil sine te, nihil sine me!" - "Nichts ohne dich, nichts ohne mich!" Gott bindet sich an uns Menschen. Er wartet auf unser Mittun. Und wenn wir nicht mittun, tut es niemand. Über das Tun Johannes Pauls II. haben wir bereits nachgedacht. Aber die Einheit Deutschlands wäre nicht möglich gewesen, ohne die Hundertausenden von Menschen, die auf die Straße gegangen sind und skandiert haben "Wir sind das Volk!"

Und dieses System wäre nicht zusammengebrochen ohne die vielen Menschen, die nicht mitgemacht haben, die anders gelebt haben, als die Mächtigen es wollten, die sich ihre innere Freiheit bewahrt haben trotz aller äußeren Unfreiheit.

Genau dieser Einsatz ist auch heute von uns Christen gefragt. Wir können die Welt nur verwandeln, wenn wir uns Gott als Instrumente, als Werkzeuge zur Verfügung stellen, wenn wir uns nicht der Arbeit verweigern, sondern Einsatz zeigen. So wie der Einsatz unzähliger Menschen vor mehr als 20 Jahren Mauern zum Einstürzen gebracht hat, so vermögen wir auch heute die Welt mit unserem Einsatz, unserem Zeugnis, unserem Glauben, Hoffen und Lieben zu verwandeln.

5. Voller Dankbarkeit erinnern wir uns an die Ereignisse vor 20 Jahren. Dass ich heute hier sein und mit Ihnen diese heilige Messe feiern darf, ist für mich eine Ehre, die ich nicht verdient habe. Sie erfüllt mich mit Freude und demütiger Dankbarkeit.

Danken wir Gott für die Menschen, die durch Gottvertrauen, Ausdauer und Einsatz unsere Heimat, unser Land, ja die Welt verändert haben. Nun sind wir an der Reihe. Dabei gilt auch uns die Verheißung des Herrn: "Habt Mut, fürchtet euch nicht. Ich bleibe bei euch alle Tage bis zum Ende der Welt" (Mt 28,20). Amen.

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