29.08.2010

Kirchenvertreter für gemeinsame Anstrengungen statt Provokationen „Sarrazin schafft die Menschlichkeit ab“

Thilo Sarrazin und kein Ende: Am Montag hat der Bundesbank-Vorstand sein seit Tagen diskutiertes Buch vorgestellt und verteidigt – gegen anhaltende Kritik. Wie die von Paulus Terwitte. Im Interview mit domradio.de sagt der Kapuzinerbruder, Sarrazin „schaffe die Menschlichkeit ab“, die Gesellschaft müsse sich um ein Miteinander bemühen. Auch die katholische Kirche sucht vergeblich nach dem Bemühen um eine seriöse Debatte.

"Solche Formulierungen sind geeignet, latent vorhandenen Rassismus mit allen darin enthaltenen Vorurteilen zu bedienen", sagte der Vorsitzende der Migrationskommission der Deutschen Bischofskonferenz, Bischof Norbert Trelle. "Sie konterkarieren - ob gewollt oder ungewollt - Bemühungen um Integration und sind, zumal in Deutschland, gegenüber unseren jüdischen Mitbürgern völlig unangebracht", so der Hildesheimer katholische Bischof. Er frage sich, ob Sarrazin humangenetische Erkenntnisse habe, "die es ihm erlauben, auch Angehörigen anderer Religionen - Muslimen, Christen und Buddhisten etwa - bestimmte, nur sie betreffende Gene zuzuweisen, obwohl sie alle bekanntermaßen verschiedenen Völkern und Kulturen angehören?"

Zu Sarrazins Einschätzung, gerade muslimische Einwanderer seien nicht an Eingliederung interessiert, sagte Trelle, Pauschalaussagen über die Integrationsbereitschaft von Migranten seien nicht seriös und verfehlten die Wirklichkeit. Viele Migranten seien an besserer Eingliederung interessiert, andere wiederum nicht, sagte der Bischof. Starke Bildungsferne verschärfe die Probleme. "Aber bildungsferne Deutsche sind oft auch nicht gut integriert", so Trelle. Hier gebe es einen Nachholbedarf in der Bildungspolitik. "Sollte Herr Sarrazin jedoch der Meinung sein, die zu uns gekommenen Zuwanderer seien prinzipiell weniger intelligent und vererbten biologisch-genetisch eine mindere Intelligenz, so hält eine solche These wissenschaftlicher Betrachtung kaum stand und entlarvt ein Menschenbild, das schon sehr fragwürdig ist", so Trelle.

Sarrazins Engführung auf muslimische Einwanderer nannte der Bischof problematisch. Unbestritten sei, dass bestimmte konservative und fundamentalistische Auslegungen des Islam ein Hindernis für die Integration darstellten. Studien belegten jedoch, dass die Religionszugehörigkeit sich nur bei einem kleinen Teil der Muslime in Deutschland als Eingliederungshindernis erweise. Insgesamt sei die Frage der sozialen Herkunft und Zugehörigkeit für die Integrationsfähigkeit viel entscheidender.

Als "geistige Brandstiftung" und "Spiel mit den Ängsten der Bevölkerung" verurteilte das Zentralkomitee der deutschen Katholiken (ZdK) die Äußerungen Sarazins. "Das Menschenbild von Thilo Sarrazin und seine Thesen treffen uns alle und fordern unseren entschiedenen Widerspruch", so ZdK-Präsident Alois Glück. Mit seiner Sprache und seinem Denken sei er ein Wegbereiter rechtspopulistischer und rechtsradikaler Strömungen. Glück verurteilte insbesondere die Äußerungen des SPD-Politikers und Bankmanagers über das Erbgut. Damit würden Menschen auf ihre Biologie reduziert und in erwünschte und unerwünschte, brauchbare und unbrauchbare sortiert. "Solches Denken war und ist die Grundlage eugenischer Debatten mit einer eigenen Dynamik, bis hin zu den Euthanasieprogrammen", so Glück.

Parteiausschluss?
Die SPD-Spitze kündigte unterdessen an, Sarrazin aus der Partei ausschließen zu wollen. "Wir werden ein Parteiausschlussverfahren in Gang setzen", sagte der schleswig-holsteinische SPD-Chef Ralf Stegner der "tageszeitung". Dies sei Beschlusslage des Parteipräsidiums.

"Es wäre besser, wenn er selber austreten würde, aber ich befürchte, dies wird er nicht tun", sagte Stegner. Deshalb sei das Ausschlussverfahren unvermeidlich. "Für seine Thesen ist in der SPD kein Platz", stellte Stegner klar. Am Nachmittag will sich auch die Bundesbank zum Thema Sarrazin äußern.

Buchvorstellung
Am Vormittag stellte Sarrazin sein Buch "Deutschland schafft sich ab" vor. Dabei verteidigte er seine Thesen. Während sich bei Migranten im Allgemeinen in der zweiten Generation Probleme zum Beispiel mit der Sprache oder beim Umgang mit Ämtern legen, bestünden diese Schwierigkeiten bei Muslimen fort.

Der Grund dafür könne nur in der Gruppe der Muslime selbst liegen und sei nicht in der deutschen Gesellschaft zu suchen. Der frühere Berliner Finanzsenator hatte mit Aussagen über die Integrationsfähigkeit von Muslimen und Gene von Juden für Empörung gesorgt.

Merkel sieht Ansehen der Bundesbank beschädigt
Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) sieht das Ansehen der Bundesbank durch die Äußerungen von Bundesbankvorstand Thilo Sarrazin beschädigt. Dessen Thesen zur Zuwanderung schadeten der Integration in Deutschland, sagte Regierungssprecher Steffen Seibert am Montag in Berlin.

Der frühere Berliner Finanzsenator (SPD) grenze ganze Gruppen aus, mache sie verächtlich und habe sich nun noch in "komplett abstruse Erbmaterialtheorien verrannt". Die Bundesbank müsse sich Gedanken machen, wie sie mit dem Fall Sarrazin umgehe, betonte Seibert.

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