27.08.2010

Streit um den Umgang mit den Roma entzweit Kirche und Regierung Minderheiten zu Sündenböcken

Zwischen Katholiken und Sarkozy und seiner Regierung knirscht es. Medien schreiben von der "Scheidung" zwischen Kirche und politischer Führung in Frankreich. Der Streit um die Roma-Abschiebungen vor laufenden Kameras und die Kritik daran seitens Papst Benedikt XVI. haben die Differenzen nun deutlich zu Tage gebracht.

Für Bruno Gollnisch, Europaabgeordneter des «Front National» (FN) und Mitbewerber um den Vorsitz der rechtsextremen Partei, ist die Sache klar: «Sollen die Roma sich doch auf dem Petersplatz ansiedeln», sagte er im französischen Rundfunk. «Dann reden wir weiter.» Gollnischs Spitze zielt auf Papst Benedikt XVI., der zuletzt französische Pilger erinnert hatte, Menschen müssten in ihrer legitimen Unterschiedlichkeit angenommen werden. In Frankreich war das Wort von fast allen - außer Regierungsmitgliedern - als kaum verhüllte Kritik an den jüngsten Ausweisungen und Abschiebungen von Roma verstanden worden. Alte RessentimentsAuch der Intellektuelle und Politikberater Alain Minc wies die Papst-Erklärung zurück. Als Deutscher habe Benedikt XVI. kein Recht, so zu reden, erklärte er im Radiosender «France Inter». Als solcher sei er zwar nicht Schuldiger, aber doch Erbe der Geschichte seines Volkes. Kardinal Andre Vingt-Trois, Vorsitzender der Französischen Bischofskonferenz, wies die Kritik zurück. Minc tue so, als ob Franzosen in ihrer Geschichte nie Schuld auf sich geladen hätten. Seit vier Wochen häufen sich Mahnworte kirchlicher Würdenträger, die Diskriminierung und Stigmatisierung der Roma anprangern und die Achtung der Menschenwürde einfordern. Verdienstorden werden zurückgegeben, ein mit Roma arbeitender Geistlicher aus Lille wünschte Staatspräsident Nicolas Sarkozy gar eine Herzattacke: Der Präsident brauche ein Damaskus-Erlebnis wie Saulus, der zu Paulus wurde, begründete Arthur Hervet seinen Ausfall. Zwar wurde der Geistliche sofort von seinem Bischof zurückgepfiffen, doch in der Ablehnung der vor laufenden Kameras inszenierten Räumungen und Abschiebungen sind sich die französischen Bischöfe einig. Land, in dem Notleidende Heimat findenSchon Ende Juli hatten die Bischöfe davor gewarnt, Minderheiten zu Sündenböcken zu machen. Mitte August rief Vingt-Trois dazu auf, aus Frankreich ein Land zu machen, in dem Notleidende Heimat finden. Und zu Anfang der Woche bewertete die französische Caritas das Vorgehen der Behörden gar als «institutionelle Gewalt» - eine Vokabel, die eher zu Bananenrepubliken und Diktaturen zu passen scheint als zum Land, das sich mit der Devise Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit als Hort der Menschenrechte versteht. Im katholischen Wählervolk finden derzeit 47 Prozent der Befragten Sarkozys Politik gut - kurz nach Amtsantritt 2007 waren es 61 Prozent. Freilich: Die Ausweitung der Sonntagsarbeit, Scheidung und Wiederheirat des französischen Präsidenten, sein anfängliches ostentatives Zurschaustellen von Luxus, die geplante Anhebung des Rentenalters - viele Gründe kommen zusammen, um Sarkozy und die katholische Wählerschaft einander zu entfremden. Was die Roma angeht, so reicht die Kritik indes bis ins konservative und ins Regierungslager hinein. Zu denen, die öffentlich damit haderten, zählten auch die Ex-Premierminister Jean-Pierre Raffarin und Dominique de Villepin. Letzterer, schon lange eingefleischter Sarkozy-Gegner, sprach von einem «Flecken der Schande auf unserer Fahne». Spektakuläre MedieninszenierungenSarkozy und sein Innenminister Brice Hortefeux wollen gleichwohl an ihrer harten Linie festhalten. Rund 120 illegale Roma-Lager wurden inzwischen geräumt. Bis Monatsende will Hortefeux 950 illegale Roma in ihre Herkunftsländer Rumänien und Bulgarien abgeschoben haben - von wo aus sie, ganz legal, sofort wieder nach Frankreich einreisen können, zumindest für drei Monate. Kirche und Caritas mahnen deshalb statt spektakulärer Medieninszenierungen dauerhafte Lösungen zur Integration an. Beifall erhielten die Kirchenmänner von ungewohnter Seite - Grüne und Linke applaudierten den Bischöfen. Die Wochenzeitung «La Vie» erinnerte amüsiert an eine Anfang 2008 ausgesprochene Warnung des linken Politikers Jean-Luc Melenchon vor einer «Rückkehr des Religiösen in die Politik» unter Sarkozy. Jetzt finde der gleiche Melenchon es auf einmal «völlig in Ordnung», dass Kirchenvertreter zu gesellschaftlichen Fragen Position bezögen.

Christoph Lennert

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