04.08.2010

Moschee am Ground Zero bleibt Zankapfel "Behaltet die Idee, verlegt die Adresse"

Ein Unbehagen geht um in Amerika. Ein Unbehagen, das in einen mehr und mehr hitzigen Streit mündet. Das geplante islamische Zentrum zwei Blocks vom einstigen Standort des World Trade Center am New Yorker Ground Zero droht die Vereinigten Staaten im Inneren zu spalten.

Die US-Medien beherrscht das "Park51" genannte Projekt bereits. Nun hat der New Yorker katholische Erzbischof Timothy Dolan seine Vermittlung angeboten. Zwar griff Dolan nicht direkt in den Streit um das Pro und Contra ein. Seine Meinung über den geplanten Standort ließ er freilich schon durchblicken: "Jene, die darüber nachdenken, wie weise der Bau einer Moschee nahe eines solchen Ortes der Verwundung wäre, stellen legitime Fragen, die, so meine ich, Aufmerksamkeit verdienen." Das Zentrum soll im sogenannten Cordoba House entstehen, auf das am 11. September 2001 Fahrwerksteile eines der entführten Flugzeuge stürzten. Momentan steht es noch dringend renovierungsbedürftig da. Die direkt Beteiligten - die hinter dem Projekt stehenden New Yorker Muslime sowie Bürgermeister Michael Bloomberg - hatten lange versucht, das Projekt, das auch eine Moschee beinhalten soll, als "lokale Angelegenheit" quasi auf Sparflamme zu kochen. Doch die Taktik ging nicht auf. Die Frage, ob ein solches Zentrum wenige Schritte entfernt von jener Stelle stehen darf, an der im Namen des Islam mehr als 3.000 Menschen umgebracht wurden, erhitzt die Gemüter, Leserbriefschreiber, Blogger. Inzwischen haben Politiker, deren Wahlkreise Tausende Kilometer entfernt liegen, Position bezogen. Mit seiner Stellungnahme zugunsten des Baus einer Moschee und der anderen Bestandteile der Einrichtung hat US-Präsident Barack Obama zuletzt Partei ergriffen und, wie zu erwarten, Kritik auf sich gezogen. Wie andere Unterstützer der New Yorker Muslime weist Obama darauf hin, dass Religionsfreiheit in den USA ein hohes Gut sei - und für jede Religionsgemeinschaft gelte. Und die Gefühle der Opferangehörigen?In der Tat herrscht in den USA ein Maß an Religionsfreiheit, wie es in keinem islamischen Land existiert. Kritiker fragen indes, ob es - wenngleich rechtens - auch richtig ist, am Ort des Attentats eine Moschee zu errichten oder ob nicht die Gefühle der Opferangehörigen den Vorzug haben müssten. Für Obama, der ohnehin momentan gegen niedrige Umfragewerte kämpft, brachte das Engagement mehr Schaden als Nutzen: Das konservative Amerika kritisiert ihn; die Liberalen und Linken halten seine Unterstützung für nicht entschieden genug. Zu den führenden Kritikern gehören neben Hinterbliebenen der Opfer vor allem republikanische Politiker, angeführt von Ex-Vizepräsidentschaftskandidatin Sarah Palin und dem früheren (und möglicherweise künftigen) Mehrheitsführer im Repräsentantenhaus Newt Gingrich. Ein unerwarteter Rückschlag für die Moschee-Befürworter war die überraschende Ablehnung des Projektes durch die jüdische Organisation Anti-Defamation League (ADF), die stets eine gewichtige Stimme für Religions- und Gewissensfreiheit darstellt. Die Liga nannte den Standort kontraproduktiv für den Heilungsprozess und verwies auf die undurchsichtige Finanzierung des Projektes. Die ist in der Tat eine Schwachstelle und ein Sorgenpunkt der Unterstützer. 100 Millionen Dollar (Tageskurs 78 Millionen Euro) soll das Zentrum kosten; deren Herkunft ist unklar. Kritiker vermuten Saudi-Arabien als Großsponsor - ein Land, aus dem 15 der 19 Terroristen kamen; ein Land, das von besonders repressiver religiöser Intoleranz geprägt ist und in dem Frauen weitgehend entrechtet sind. Auch bleibt unklar, was am Rande der von Befürwortern gern als Beleg für die Harmlosigkeit genannten Sporthalle und dem Basketballfeld genau in der Moschee gepredigt werden soll - und von wem. Eine Halle der Erinnerung an den 11. September soll es geben. Werden dort auch die Namen der 19 Mörder auf einer Gedenktafel zu finden sein? Thema für die KongresswahlenBei seinem Versöhnungsangebot verwies Erzbischof Dolan auf das salomonische Urteil von Papst Johannes Paul II. Der hatte 1993 ein katholisches Frauenkloster von seinem Standort nahe der Gedenkstätte Auschwitz verlegen lassen, als dessen Anwesenheit bei jüdischen Gemeinden und Holocaust-Überlebenden Proteste ausgelöst hatte. "Behaltet die Idee, aber verlegt die Adresse", erklärte Dolan. Was damals in Polen funktioniert habe, könne auch in Manhattan die Situation entschärfen. Von den Planern des Islamischen Zentrums gab es bislang keine Reaktion auf die Anregung des Erzbischofs. Eines zeichnet sich inzwischen ab: Das Thema der Moschee am Ground Zero hat Potenzial, die Kongresswahlen im November zu dominieren, vielleicht sogar zu entscheiden. Für die Demokraten, von denen einige bereits eine gewisse Distanzierung von der Position des Präsidenten erkennen lassen, ist das keine erfreuliche Aussicht.

Ronald Gerste