07.06.2010 - 13:48

Mehr Details zu alten Skandalen um das IOR Einblicke in die "Vatikan AG"

Das Buch kommt reißerisch daher. Das Vorwort zur deutschen Ausgabe, die seit Wochen in den Bestsellerlisten steht, verspricht viel: Im Vatikan sei "nichts mehr, wie es einmal war" - seit vor einem Jahr Gianluigi Nuzzis Enthüllungsstory über die Vatikanbank IOR erschienen ist. Tatsächlich ist jedoch wenig neu.

Das Buch, das im Original "Vaticano S.p.A." (zu deutsch: Vatikan AG) heißt, habe anhand Tausender Geheimdokumente Skandale am Heiligen Stuhl enthüllt, Ströme von Schmiergeldern offengelegt und "Licht in die 20 Jahre währenden Verdunkelungsstrategien" gebracht, heißt es weiter in Vorwort. Tatsächlich ist jedoch wenig neu an dem Buch, das in Italien zum Nummer-Eins-Bestseller wurde, in der Presse aber nur mäßigen Niederschlag fand. Es war bekannt, dass zwischen 1989 und 1993 über die vatikaninterne Verrechungsstelle IOR ("Institut für die religiösen Werke") italienische und ausländische Schmiergelder geflossen waren. Bekannt waren auch die Mechanismen, wie clevere Geschäftsleute die Finanz-Prälaten linkten: Sie eröffneten beim IOR - auch als "Vatikanbank" bezeichnet - ein Konto unter einem fromm klingenden Namen einer Stiftung, tätigten Einzahlungen - und hoben die Gelder nach einiger Zeit wieder ab oder transferierten sie weiter, abzüglich einer großzügigen Spende. Breit durch die Medien ging etwa im Dezember 1993 der Fall der "Stiftung San Serafino". Der Feruzzi-Konzern schleuste Gelder und Anleihen in Höhe von angeblich rund 80 Millionen Dollar über das IOR. Man könne Geld nicht ansehen, ob es aus trüber Quelle stamme, lautete damals die wenig überzeugende Antwort von Kardinal Rosalio Castillo Lara, dem Chef der vatikanischen Güterverwaltung APSA und der Regierung des Vatikanstaates. Neue Quellen und erschließt interessante ZusammenhängeDer mutmaßliche Verantwortliche für die Aktion, IOR-Prälat Donato de Bonis, einst Sekretär und dann Nachfolger des skandalumwitterten Erzbischofs Paul Marcinkus, wurde kurz vor Bekanntwerden des Skandals vom IOR wegbefördert. Er erhielt die ehrenvolle, aber wenig einflussreiche Position des Bischofs beim Malteser-Orden. Wenn Nuzzis Buch inhaltlich wenig Sensationelles enthält, so präsentiert es doch neue Quellen und erschließt interessante Zusammenhänge. Auf verschlungenen Wegen war Nuzzi in Besitz des Geheimarchivs des hohen Vatikanprälaten Renato Dardozzi (1922-2003) gelangt, Berater im Staatssekretariat. Dieser hatte Tausende Dokumente, Sitzungsprotokolle und Kontoauszüge gesammelt und offenbar zur posthumen Veröffentlichung bestimmt. Gestützt auf dieses Archiv machte Nuzzi deutlich, dass "San Serafino" kein Einzelfall war, sondern dass es 17 ähnliche Stiftungskonten gab, etwa eine "Kardinal-Spellman-Stiftung", oder eine "Fonds Mama Roma für den Kampf gegen Leukämie". De Bonis habe, unbemerkt von Mitarbeitern und Kontrollgremien, ein "paralleles IOR" geleitet, über das italienische Industrielle, Bauunternehmer und Politiker die Vorteile der Steueroase Vatikan nutzten. Fleißarbeit, die auch an Grenzen stößtDer Autor leistet eine enorme Fleißarbeit, stößt dabei aber auch an Grenzen. Er verfügt über erstklassiges Quellenmaterial, das durch die journalistische Aufbereitung im Krimistil gut lesbar ist, dadurch aber auch an Seriosität einbüßt. Einordnungen und Schlussfolgerungen des Autors gehen nicht selten daneben. Die Charakterisierung von früheren wie heutigen vatikanischen Akteuren lassen nicht immer auf Vertrautheit mit vatikanischen Gegebenheiten schließen. Auffallend ist zudem, dass sich Nuzzi für historische Darstellungen mehrfach auf den Bestsellerautor David A. Yallop und dessen Enthüllungsopus "Im Namen Gottes" beruft. Überhaupt erinnert das Strickmuster von "Vatikan AG" streckenweise an Yallops Fantasystory, in der sich einige exzellente Recherchen mit eklatanten Fehlern und hanebüchenen Schlussfolgerungen mischen. Schuldig bleibt das Buch im Übrigen den Nachweis für Nuzzis Behauptung im Vorwort der deutschen Ausgabe, der überraschende Rücktritt des IOR-Aufsichtsratsvorsitzenden Angelo Caloia Ende 2009 sei der Veröffentlichung seines Buchs geschuldet. Gerade Caloia erscheint in "Vaticano S.p.A." als Saubermann, der seine Vorgesetzten frühzeitig über die Machenschaften des IOR-Prälaten de Bonis informierte und dessen Abberufung auslöst. Über die Pensionierung von Caloia kursieren in Rom mehr als ein halbes Dutzend Gerüchte. Aber vielleicht stolpert Nuzzi demnächst über einen weiteren Nachlass - Stoff für einen zweiten Band zu "Vatikan AG".

Johannes Schidelko