21.10.2009

Die Legende von der Päpstin Johanna - eine Chronologie "In gestalt unnd geperde eines mannßpilds"

Für die spätmittelalterlichen Erzählungen von einer Päpstin Johanna gibt es keine zeitgenössischen Belege aus dem 9. Jahrhundert.
Kirchenkritikern ist das ein Hinweis dafür, dass die Spuren vom Vatikan verwischt wurden. Die Katholische Nachrichten-Agentur (KNA) zeichnet Stationen der Legendenbildung nach.

855: Papst Leo IV. stirbt am 17. Juli. Zwei Monate später wird Benedikt III. (855-858) gewählt. Dies belegen Urkunden sowie die päpstliche Korrespondenz mit dem Patriarchen von Konstantinopel. Auch der spätere Patriarch Photios (ab 858) - Rivale und Kritiker der Päpste - erwähnt Leo und Benedikt als aufeinander folgende Amtsinhaber, nicht aber einen Johannes oder eine Johanna. Die meisten Anhänger der Theorie von einer Päpstin datieren ihr Pontifikat auf die Nachfolge Leo IV. Dieser, so argumentieren sie, sei bereits 853/54 und nicht 855 gestorben. Andere bestreiten die Existenz eines Benedikt III. 1099: Papstwahl von Paschalis II. Erster tradierter Bericht über einen Erniedrigungsritus neugewählter Päpste, die auf einem durchbrochenen Stuhl («sedes stercoraria», Kotstuhl) Platz nehmen mussten und erst anschließend einen Gürtel mit sieben Schlüsseln und sieben Siegeln überreicht bekamen. Im Volk wurde dieser Ritus nach Aufkommen der Johanna-Legende dahingehend interpretiert, dass vor der Inthronisation das Geschlecht des Papstes überprüft worden sei. Die ersten Erzähler des Johanna-Stoffs im 13. Jahrhundert datieren das Pontifikat der Päpstin auf das Ende des 11. Jahrhunderts. um 1250: Der Chronist Jean de Mailly und der Inquisitor Stephan von Bourbon berichten als erste überlieferte Quellen über eine (dort noch namenlose) Päpstin. Ihre beiden Sammlungen anekdotischer Erzählungen fallen in die Gattung der Exempla, also beispielhafter oder lehrhafter Geschichten. 1277: Die systematischer angelegte Papst- und Kaiserchronik des Dominikaners Martin von Troppau wird die einflussreichste Quelle für die Johanna-Legende. Er benennt die Päpstin, berichtet knapp über ihren Werdegang «in gestalt unnd geperde eines mannßpilds» und liefert zwei Versionen ihres Endes: Johanna sei während der Geburt mit dem Kind auf der Straße gestorben. In der zweiten Version wird sie abgesetzt und ins Kloster gesteckt. Die Johanna-Geschichte verbreitet sich in unzähligen Variationen und wird Allgemeingut, auch in zahlreichen historischen und kirchlichen Quellen. Selbst eine von Papst Sixtus IV. in Auftrag gegebene Chronik mit Lebensberichten der Päpste verzeichnet 1475 eine Päpstin Johanna. 1493: Die Legende findet Eingang in die Schedel'sche Weltchronik, ein ebenfalls sehr einflussreiches Werk des frühen Buchdrucks. In der Reformationszeit ist die Päpstin ein Politikum zwischen katholischen und protestantischen Schriftstellern. 1593: Der italienische Kirchenhistoriker und Kardinal Caesar Baronius deutet die Johanna-Geschichte als Satire auf Papst Johannes VIII. (872-882), der wegen seines nachgiebigen Umgangs mit Patriarch Photios von Konstantinopel als Weib dargestellt worden sei. 1649: Der Amsterdamer protestantische Geistliche David Blondel analysiert den Fall wissenschaftlich. Er findet keinerlei Beweise für die Existenz einer Päpstin Johanna. In der Folgezeit wird es still um die Geschichte. 1863: Der katholische Kirchenhistoriker Ignaz von Döllinger untersucht den Johanna-Stoff gründlich und erklärt die Existenz einer Päpstin zur Legende. 1970er Jahre: Die historische Frauenforschung in den angelsächsischen Ländern will die Rolle der Frauen in der Geschichte neu bestimmen und nimmt sich der Johanna an. 1996: Der Erstlingsroman «Die Päpstin» der New Yorker Autorin Donna Woolfolk Cross stürmt die Bestsellerlisten. 2009: Die Romanverfilmung «Die Päpstin» des deutschen Regisseurs Sönke Wortmann kommt in die Kinos.