20.10.2009

Der kenianische Erzbischof Lele will Vorurteile beseitigen "Wir dürfen Aids-Kranke nicht stigmatisieren"

Seit zwei Wochen tagt in Rom die vatikanische Afrika-Synode. Erzbischof Boniface Lele aus Kenia ist einer der mehr als 200 Delegierten. Im Interview der Katholischen Nachrichten-Agentur (KNA) spricht der Oberhirte der Hafenstadt Mombasa über die zerrütteten politischen Verhältnisse in seinem Heimatland, den Kampf gegen Aids und über seine Eindrücke von der Bischofsversammlung.

KNA: Erzbischof Lele, Kenia ist zuletzt durch ethnische Unruhen nach den Präsidentschaftswahlen Ende 2007 in die Schlagzeilen geraten. In welcher Situation befinden sich ihr Heimatland und die Kirche dort gegenwärtig? Lele: Zu einer konsequenten Strafverfolgung ist es leider bislang nicht gekommen, weil einige führende Politiker selbst an den Gewalttätigkeiten nach der Wahl beteiligt waren. Wir als Kirche versuchen, die zerstrittenen Parteien wieder zu versöhnen. Politiker, die nach wie vor die Rivalität zwischen einzelnen Stämmen schüren, erschweren dies jedoch. Wir bemühen uns, dem entgegenzuwirken und unter Katholiken eine gemeinsame Identität zu schaffen, die Stammesgrenzen überwindet. KNA: In ihrer Stellungnahme vor der Afrika-Synode haben sie sich gegen eine Stigmatisierung von HIV-Infizierten gewandt. Wie stellt sich die Aids-Problematik in ihrem Land dar? Lele: Die Situation in Kenia ist sehr ernst. Vor allem in den Slums meiner Diözese leben viele Menschen, die sich mit dem Aids-Virus angesteckt haben. Diese HIV-Infizierten dürfen wir nicht allein lassen, sie brauchen unsere Hilfe. Schuldzuweisungen sind hier fehl am Platze. Leider haben einige Katholiken die Botschaft Christi in diesem Punkt missverstanden. Sie sagen: Du hast Aids bekommen, weil du deine Frau oder deinen Mann verlassen hast oder sonst irgendwas falsch gemacht hast. Das ist natürlich völlig abwegig. Jesus fragt die Ehebrecherin im Evangelium schließlich auch nicht, warum sie so gehandelt hat, sondern sagt: "Ich verdamme dich nicht". In diesem Sinne versuchen wir, den Aids-Kranken mit einem großangelegten Programm zu helfen. In dieser Arbeit unterstützt uns unter anderen die deutsche "Caritas".KNA: Wie sieht dieses Programm aus? Lele: Wir gehen in die Schulen, um den Jugendlichen nahe zu bringen, dass Freundschaften zwischen Männern und Frauen nicht gleichbedeutend mit sexuellen Kontakten sein müssen. Wir werben dafür, dass man in jungen Jahren auch einfach befreundet sein kann, ohne schon bis zum Äußersten zu gehen. Diese Botschaft ist nicht leicht zu vermitteln, aber wir sind durchaus erfolgreich. Allerdings ist es mit der Erziehung allein nicht getan. Die Ausbreitung des Aids-Virus hängt vor allem auch mit der großen Armut vieler Menschen zusammen. In den Slums wachsen die Jugendlichen in beengten, elenden Verhältnissen auf. Von klein auf werden sie so zwangsläufig mit Sex, Alkohol und Drogen konfrontiert, die dort allgegenwärtig sind. Das bleibt nicht ohne Folgen für die Jugendlichen. Nur wenn es uns gelingt, den Lebensstandard dieser Menschen zu heben, werden wir längerfristig auch im Kampf gegen Aids erfolgreich sein. KNA: Welchen Eindruck haben sie bisher von der Afrika-Synode? Lele: Ich bin sehr zufrieden. Allerdings sind hier so viele Dinge angesprochen worden, dass ich noch gar nicht weiß, wie ich diese Eindrücke zu einem Ganzen bündeln soll. Wichtig ist mir aber vor allem, dass diese Synode ein Forum für Afrika bietet. Ich bin dem Papst, der während der Sitzungen häufig anwesend ist, deshalb sehr dankbar für die Einberufung. KNA: Wie fühlt man sich als Afrikaner, als Kenianer und als Erzbischof von Mombasa in Rom? Lele: Mich beeindruckt immer wieder der freundschaftliche Umgang, den hier die Menschen aus aller Welt miteinander pflegen; diese friedliche Atmosphäre. Schon während meines Studiums an der päpstlichen Universität Gregoriana von 1979 bis 1981 ist mir das aufgefallen. Die Liturgie hier, wie überhaupt in Europa, ist indessen etwas steif. Da müsste man mal einige junge Katholiken aus Afrika vorbeischicken, die hier singen und tanzen. Ich bin mittlerweile schon etwas zu alt dafür - zumindest zum Tanzen.Das Interview führte Thomas Jansen.