Medienforscher zum Pfarrerbild in TV und Kino

Von Don Camillo bis Pfarrer Braun

Papst Benedikt XVI. hat für die katholische Kirche ein Priesterjahr ausgerufen, das am Freitag eröffnet wird. Wie das Bodenpersonal Gottes auf deutschen Leinwänden und Mattscheiben dargestellt wird und was reale Priester davon lernen können, das verrät der evangelische Theologe Ronald Uden. Er leitet an der Universität Erlangen das Projekt "Pfarrer im Film". Bislang hat er mehr als 270 Pfarrerfilme analysiert und will das Projekt in Kürze abschließen.

Autor/in:
Sabine Kleyboldt
 (DR)

Schwere Schritte hallen im leeren Kirchenraum wider: Der massige Mann in Schwarz kniet vor dem Kruzifix nieder: «Herr, quäle mich mit dem Duft gekümmelten Schweinsbratens: Ich werde fasten und psalmodieren. Aber verschone mich bitte vor dilettantischen Hauptkommissaren, die meine kriminalistische Leidenschaft aufs Äußerste reizen!» Am Ende der 90 TV-Minuten wird Pfarrer Guido Braun den Fall selbst gelöst haben. Dass er dennoch als Geistlicher deutlich erkennbar bleibt, passt voll in den Erfolgstrend vieler Pfarrerfilme der letzten Jahre, wie der Theologe und Medienforscher Ronald Uden herausgefunden hat.

Pfarrer mischten schon zu Zeiten des Schwarz-Weiß-Kinos ganz vorne mit, sagt Uden, der an der Uni Erlangen christliche Publizistik lehrt. So sind die vier Don Camillo-Folgen aus den 50er und die Pater Brown-Trilogie aus den 60er Jahren Legende. Ihre Fernsehausstrahlungen gerieten zum Straßenfeger. Fernandel und Heinz Rühmann agieren ganz selbstverständlich in Soutane oder Priesterkragen und vollziehen sakrale Handlungen wie Taufe und Beerdigung. Aber: Trotz der Würde Ihres Amtes stehen sie mitten im Leben, «sündigen» (Pater Brown ist Raucher, Don Camillo dreht nicht nur an der Kirchturmuhr, sondern gelegentlich auch an der Wahrheit) und sind insgesamt sehr menschlich.

Diese Tendenz zum Menschlich-Allzumenschlichen wird noch deutlich gesteigert mit der Pfarrergeneration der 80er und 90er Jahre, wie Uden in einem Interview der Katholische Nachrichten-Agentur (KNA) aus Anlass des vom Papst ausgerufenen Priesterjahres der katholischen Kirche betont. Den Anfang dieses Trends sieht der Medienforscher bei der Serie «Oh Gott, Herr Pfarrer» 1988. Die 13 Folgen mit Robert Atzorn markierten mit einem Marktanteil von rund 40 Prozent den Durchbruch des Pfarrerfilms. Und das, obwohl Pfarrer Wiegand längst nicht immer sympathisch daher kommt. Freilich waren die Drehbücher mit dankbaren Stoffen rund um Gemeinde und Familie des Pfarrers kurzweilig. Dennoch erscheint selbst der unkonventionelle Pastor Wiegand keinesfalls nur als «Sozialarbeiter». So findet es der Forscher bemerkenswert, wie etwa eine mehrminütige Predigt so spannend eingebaut wird, «dass die Zuschauer nicht abschalten».

Ab 1989 war Adam Kempfert alias Günter Strack «mit Leib und Seele» Pfarrer, und das 51 Episoden lang. 1995 bis 1998 griff der frühere «Fahnder» Klaus Wennemann als Pfarrer Henning Schwarz ins Geschehen ein. Obwohl sehr unterschiedliche Typen, sieht Uden bei Wiegand, Kempfert und Schwarz eine zunehmende «Normalisierung» der
Pfarrerfiguren: Sie rücken weiter vom entfernten Bereich des «Heiligen und Unantastbaren» mitten in den Alltag; das gilt für beide Konfessionen. Bemerkenswert freilich: 70 Prozent der Geistlichen im deutschen Fernsehen sind katholisch. Weihrauch, Kerzen und bunte Gewänder bieten nun mal bessere Bilder. Und: Die Themenpalette ist einfach umfangreicher bei den Katholiken.
«Zölibat, Beichte - alles, was konfliktträchtig ist und emotional aufgeladen werden kann», fasst der Theologe zusammen.

Erstaunt ist Uden, mit welcher Selbstverständlichkeit fromme Fachtermini in Unterhaltungsfilmen gebraucht werden. In den 80er Jahren, so hat er festgestellt, versuchten Fernsehmacher noch, Begriffe wie Beichte und Sünde zu umgehen. Heute dagegen, in Zeiten häufig leerer Kirchen, wird das Religiöse erstaunlich stark betont.
Daher darf Ottfried Fischer als Pfarrer Braun auch ruhig «psalmodieren» oder entlegene Bibelstellen zitieren. Hauptsache, er bleibt glaubwürdig und verrät bei allem Humor seinen eigenen Berufsstand nicht. Dass sich in den TV-Geistlichen natürlich Wunschbilder spiegeln, ist für den Medienforscher offensichtlich:
Menschlich sollten sie sein, unbestechlich, Glauben vermitteln, ein Stück heile Welt verkörpern und auch mal ein Auge zudrücken. Davon, meint Ronald Uden, könnten sich die echten Pfarrer ruhig etwas abgucken.