29.08.2008

Kölner Diakon Grevelding über die Eindrücke seiner Tansania-Reise - mit Bildergallerie Von "Ferkelpaketen" und Nächstenliebe

Diakon Hans Gerd Grevelding, im Kölner Generalvikariat zuständig für die Seelsorge an ausländischen Katholiken, reiste im August drei Wochen nach Tansania. Dort informierte er sich über den Alltag der Menschen, ihr kirchliches Gemeindeleben, über Entwicklungsprojekte und das Leben mit der Krankheit Aids, die unzählige Menschen betrifft.

PEK: Herr Diakon Grevelding, was führte Sie nach Tansania?Diakon Hans Gerd Grevelding: Ich habe eine Einladung in die Pfarrei Sambarai in der Stadt Moshi, am Fuße des Kilimandscharo. Ich konnte dort einen Wassertank für 100.000 Liter Regenwasser einweihen, habe ein Heilpflanzenprojekt kennen gelernt und ein Aids-Projekt besucht. Ich hatte auch Gelegenheit, etwas von dem alltäglichen Leben in kleinen christlichen Gemeinschaften kennen zu lernen. Und nicht zuletzt habe ich mich über die Entwicklung eines Nutztier-Projektes informieren lassen, so genannte "Ferkelpakete", und kenne mich mittlerweile mit den Tieren und deren Haltung recht gut aus.PEK: "Ferkelpakete", das klingt zunächst amüsant. Was verbirgt sich dahinter?Diakon Hans Gerd Grevelding: So ein Paket kostet 122 Euro und beinhaltet ein gegen Schweinepest geimpftes Ferkel und Futter für drei Monate. Die Haltung von Schweinen ist zukunftsträchtig: Ihre Nachkommen können verkauft werden, gehen in die Neuzucht ein oder werden geschlachtet. Außerdem wird von jedem Wurf ein Ferkel an eine Familie zur Aufzucht verschenkt. In Tansania gibt es gerade im ländlichen Bereich eine Unterversorgung mit Fleischprodukten. An dem Mangel an tierischen Fetten, Calcium und anderen Nährstoffen leiden besonders an Aids erkrankte Menschen, denn sie brauchen einen stabilen Körper und gute Ernährung. In der Haltung sind Schweine recht anspruchslos und Holz für die Ställe ist vorhanden. Für jedes Ferkel gibt es ein Zertifikat, die Namen entstammen der deutschen Mythologie - so heißen die Schweine Kunigunde oder Kriemhilde. In meinem deutschen Freundeskreis gab es eine Hochzeit; beide Partner haben sich nichts für sich gewünscht, sondern ihre Gäste gebeten, sich an diesen "Ferkelpaketen" zu beteiligen. Auf diese Weise kamen 22 Ferkelpakete zusammen. Die "CV Afrika Hilfe", ein Verein deutscher katholischer Studentenverbindungen, hat mit 6.500 Euro den Bau des Schweinestalls gefördert. Demnächst wird Futtermais in einem Tank gelagert; durch die entsprechende Mühle können Futterpakete für die Tiere hergestellt werden. Wir haben uns die Schweine angesehen, sie stehen sehr gut im Futter, viele sind trächtig und die Ställe sind stabil gebaut.PEK: Was bedeutet die Schweinezucht für die Menschen?Diakon Hans Gerd Grevelding: Natürlich steht die Ernährung im Vordergrund. Aber die Tiere bringen die Menschen in Arbeit, sie können einen Beitrag zur Versorgung ihrer Familien und der christlichen Gemeinden leisten. Das schafft Selbstvertrauen und fördert Verantwortung. Es ist ein wichtiger Anstoß zur Selbsthilfe, denn nach neun Monaten werden die Menschen von den Geldgebern unabhängig.PEK: Sie nannten auch ein Heilpflanzenprojekt, was hat es damit auf sich?Diakon Hans Gerd Grevelding: Wir haben dort einen Arzt kennen gelernt, der mit Heilpflanzen arbeitet. Er zeigt den Menschen, welche Heilpflanzen in ihrer unmittelbaren Umgebung wachsen und wofür sie benutzt werden können. Es mag überraschen, aber in Afrika gibt es eine erstaunliche Medikamentengläubigkeit. Die Früchte vor der Haustür, denkt man dort, seien gut für Ausländer und Kinder, aber kommen für die eigene Behandlung nicht ernsthaft in Betracht. Man muss den Menschen teilweise wieder zeigen, welche Vitamine in Zitronen, Apfelsinen und Avocados vorhanden sind und dass sie im Grunde die europäische Medizin vielfach gar nicht brauchen. Malaria beispielsweise lässt sich mit dort heimischen Pflanzen gut behandeln.PEK: Tansania ist von der Aids-Epidemie stark betroffen. Welchen Eindruck haben sie gewonnen?Diakon Hans Gerd Grevelding: Ich habe viele Aidskranke kennen gelernt; über 100 Menschen haben sich in der Gemeinde als Betroffene zu erkennen gegeben. Allein das ist ein wichtiger Schritt und keinesfalls selbstverständlich; viele verschweigen ihre Krankheit aus Angst vor Isolation. Der dortige Priester hat mit sehr viel Mühe ein Klima des Vertrauens geschaffen.PEK: Wer ist von Aids besonders betroffen?Diakon Hans Gerd Grevelding: Es stirbt die mittlere Generation, genau diejenigen, die die Familien stabilisieren sollen, die Höfe übernehmen, die Alten versorgen und Kinder aufziehen. Nicht selten steht eine Frau mit ihren Kindern allein da, weil der Mann gestorben ist. Ich habe Höfe besucht, da ist hinter dem Haus ein richtiger Friedhof angelegt. Deswegen müssen die Witwen besonders unterstützt werden, damit sie ihre Kinder aufziehen können. Sie bekommen bevorzugt Ferkelpakete. In der Regel sind auch die Frauen mit Aids infiziert. Je nachdem, in welchem Entwicklungsstadium das Virus ist, infizieren sie dann auch ihre Neugeborenen.PEK: Wie sieht es mit staatlicher Unterstützung aus?Diakon Hans Gerd Grevelding: Der tansanische Staat stellt für Aidskranke Medikamente kostenlos zur Verfügung. Das ist eine enorme Erleichterung. Allerdings sterben die Menschen mittlerweile nicht mehr direkt an Aids, sondern an den Folgen des geschwächten Immunsystems. Sie bekommen Krankheiten, die der Körper nicht abwehren kann. Und die Medikamente gegen diese Krankheiten sind sehr teuer. PEK: Wie kann die Kirche helfen?Diakon Hans Gerd Grevelding: Die Kirche hilft den Aidskranken und kümmert sich darum, sie nicht sozial zu isolieren. Ihr Standpunkt zur Aidsprävention ist eindeutig: Der beste Schutz gegen Aids besteht darin, vor- und außerehelichen Sex zu vermeiden. In katholischen Krankenhäusern besteht zudem die Möglichkeit, sich vor einer Heirat, aber auch sonst kostenlos auf Aids testen zu lassen.PEK: Wie gehen die Gemeinden mit den Kranken um?Diakon Hans Gerd Grevelding: In der Pfarrei hat sich eine Gruppe von Betroffenen gegründet; sie treffen sich alle zwei Wochen. Zweimal im Monat hält der Pfarrer für sie eine besondere Kollekte, die dem im Moment Schwächsten für Nahrung und Medikamente zugeteilt wird. Die Hälfte der Gruppe sind Kinder. Aber man darf sich die Stimmung nicht nur als bedrückend vorstellen: Die Kinder spielen wie Gesunde. Kommt ein neuer Krankheitsschub, dann ist die Realität der Krankheit wieder unmittelbar. Natürlich ist dieser Schatten da, aber die Menschen leben damit und sind zuversichtlich. Die Schübe kommen mit starker Heftigkeit und man glaubt kaum, dass sie zu überleben sind. Einmal rief eine Frau den Pfarrer, den ich begleitet habe, zur Krankensalbung; sie selbst rechnete mit ihrem Tod. Nachbarn haben sie gepflegt und nach einer Woche war sie wieder auf den Beinen. Die Menschen leben mit diesen Schüben und kümmern sich beispielhaft umeinander.PEK: Wie feiern die Christen dort Gottesdienst?Diakon Hans Gerd Grevelding: Grevelding: Im Dorf gibt es verschiedene kleine christliche Gemeinschaften; sie sind umgeben von Mais-, Kaffee- und Bananenplantagen. Der Priester besucht die jeweiligen Bauernhöfe und feiert dort die heilige Messe. Im Anschluss segnet er Menschen und Tiere und lässt immer etwas Weihwasser da, damit die Menschen sich segnen können. Die Messen am Wochenende sind sehr gut besucht; es kommen schon um 6.30 Uhr etwa 600 Menschen - wohlgemerkt handelt es sich um dörfliche Strukturen! Um 10 Uhr habe ich dann einen Jugendgottesdienst mit 600 Kindern und Jugendlichen erlebt. Um 12.30 Uhr folgte dann eine Messe für 300 Schülerinnen in einem Kolleg, in dem ich die Predigt übernommen habe - davon träumt sicher mancher Pfarrer hierzulande. Die Menschen feiern ihre Gottesdienste, es ist für sie ein Ereignis.PEK: Wir erklären Sie sich den Zulauf des Christentums? Was spricht die Menschen an?Diakon Hans Gerd Grevelding: Die afrikanischen Gesellschaften unterscheiden sich ganz grundlegend von den europäischen. Dort zählt die Familie über alles, während hier die Menschen eher individualisiert sind. In Afrika ist man nur dann jemand, wenn man innerhalb der Familie bleibt; dort wird man unterstützt und gewährt die Unterstützung den Nachkommen. Fällt man aus dieser Struktur, ist man sozial isoliert. Als Außenstehender bekommt man davon recht wenig mit, aber die familiären Strukturen sind sehr wirksam - mit allen positiven und problematischen Seiten. Die Kirche vermittelt Bildung, berät in allen Lebenslagen und bietet verschiedene Dienstleistungen. Aids-infizierte Menschen erfahren Solidarität und Beistand und werden nicht ausgegrenzt. So erleben viele Menschen Kirche als größeren familiären Zusammenhalt: Schwache, Behinderte oder als Albino geborene Menschen finden in der Kirche ihren Platz und werden vernetzt; sonst erfahren sie eher Ausgrenzung und Isolation. Diese konkreten Erfahrungen machen neugierig auf die christliche Botschaft. In Krankenhäusern, Kindergärten und Schulen werden christliche Werte vermittelt - auch an die muslimischen Kinder, die solch eine Einrichtung besuchen. Wollen sie die Einrichtung besuchen, müssen sie die Regeln für sich akzeptieren. Dabei werden sie nicht gezwungen, sondern eingeladen, christliches Leben kennen zu lernen. Ein deutliches Zeichen dafür ist, dass sie die katholische Schuluniform tragen, an der Messe teilnehmen und das dort gereichte Essen zu sich nehmen.PEK: Wie gestaltet sich das Miteinander der verschiedenen Religionen?Diakon Hans Gerd Grevelding: Die Religionen gehen respektvoll miteinander um. Es gibt eine gegenseitige Wertschätzung, die sich auch in der Politik äußert; beispielsweise war einer der früheren Präsidenten ein Christ. Der Islam wird nicht besonders hervorgehoben; so ist auch eine Konversion zum Christentum ohne Verfolgung möglich. Auf Sansibar, wo 12.000 Katholiken unter einer Million Muslimen leben, ist die Situation etwas anders.PEK: Ihre Eindrücke sind noch frisch - welchen Impulse bringen Sie nach Deutschland mit?Diakon Hans Gerd Grevelding: Mich hat beeindruckt, wie selbstverständlich für die Familien das religiöse Leben ist; es ist in den Alltag eingebettet und nicht isoliert. Innerhalb der kleinen christlichen Gemeinschaften sind die Menschen sehr solidarisch miteinander. Einmal hatte ich Gelegenheit zu unterrichten. Mir saßen 200 Seminaristen gegenüber und das Unterrichten war ohne Unterbrechung oder stimmlichen Großeinsatz möglich, sie waren einfach aufmerksam. Weiterhin finde ich die Solidarität mit Schwerstkranken beispielhaft.PEK: Wie beeinflussen Ihre Reisen Ihre Arbeit in Deutschland?Diakon Hans Gerd Grevelding: Auslandsreisen sind für mich persönlich sehr wichtig, weil ich mit dem Alltag der Menschen in Kontakt komme und sehe, wie sie leben, welche kulturellen Hintergründe sie haben und welche religiösen Erfahrungen sie mitbringen. Das hilft mir in der Internationalen Katholischen Seelsorge, etwas Moderation und Vermittlung zu leisten in die deutsche Gesellschaft hinein. Ich habe da eine Vermittlungsfunktion. Ich wünschte, dass auch andere Menschen mal die Möglichkeit wahrnehmen, im Urlaub aus dem Hotel hinaus zu gehen und mit den katholischen Gemeinden vor Ort Kontakt aufzunehmen. - Wir sind alle Katholiken, wir können überall in den Gottesdienst gehen. Wenn man die Sonntagsmessen mitfeiert, kommt man automatisch mit den Menschen in Kontakt.