21.06.2008

Ein Interview mit dem scheidenden Jerusalemer Patriarch Michel Sabbah "Die Angst vor Frieden ist größer als die vor Krieg"

Der scheidende Lateinische Patriarch von Jerusalem, Michel Sabbah, hat am Wochenende feierlich sein Amt an seinen Nachfolger Fuad Twal übergeben. Am Ende eines Gottesdienstes in Jerusalem überreichte der Palästinenser Sabbah den Hirtenstab an seinen jordanischen Koadjutor. Sabbah stand 20 Jahre an der Spitze der Katholiken in Israel, den palästinensischen Gebieten, Jordanien und Zypern. Im Interview blickt Sabbah zurück.

Zuvor hatte Papst Benedikt XVI. das Rücktrittsgesuch des aus Altersgründen ausscheidenden Sabbah angenommen. Benedikt XVI. dankte Sabbah in einer Grußbotschaft für seinen «großzügigen Einsatz». Er habe sich stets durch seine «Liebe für das Land des Erlösers und all seine Bewohner» hervorgetan. Gleichzeitig sei er ein unermüdlicher «Fürsprecher für die Schwächsten und Bedürftigsten» gewesen. Sabbah dankte allen Gläubigen für ihre Unterstützung und den Vertretern der anderen Kirchen für den zurückgelegten Weg. Der Weg zum Frieden müsse gemeinsam, «über die Grenzen der Religionen, der diversen Empfindlichkeiten und menschlichen Widersprüche hinweg» beschritten werden. Die christliche Minderheit im Heiligen Land forderte Sabbah auf, sich «von jedem Schwäche-Komplex und von aller Angst» zu befreien. Zwar seien die Christen in der Region zu einem «schwierigen Leben» berufen, sie dürften jedoch nicht vor dem alles beherrschenden «Fatalismus des Bösen» kapitulieren. Sabbah war 1987 von Papst Johannes Paul II. als erster Palästinenser auf den Stuhl des Lateinischen Patriarchen berufen worden. Wegen seiner eindeutigen Stellungnahmen zum Nahost-Konflikt wurde ihm von israelischer Seite immer wieder vorgeworfen, sich zu sehr in die Politik einzumischen. Interview mit Michel SabbahKNA: Eure Seligkeit, Sie waren 20 Jahre Lateinischer Patriarch von Jerusalem. Wie lautet ist Ihr Fazit? Sabbah: Es waren Jahre unter dem Einfluss unentwegten Konflikts. Natürlich gab es auch bessere Zeiten wie das Jubiläumsjahr 2000 mit dem segensreichen Besuch von Papst Johannes Paul II. Das war ein wirklicher Höhepunkt. Aber dann sind die Hoffnungen auf Frieden wieder zusammengebrochen - und bis heute gibt es keine Lösung. KNA: Warum? Sabbah: Weil die Angst vor dem Frieden größer ist als die vor dem Krieg, zumindest auf israelischer Seite. Die Palästinenser sind den Konflikt längst Leid und bereit zu Lösungen auf Verhandlungsebene; auch die Mehrheit der israelischen Bevölkerung. Aber leider haben Extremisten in der israelischen Politik viel mitzureden: Sie wollen das ganze Land und blockieren ständig den Friedensprozess. Zudem herrscht unter Israelis viel Misstrauen gegenüber Arabern. Ein echter Friedensprozess würde bedeuten, dass man die Palästinenser nicht mehr unterdrückt und ihnen einen wirklich lebensfähigen Staat zugesteht. Das jedoch würde sie stärken - und davor hat man in Israel Angst. Dennoch muss man dieses Risiko eingehen, denn langfristig ist das Risiko, keinen gerechten Frieden zu suchen, größer: Der Hass unter Arabern wird weiter wachsen, und Extremisten aller Richtungen werden weiter Zulauf bekommen. Verlierer werden Palästinenser wie Israelis sein. KNA: Sind Sie sicher, dass eine Abkehr von der Politik der eisernen Hand Israel die ersehnte Sicherheit bringen würde? Kritiker halten das für naiv; schließlich gibt es genug arabische Stimmen, die eine Anerkennung Israels rundweg ablehnen. Sabbah: Ich sehe keine Alternative zu einem Kurswechsel. Denn bleibt Israel bei Checkpoints, Exekutionen von Verdächtigen ohne jeglichen Prozess, Siedlungspolitik, Apartheid und so weiter, dann erkauft es sich die eigene Sicherheit mit dem Preis zahlloser unschuldiger Opfer auf der anderen Seite. Das kann den Kreislauf der Gewalt nur weiter anheizen. Jene, die Israel nicht anerkennen wollen, schöpfen ja aus der Not und Verzweiflung der Bevölkerung. Die Kinder, die in solch einer Situation aufwachsen, sind die Terroristen von morgen. Die arabische Welt reagiert zudem sehr sensibel auf die Doppelzüngigkeit des Westens, der von Menschenrechten spricht, aber das von Israel begangene Unrecht einfach übersieht. Es gibt also keine Alternative zu dem Risiko eines gerechten Friedens. Übrigens gibt es sehr viele arabische Stimmen, die laut oder zwischen den Zeilen eine Anerkennung Israels befürworten. Nur natürlich nicht einfach so, ohne einen wirklichen Frieden. KNA: Sie wurden 1987 als erster Palästinenser auf den Patriarchensitz berufen - hat Ihre Herkunft Ihre Amtsführung beeinflusst? Sabbah: Zunächst ist es nur natürlich, dass die Katholiken hier einen Führer aus ihren Reihen bekommen haben. Dann haben die Gläubigen aber auch gespürt, dass ein einheimischer Patriarch ihre Leiden und Sorgen wirklich von innen her nachvollziehen kann. Sie haben gehofft, dass er ihnen eine Stimme in der Welt gibt. Dennoch darf ein Bischof nicht nur für ein Volk da sein: Als Christen gilt unsere Liebe und Verantwortung allen Menschen gleichermaßen. Wenn wir uns also gegen die Besatzungspolitik wenden, so sprechen wir nicht gegen Israel, sondern gegen die Politik der Besatzer und für jene, die unterdrückt sind und leiden. KNA: Kritiker werfen Ihnen vor, ihr Amt zu politisch zu sehen. Was antworten Sie ihnen? Sabbah: Dass "Politik" für mich bedeutet: Männer, Frauen und Kinder, die sterben, die sich gegenseitig umbringen, die einander hassen. Es bedeutet Entwürdigung, Angst und immer neue Opfer der Gewalt. Mit all dem muss sich ein Bischof beschäftigen. Gleichzeitig habe ich unsere Gläubigen immer wieder auf das Evangelium verwiesen. In der Heimat Jesu teilen wir auch heute noch das Schicksal Jesu und seiner Jünger: Die Kirche ist klein und wird von allen Seiten bedrängt. Es ist eine Kirche am Kreuz. Doch wir gehören nicht dieser Welt, sondern dem Gott, der uns seinen Frieden schenkt. KNA: Eine große Sorge der Kirche ist die massive Abwanderung der Christen. Wie haben Sie versucht dagegenzuhalten? Sabbah: Zunächst muss man sehen, dass nicht nur Christen auswandern, sondern auch Juden und Muslime. Der Grund ist bei allen die politische Unsicherheit. Unseren Gläubigen versuchen wir zunächst konkrete Hilfe in ihrer Heimat zu geben: gute Bildung, Wohnprojekte usw. Aber gleichzeitig weisen wir sie darauf hin, dass sie eine Berufung in diesem Land haben. Gott hat uns hierher gestellt, und er hat uns nie ein leichtes Leben versprochen. So ist es Aufgabe der Christen, im Vertrauen auf Gott die Schwierigkeiten anzugehen und nicht vor ihnen zu flüchten. Ich bin auch sicher, dass hier trotz allem immer eine kleine Zahl ausharren wird, jene kleine Herde, die durch die Jahrhunderte das Geheimnis der Ablehnung Jesu in seiner Heimat durchlebt und ihn bezeugt. KNA: Das Verhältnis der heute knapp zwei Prozent Christen zur muslimischen Mehrheit in der palästinensischen Gesellschaft haben Sie lange als unproblematisch bezeichnet. In jüngster Zeit hat sich der Ton etwas verändert; in Ihrem letzten Hirtenbrief sprachen Sie gar von der Möglichkeit des Martyriums. Sabbah: Damit habe ich auf den Extremfall verwiesen, dem wir vielleicht irgendwann ausgesetzt sein werden. Noch ist dieser Tag weit entfernt - aber wenn er kommen sollte, müssen wir ihm als Christen begegnen und auch zum Äußersten bereit sein. Der islamische Fundamentalismus ist ein neueres Phänomen; über Jahrhunderte haben Christen und Muslime problemlos miteinander gelebt. Die politische Lage jedoch hat den Extremisten Aufschwung gegeben: Menschen ohne Perspektive, die täglich mit großem Unrecht konfrontiert werden, werden allzu leicht Opfer extremer religiöser Strömungen. KNA: Offiziell gehen Sie nun in den Ruhestand - wie wollen Sie den verbringen? Sabbah: Ich möchte weiter für die Menschen im Patriarchat da sein. Wenn man im Dienst Gottes steht, braucht man keinen Job: Unsere Mission endet erst, wenn wir sie am Ende des Lebens in die Hände Gottes zurücklegen. Als Bischof habe ich zudem drei Funktionen: zu weihen, zu lehren und zu leiten. Die Leitungsfunktion übernimmt nun ein anderer, aber die beiden anderen bleiben. Ich habe also noch viel zu tun. Sabbah war 1987 als erster Einheimischer zum Oberhaupt der meist arabischen Katholiken des westlichen Ritus in Israel, den palästinensischen Gebieten, Jordanien und Zypern berufen worden. Der künftige Lateinische Patriarch von Jerusalem, Fuad Twal (67), möchte einen stärkeren Akzent auf die Seelsorge setzen. Zwar müssten sich Kirchenführer auch in die Politik einmischen, sagte er im Interview der Katholischen Nachrichten-Agentur (KNA). Die Sensibilitäten der verschiedenen Volksgruppen im Patriarchat seien aber völlig unterschiedlich. Befürworter der israelischen Politik warfen ihm oft vor, er missbrauche sein Amt für politische Arbeit; andere sahen in ihm einen wichtigen Fürsprecher für die notleidenden Palästinenser. Die Ernennung des Jordaniers Twal zu Sabbahs Nachfolger, drei Jahre vor dessen altersbedingtem Ausscheiden, gilt allgemein als Versuch des Heiligen Stuhls, die Debatte um die politische Linie des Patriarchats zu beenden. Die Palästinenser hätten derzeit am meisten unter der schwierigen politischen Lage zu leiden, meinte Twal. Daher bedürften sie der besonderen Fürsorge der Kirche. Als Patriarch werde er sich jedoch für alle Bewohner seiner Diözese verantwortlich fühlen, ob Christen oder nicht. Wenn er auch "wohl keine Wunder wirken" werde, so wolle er doch "geduldig säen". Man müsse zuhören können und die verschiedenen Perspektiven sehen, doch auch "im richtigen Augenblick ein festes Wort sprechen". Ein Diplomat der Kirche Twal wurde 1940 als fünftes von neun Kindern einer christlichen jordanischen Familie geboren. Nach seiner Priesterweihe und sechs Jahren in verschiedenen Pfarreien ging er 1972 zur Promotion in Kirchenrecht nach Rom. Anschließend wechselte er als erster Araber in die Diplomatenakademie des Heiligen Stuhls und diente 18 Jahre als Vatikandiplomat, unter anderem von 1988 bis 1990 in Deutschland.  1992 wurde Twal zum Erzbischof von Tunis ernannt und 2005 zum Koadjutor und designierten Nachfolger des Lateinischen Patriarchen von Jerusalem. Die deutsche Kirche habe er als "reiche und starke Kirche" erfahren, so Twal. Dabei habe ihn das Engagement von Hilfswerken wie Missio, Misereor oder Adveniat für die Weltkirche sehr beeindruckt. "Fast schockiert" hingegen habe ihn die große Zahl der Kirchenangestellten. Der "ganze Apparat" einer Diözese sei ihm recht schwerfällig und sehr "verwaltet" erschienen.

Gabi Fröhlich

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