05.05.2008

Christan Wulff zum Katholikentag in Osnabrück "Das passt gerade jetzt in die Zeit"

Wenn vom 21. bis 25. Mai der Deutsche Katholikentag in Osnabrück stattfindet, will auch Ministerpräsident Christian Wulff mit von der Partie sein. Schließlich ist er nicht nur Landesvater, sondern auch Katholik und Osnabrücker. Im Interview spricht Wulff über Heimat, Kirchenkritik und die Stimmung bei religiösen Großereignissen.

KNA: Herr Ministerpräsident, was bedeutet es für Ihr Land, dass der 97. Deutsche Katholikentag in Osnabrück stattfindet?Wulff: Ich freue mich riesig, weil Osnabrück durch den Westfälischen Frieden eine Stadt des Friedens und der Ökumene ist. Niedersachsen hat mit der Landeskirche Hannover die größte evangelische Landeskirche Deutschlands sowie die katholischen Bistümer Osnabrück, Hildesheim und Teile des Bistums Münster. Als Regierungschef begrüße ich dieses gute Miteinander, denn je mehr Christen sich engagieren, umso erfolgreicher lässt sich das Land regieren.KNA: Was zeichnet Osnabrück aus?Wulff: Die über 1.200 Jahre alte Stadt bietet große Lebensqualität und ein gutes Bildungsangebot mit Universität und Fachhochschulen. Für mich ist Osnabrück Heimat. Hier bin ich getauft, habe Erstkommunion, Firmung und wesentliche Jahre meines Lebens erlebt. Ich war kürzlich zu Besuch in meinem damaligen katholischen Kindergarten und in der Elisabethschule. Osnabrück ist für mich Heimkolorit pur. Wenn mich meine Wege - theoretisch - etwa nach Neuseeland führen würden, würde ich auch dort immer die Ergebnisse des VfL Osnabrück verfolgen und ein Abo der Neuen Osnabrücker Zeitung bestellen.KNA: Wie beteiligt sich die Landesregierung an dem Treffen?Wulff: Auf vielfältige Weise. Vertreter der Landesregierung nehmen an den zahlreichen Foren und Diskussionen teil. Ich selber bin bei derEröffnungs- und Schlussveranstaltung, der Fronleichnamsprozession und anderen Programmpunkten dabei. Unsere Schulen unterstützen das Projekt "Welche Rolle spielen Religionen in den Schulen einer multikulturellen Gesellschaft?". Das Land trägt 1,2 Millionen Euro zur Finanzierung bei, was angesichts der Finanzlage des Landes ein erheblicher Betrag ist. Das geschieht auch ein bisschen aus Eigennutz, denn wenn wir die Kirche zu weiterem Einsatz motivieren, entlastet das den Staat. Ehrenamtliches und aus dem religiösen Glauben getragenes Engagement setzt die Selbstheilungskräfte der Gesellschaft in Gang. Ich bin den Kirchen dankbar für ihre Krankenhäuser, Kindergärten und Beratungsstellen: Was dort geleistet wird, ist mit Geld nicht aufzuwiegen.KNA: Kürzlich haben die niedersächsischen Bischöfe mit einer Kampagne den Pflegenotstand im Land ausgerufen. Was sagen Sie zu dieser Kritik?Wulff: In Form und Inhalt finden wir die Kritik nicht richtig. Aber die Bischöfe dürfen mahnen, weil sie auch viel Verantwortung tragen. Es ist auch Rolle der Kirche, uns Politikern manchmal ein bisschen die Leviten zu lesen. Aber Niedersachsen hat keinen Pflegenotstand. Finanziell haben manche Einrichtungen Probleme, die aber nicht beim Land begründet sind, da die Kostensätze mit anderen verhandelt werden. Daher sind wir nicht der richtige Adressat. Wir führen aber Pflegekonferenzen durch und betreiben Zertifizierung der Pflegeheime. Ich bin froh über die Gespräche mit den Bischöfen und hoffe auf gemeinsame Ergebnisse.KNA: Was kann ein Katholikentag heute bringen?Wulff: Ich habe Katholiken- und Evangelische Kirchentage immer als Bereicherung meines Lebens empfunden. Es gibt dort immer ein besonderes Klima, fast ein bisschen vergleichbar wie bei der Fußball-Weltmeisterschaft. Man ist sich in Gemeinschaft einig und stellt fest: Viele denken genauso. Der Versuch, öffentlich Sprachrohr katholischer Christen zu sein und Politik und Glaube in engen wechselseitigen Kontakt und in ein fruchtbares Verhältnis zueinander zu bringen, ist einfach spannend. Katholikentage passen gerade jetzt in die Zeit.KNA: Woran haben Sie besondere Erinnerungen?Wulff: Beim Evangelischen Kirchentag 2005 in Hannover habe ich mich die ganze Woche als Gastgeber engagiert und ins Zeug geworfen. Es war ein riesiges Fest. Das größte Ereignis für mich war der Weltjugendtag in Köln mit all den Jugendlichen aus der ganzen Welt. Mein Traum, im Juli zum Weltjugendtag nach Sydney zu reisen, lässt sich leider durch meine Verpflichtungen als Ministerpräsident nicht umsetzen. Ich freue mich aber, dass viele junge Leute aus dem Bistum Osnabrück dorthin fliegen werden. Das sind Erlebnisse, die sie dann ihr ganzes Leben durchtragen.KNA: Katholikentage verstehen sich immer auch als politische Plattform. Braucht die Politik solche Ansagen, gerade im Jahr vor der Bundestagswahl?Wulff: Wir brauchen die Seismographenfunktion der Kirchen, weil sie nah dran sind an Menschen in Not und in bestimmten Konfliktfällen. Dadurch können die Kirchen auf Fehlentwicklungen und Missstände hinweisen. Das Motto des Katholikentages "Du führst uns hinaus ins Weite" kann ja auch nicht als etwas Ungefähres gemeint sein, sondern es geht um irdische Dinge wie Energieversorgung und Klimaschutz. Ich bin gespannt, was zu Themen wie Lebensschutz, Stammzelldebatte, zur Lage in Tibet oder der Christen in muslimischen Ländern gesagt wird: Da muss der Katholikentag schon deutlich werden.KNA: Das Zusammenleben von Christen und Muslimen ist sowohl beim Katholikentag als auch in Niedersachsen ein Thema. Welche Erfahrungen haben Sie da?Wulff: Wir müssen viel mehr miteinander reden und übereinander erfahren. Manche Unsicherheit entsteht auch, weil Muslime mit dem Koran und einer klaren Botschaft fest gegründet zu sein scheinen und Christen eher im Schwemmsand gründen. Da lassen sich keine tragfähigen Brücken bauen, die wir aber zwischen den Religionen brauchen. Ich glaube, das Thema des 21. Jahrhunderts ist nicht nur der Klimawandel, sondern wie Menschen unterschiedlicher Religion, Herkunft und Tradition auf Dauer friedlich, respektvoll und in Toleranz miteinander leben. Osnabrück ist ein optimaler Ausrichterort für das Thema Integration, Multikulturalität und Religionsdialog.KNA: Welches Signal wünschen Sie sich vom Katholikentag?Wulff: Die Botschaft: Wir gestalten Zukunft in Gottvertrauen und Fröhlichkeit mit einem klaren Bild von friedlichem und gerechtem Zusammenleben. Wir fühlen uns als Christen hierzulande verstanden und gewollt, und dass wir uns aktiv einbringen, auch wenn's mal kritisch ist. Ich wünsche mir auch Signale zu innerkirchlichen Fragen wie etwa Amtsverständnis, Zölibat, Frauenordination und Rolle der Laien. Da habe ich Erwartungen und Wünsche, die man als einfacher Christ, aber nicht als Ministerpräsident einbringen und äußern kann.KNA: Welche Forderungen sind das?Wulff: Dazu werde ich mich beim Katholikentag an Stellen, wo man seine Privatmeinung sagen kann, äußern. Auf dem Podium wird das nicht sein, sondern in vielen Randgesprächen.

Sabine Kleyboldt

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