15.01.2008

Lehmanns Rücktritt kommt nicht aus heiterem Himmel - Eine Analyse von KNA-Chefredakteur Ludwig Ring-Eifel Die Nachfolge ist offen

Kardinal Lehmanns frühzeitige Rücktrittsankündigung trifft die Deutsche Bischofskonferenz überraschend, aber nicht völlig unvorbereitet. Schon nach seiner letzten Wiederwahl im Herbst 2005 hatte es Überlegungen gegeben, der Mainzer Bischof werde seine vierte Amtszeit nicht voll ausschöpfen, sondern irgendwann einen vorzeitigen Stabwechsel einleiten. Als dann Lehmann in der Adventszeit wegen Herz-Rhythmus-Störungen wichtige Termine absagte und sich mehrere Wochen zur Rehabilitation zurückzog, machten in Kirchenkreisen Rücktrittsspekulationen die Runde. Allerdings gab es dabei unterschiedliche Einschätzungen über den Zeitpunkt und über die Namen möglicher Nachfolger.

Von Chefredakteur Ludwig Ring-Eifel (KNA)In einem zunächst vertraulichen, dann aber rasch veröffentlichten Brief an seine bischöflichen Mitbrüder hat Lehmann klar gestellt, dass die Wahl des frühen Rücktritts-Zeitpunkts überwiegend persönliche, medizinische Gründe hat. Er spricht von "Herz-Rhythmus-Störungen mit Folgen", ohne diese näher zu umschreiben, und fügt dramatisch unterstreichend hinzu: "Ich hatte eine lebensbedrohliche Krankheit, die mir in Zukunft nicht mehr diese oft rücksichtslose Ausschöpfung meiner Kräfte erlaubt."Zugleich verdeutlicht der Mainzer Bischof, dass der Zeitpunkt seines Rücktritts auch etwas mit kirchenpolitischen Überlegungen zu tun hat. Durch die Bischofsernennungen für München und Freising (Reinhard Marx, 54), Limburg (Franz-Peter Tebartz-van Elst, 48) und Speyer (Karl-Heinz Wiesemann, 47) sei ein Generationswechsel vollzogen, nun sei es "Zeit für eine Wachablösung". Darüber, was dieser Wechsel in der Führung der Bischofskonferenz inhaltlich oder personell bedeuten könnte, sagt Lehmann in seinem Brief freilich kein Wort.In Kirchenkreisen wird nun vor allem darüber spekuliert, welche Auswirkungen Lehmanns Rücktritt für die Karriere des immer wieder gehandelten Nachfolgekandidaten Marx haben wird. Da der designierte Münchner Erzbischof erst am 2. Februar sein Amt in Bayern antritt, wird man ihn wohl kaum bereits wenige Tage später bei der Frühjahrsvollversammlung zum Vorsitzenden der Bischofskonferenz wählen. Die in München auf ihn wartenden Aufgaben sind nach Einschätzung von Insidern so umfangreich, dass Marx frühestens in einigen Jahren das zusätzliche schwere Amt des Bischofskonferenz-Vorsitzenden übernehmen könnte.Folgerichtig machen die Namen von Bischöfen die Runde, die vom Alter her Übergangskandidaten wären. Die institutionell einfachste Lösung wäre die Wahl des bisherigen Stellvertreters und Bischofs von Aachen, Heinrich Mussinghoff (67). Daneben wird auch der Name des Freiburger Erzbischofs Robert Zollitsch (69) genannt, der als Leiter des "Verbandsausschusses" der deutschen Diözesen eine Art inoffizieller Finanzminister ist und nicht nur deswegen zu den einflussreichsten Bischöfen zählt. Beide gelten unter Beobachtern kirchenpolitisch als Männer der Mitte, zu denen auch Lehmann gerechnet wird.Sollte sich die Bischofskonferenz hingegen dafür entscheiden, schon jetzt den von Lehmann angedeuteten Generationswechsel zu vollziehen, kämen dafür jüngere und doch schon in ihrem Amt gefestigte Bischöfe in Frage. Dazu zählen etwa der Osnabrücker Bischof Franz-Josef Bode (56) oder der Bamberger Erzbischof Ludwig Schick (58). Wenig wahrscheinlich dürfte im Übrigen ein Richtungswechsel hin zum konservativeren Flügel sein, für den unter anderem der Kölner Kardinal Joachim Meisner (74) und der Augsburger Bischof Walter Mixa (66) stehen.Unabhängig davon, auf wen die Wahl fällt, zeichnet sich schon jetzt ab, dass Lehmann auch nach seinem Rücktritt eine wichtige Rolle in der Bischofskonferenz haben wird. Neben dem Mainzer Bischofsamt und dem Kardinalstitel ist es die jahrzehntelange Erfahrung und die Vertrautheit mit den Medien, die ihm Prominenz verleiht. Und schließlich tragen auch seine vatikanischen Ämter dazu bei. So ist der Mainzer Kardinal unter anderem Mitglied in der Bischofskongregation, im Päpstlichen Einheitsrat, in der Ostkirchenkongregation und in der vatikanischen Güterverwaltung APSA. Anders als Lehmann nach 1987 wird es sein Nachfolger mit einem aktiven ehemaligen Vorsitzenden in den Reihen der Bischofskonferenz zu tun haben.