08.01.2008

Miegel: "Die Wachstumsphase der Globalisierung ist abgeschlossen" Wirtschaft im Dienst des Menschen

Der frühere Generalsekretär des Ökumenischen Rats der Kirchen (ÖRK), Prof. Konrad Raiser, hat vor der Landessynode der Rheinischen Kirchen 2008 dazu aufgerufen, die Wirtschaft in den Dienst des menschlichen Lebens, der Gemeinschaft und der Natur zu stellen. Mit ihrem Titel "Wirtschaften für das Leben" sei die Zielrichtung der Vorlage der Landessynode 2008 zum Thema Globalisierung prägnant formuliert. "Wirtschaft darf kein Selbstzweck sein", so Raiser in Bad Neuenahr. Un der Sozialwissenschaftler Miegel mahnte, "der materielle Wohlstand werde sich verringern."

In einem Vortrag vor der Landessynode der rheinischen Kirche in Bad Neuenahr hob Raiser hervor, dass die Globalisierung von Wirtschaft und Finanzsystemen kein Schicksal sei, sondern veränderbar. "Die Behauptung, es gebe keine Alternative, dient der Verteidigung von Machtinteressen", sagte der frühere Generalsekretär des Ökumenischen Rates der Kirchen. Raiser forderte, wirtschaftliche Strukturen müssten dem Gemeinwohl dienen. "Wenn wirtschaftliche Macht Menschen und ganze Gesellschaften zum Verlust jeder Eigenständigkeit und zur strukturellen Armut verurteilt, verliere sie ihre ethische Legitimität".Kirche zwischen den FrontenFür eine "Lebensdienlichkeit" der Wirtschaft schlug Raiser der Landessynode zwei Maximen vor: Menschengerechtigkeit und Nachhaltigkeit. Menschengerecht sei Wirtschaft, wenn sie Menschenrechte achtet, wobei Raiser sie nicht nur als ethisches Kriterium, sondern als Rechtsanspruch von Betroffenen vorstellte. Nachhaltigkeit definierte er mit der vorrangigen Option für den Schutz und die Förderung des Lebens. Die Kirchen seien eingebunden "in die widersprüchlichen Auswirkungen des Globalisierungsprozesses", sowohl daheim als auch weltweit, erklärte Raiser weiter in seinem Vortrag. Sie nähmen Teil an den Erfahrungen der Gewinner und Nutznießer wie auch der Verlierer und Opfer der Globalisierung.Der Theologieprofessor wies auf die unterschiedliche Haltung der Kirchen in den reichen und den armen Ländern der Erde zu den herrschenden wirtschaftlichen und politischen Strukturen hin. Die Kirchen des Nordens befürworteten überwiegend moderate Haltungen und wollten die Globalisierung mitgestalten. Die Kirchen des Südens drängten dagegen auf eine radikale Änderung der herrschenden Wirtschaftsordnung. Dort werde die Globalisierung als eine "das Leben der einfachen Menschen verachtende Macht- und Herrschaftsstruktur" erlebt.Die Ressourcen reichen nichtAuch der zweite Redner, der Soziologe Meinhard Miegel, widersprach der Vorstellung, die Globalisierung gehe "wie ein Feuersturm" über die Erde "Die große Mehrheit der Menschen will diese Globalisierung und lässt sich von den Schattenseiten nicht schrecken", sagte er. Eigentliche Probleme seien der uralte Menschheitstraum vom grenzenlosen Wachstum und eine schier unersättliche Gier des Menschen nach materiellen Gütern. Zur Befriedigung dieser Gier reichten jedoch die Ressourcen nicht aus.Die Wachstumsphase im globalisierten Wirtschaftsprozess ist nach Einschätzung des Sozialwissenschaftlers abgeschlossen. "Wir sind am Ende des ersten Aktes der Globalisierung angekommen", sagte der 68-Jährige am Dienstag vor der Landessynode. Die Globalisierung habe als beispiellose Erfolgsgeschichte der Menschheit begonnen, seit 1950 hätten sich Lebensbedingungen, Lebenserwartung und Bildungsniveau weltweit verbessert. Diese Entwicklung könne aber nicht fortgesetzt werden, der materielle Wohlstand werde sich verringern.Wir müssen uns mit weniger begnügenEs werde weiter die Illusion genährt, der Westen könne materiellen Wohlstand steigern und den Rest der Menschheit auf sein Niveau heben, kritisierte der Gründer des Bonner Instituts für Wirtschaft und Gesellschaft. Die Bevölkerung der Industrieländer müsse lernen, zu teilen und sich mit weniger zu begnügen.Auch der Theologe Raiser glaubt, dass die europäische wohlfahrtsstaatliche Tradition der sozialen Marktwirtschaft heute so stark abgeschwächt ist, dass sie keine tragfähige Alternative mehr biete.