07.01.2008

Die französische Philosophin Simone de Beauvoir wurde vor 100 Jahren geboren Ikone und Zielscheibe zugleich

Sie war die Vordenkerin der Frauenbewegung. In Werk und Leben hat sich Simone de Beauvoir herausgenommen, was zu der Zeit nur Männern vorbehalten war: eine eigene, oftmals nicht mehrheitsfähige Meinung, eine offene, vor allem intellektuelle Beziehung zum Philosophen Jean-Paul Sartre und Liebesverhältnisse zu Männern wie Frauen. Am 9. Januar wäre die französische Philosophin, Schriftstellerin und Feministin 100 Jahre alt geworden.

"Man wird nicht als Frau geboren, man wird dazu gemacht" aus dem 1949 erschienenen Essay "Das andere Geschlecht" ist ihre wohl bekannteste Aussage. Auf die Radikalität ihrer Einstellungen und Lebensweise prallte ihr außerordentlich bürgerliches Erscheinungsbild. Die "Tochter aus gutem Hause", wie sie sich in ihren Memoiren bezeichnet, kleidete sich stets elegant-konservativ mit hochgestecktem und mit einem gewundenen Seidentuch gehaltenen Haar - die vollendete Dame. In ein bürgerliches Pariser Elternhaus hineingeboren, wurde sie in einem katholischen Mädchenpensionat erzogen und schloss mit Bravour die Eliteschule École Normale Supérieur ab.Sartre, der "Zwillingsbruder"Während ihres Philosophiestudiums an der Sorbonne lernte sie 1929 den "Zwillingsbruder" Sartre kennen, mit dem sie einen Pakt für eine lebenslange Beziehung schloss, die immer Priorität haben, den beiden aber auch alle Freiheiten garantieren sollte. Dass die Beziehung nicht immer gleichgewichtig war, er sich mehr Freiheiten nahm, sie mehr erduldete, beide zeitweise damit überfordert waren, geht auch aus Beauvoirs Briefen an den Lebensgefährten hervor. Dennoch galten sie lange als Vorzeigepaar des französischen Existenzialismus."Le castor" (der Biber), wie Sartre Beauvoir nannte, war ihrer Zeit weit voraus: Ihre ersten Erzählungen wurden 1937 mit der Begründung abgelehnt, das moderne Frankreich und die französischen Verlage interessierten sich noch nicht dafür, was Frauen dachten, fühlten und wollten, erzählte Beauvoir ihrer Biografin Deirdre Bair.Nachdem die von Nazideutschland eingesetzte Vichy-Regierung sie 1943 aus dem Dienst als Philosophielehrerin entließ, gelang ihr jedoch der Durchbruch als freie Schriftstellerin mit dem existenzialistischen Roman "Sie kam und blieb". Für ihre Beschreibung der Pariser Intellektuellenszene in "Mandarins von Paris" erhielt sie 1954 gar den Prix Goncourt, den begehrtesten Literaturpreis Frankreichs.Von Feminismus. Homosexualität und TodIn den - männlich dominierten - Existenzialistenkreisen verschaffte sich Beauvoir Respekt und das Recht auf ein selbstbestimmtes Leben. Als sie die Maximen des Existenzialismus allerdings auf "Das andere Geschlecht" anwandte, reagierten nicht nur Kirche und konservative Regierungskreise empört, sondern auch eingeschworene Mitstreiter wie Albert Camus. Obwohl sich Beauvoir darin gegen die Notwendigkeit einer Frauenbewegung aussprach, wurde "Le deuxième Sexe" zur Bibel des Feminismus.Mit der kulturhistorischen Untersuchung wollte sie sich lediglich ihrer eigenen Position als Frau vergewissern, um "als 'ganzes', 'vollständiges' menschliches Wesen anerkannt zu werden". Sie vertrat damals die Meinung, dass die "Frauenfrage" sich in dem von ihr angestrebten Sozialismus automatisch regeln würde. Erst Jahre danach bekannte sie sich zur Frauenbewegung. Wie auch später lösten vor allem ihre Aussagen zu Mutterschaft und Homosexualität Proteststürme aus und brachten ihr wüste Beschimpfungen ein.Ein weiteres Tabu, mit dem sich Beauvoir beschäftigte war das Thema Tod. So schrieb sie ein Essay mit dem ironischen Titel "Ein sanfter Tod", den sie nach dem Ableben ihrer Mutter 1964 verfasste. Und in einem schonungslos detaillierten Bericht protokollierte sie 1983 auch Sartres allmähliches Sterben: als schnörkellose "Zeremonie des Abschieds".Am 14. April 1986, sechs Jahre nach dem Gefährten, starb Simone de Beauvoir in einem Pariser Krankenhaus. Ihre letzte Lebensgefährtin, Sylvie le Bon, gab Beauvoirs Briefe an Sartre heraus, die 1990 erschienen. Sie lösten unter anderem wegen ihrer darin angesprochenen Bisexualität einen neuen Sturm der Entrüstung aus. Gleichzeitig zeigen sie aber auch eine sehr menschliche, bis dahin eher verborgene Seite der selbstbewussten, teilweise hart erscheinenden Intellektuellen: eine ängstliche und schutzbedürftige Frau voller Sehnsucht und Liebe zur Freiheit.

Claudia Schülke