19.12.2007

Bestseller-Autor Manfred Lütz über die Renaissance der Religion "Wir stehen vor einer echten Wende"

Manfred Lütz (53) ist derzeit ein gefragter Gast in deutschen TV-Talkshows. Im Mittelpunkt steht dabei weniger seine berufliche Tätigkeit als Psychotherapeut und Chefarzt des Kölner Alexianer-Krankenhauses, sondern sein jüngstes Buch. "Gott - eine kleine Geschichte des Größten" hat sich zu einem Bestseller des zu Ende gehenden Jahres entwickelt. Im Gespräch mit der Katholischen Nachrichten-Agentur (KNA) spricht das Mitglied des päpstlichen Laienrats über Gott, die Welt und die neuen Chancen einer intellektuellen Debatte über Religion.

KNA: Herr Lütz, alle Jahre wieder füllen sich zur Weihnachtszeit Deutschlands Kirchen. Was suchen die Menschen in den Gotteshäusern?Lütz: Wenn es wirklich so ist, dass in jedem Menschen eine Sehnsucht nach Gott angelegt ist, dann bricht die natürlich irgendwann durch. Weihnachten scheinen viele sensibler für diese tiefe Sehnsucht zu sein.KNA: Ist es dann auch jahreszeitlich bedingt, dass sich in einer aktuellen Studie eine Mehrheit der Bundesbürger als religiös bezeichnet?Lütz: Nein. Mein Eindruck ist, dass wir vor einer fundamentalen Wende stehen. Erstmals ist es wieder möglich, eine intellektuelle Debatte über die Existenz Gottes zu führen.KNA: War das vorher anders?Lütz: Ein paar Jahrzehnte lang haben wir uns den Luxus geleistet, hemmungslos mit ein paar dämlichen Klischees auf unserer christlichen Tradition herumzuprügeln. Dadurch haben wir uns von unserer eigenen Geschichte abgeschnitten und unserer geistlichen Wurzeln beraubt. Wer Teile seiner Lebensgeschichte verleugnet und abspaltet, ist eigentlich ein Fall für den Therapeuten.KNA: Wie äußert sich dieser Befund in der Praxis?Lütz: In einer tiefen Verunsicherung. Wer nicht mehr glaubt, glaubt alles. Man bastelt sich spirituelle Papierflugzeuge zusammen und folgt irgendwelchen esoterischen Heilsversprechen.Andere hoffen darauf, dass sich die fehlende Mitmenschlichkeit gegen Geld durch professionelle Hilfe ersetzen lässt. In existenziellen Situationen reicht das alles aber nicht.KNA: Zum Beispiel?Lütz: Es ist natürlich etwas anderes, wenn Ordensleute oder andere Menschen sich für Gotteslohn um einen Hilfsbedürftigen sorgen als wenn nur noch hochprofessionell nach Stundensätzen gepflegt wird. Nichts gegen gute Pflegedienste, aber ohne die christliche Sorge um den Nächsten, ohne Gott, wird es kälter in unserer Gesellschaft.KNA: Ein Argument, dass auch der bekennende Atheist Gregor Gysi teilen würde...Lütz: Bei der Vorstellung meines Buches in Berlin hat er gesagt, er sei Atheist, aber er habe Angst vor einer gottlosen Gesellschaft, weil der die Solidarität abhandenkommen könne.Natürlich ist Religion nicht bloß für eine erhöhte soziale Betriebstemperatur einer Gesellschaft da. Ich habe bei meinen vielen Diskussionen in den vergangenen Wochen mit Atheisten im Osten Deutschlands eine berührende Mitmenschlichkeit erlebt, aber auch ein wirkliches Interesse an der Frage nach der Existenz Gottes. Darüber brauchen wir einen echten Dialog...KNA: ... den Sie auch mit Ihrem Buch führen wollen.Lütz: Richtig. Ich wollte ein Buch schreiben, das alle wesentlichen Argumente für und gegen die Existenz Gottes enthält, aber allgemeinverständlich, unterhaltsam und nicht zu dick. Ich habe das Buch von einem Metzger und von einem Philosophen lesen lassen und die fanden das beide gut.KNA: Nun füllen gelehrte Abhandlungen über die Gottesfrage ganze Regalmeter. Kann Ihre "Kleine Geschichte des Größten" überhaupt befriedigende Ansätze liefern?Lütz: Die Frage nach Gott ist keine Expertenfrage. Wenn mich auf der Straße jemand ansprechen würde, ob ich ihm Argumente für die Existenz Gottes nennen könnte, dann kann ich ja auch nicht sagen: "Warten Sie bitte, ich geh' grade noch mal in meine Bibliothek." Und so habe ich mir einen gescheiten Atheisten vorgestellt und einfach losgeschrieben. Die Frage nach Gott ist eine existenzielle Frage, die alle angeht. Dabei sind Gottesbeweise wie Liebesbeweise. Sie sind nicht zwingend, aber es sind die wichtigsten Beweise unseres Lebens.

Joachim Heinz