30.11.2007

Reinhard Marx wird neuer Münchner Erzbischof Zwischen Freude und Wehmut

"Es wird auf jeden Fall ein Bayer sein", waren sich Münchner Kirchenleute mit Blick auf die Nachfolge von Kardinal Friedrich Wetter noch im Sommer ganz sicher. Jetzt hat sich der bayerische Papst für einen Nicht-Bayern entschieden - zum ersten Mal in der 186-jährigen Geschichte des Erzbistums München und Freising. Am Freitagmittag gab Benedikt XVI. die Ernennung des Trierer Bischofs Reinhard Marx bekannt. Und der zeigte bei seiner Ernennungs-Pressekonferenz deutlich, dass er sich noch an die neue Aufgabe gewöhnen muss.

Der Trierer Bischof Reinhard Marx hat seine Ernennung zum Erzbischof zum neuen Oberhirten im Erzbistum München und Freising offiziell bestätigt. Die Personalentscheidung wurde am Freitag zeitgleich auf Pressekonferenzen in Rom, München und Trier bekannt gegeben. Marx dankte Papst Benedikt XVI für seine Berufung. Dass er zu den Nachfolgern Josef Ratzingers in der größten bayerischen Diözese gehöre, sei "ein Vertrauensbeweis, der mich sehr ehrt".Sechs Jahre seien zu wenig, um als Bischof zu wirken, sagte Marx über seine Zeit im Bistum Trier. Bei seinem Weggang sei auch "ein bisschen Wehmut" dabei. Er werde mit großer Offenheit auf die Menschen in seinem neuen Erzbistum zugehen, kündigte Marx an. Auf die Frage nach seiner Bayernaffinität antwortete der gebürtige Westfale: "Es ist mir eigentlich alles fremd."Den ökumenischen Kirchentag 2010 in München bezeichnete Marx als Herausforderung. "Angst gehört aber nicht zu meinen Grundbefindlichkeiten", betonte er. Der zweite ökumenische Kirchentag stehe sicher unter genauer Beobachtung. Im evangelischen Landesbischof Johannes Friedrich habe er jedoch einen verlässlichen Partner. Im Klima der evangelisch-katholischen Ökumene sieht Marx Entspannungstendenzen und gute sachliche Ebenen: "Da habe ich keine Befürchtungen."ReaktionenDer Kölner Erzbischof Joachim Kardinal Meisner gratulierte Bischof Reinhard Marx zu dessen Ernennung und versicherte ihn seines Gebetes. In dem Glückwunsch­schreiben übersandte er seinem Mitbruder zu der "hohen und verantwortungsvollen Berufung" seine "herzlichen Segensgrüße und -wünsche mit dem Versprechen ständiger Gebets­begleitung".Auch der Paderborner Erzbischof Hans-Josef Becker gratulierte Reinhard Marx "in herzlicher, mitbrüderlicher Verbundenheit". Marx sei ein scharfsinniger, diskussionsfreudiger und zugleich offenherziger Zeuge des Evangeliums. Er habe seinen westfälischen Charakter nie verleugnet, werde aber "sehr schnell die bayerischen Katholikinnen und Katholiken für sich gewinnen", unterstrich Becker. Dass mit einem Priester des Erzbistums Paderborn ein so exponierter und wichtiger Bischofssitz besetzt werde, ehre auch sein Heimatbistum.Bis zu seiner Amtseinführung als Erzbischof von München und Freising bleibe Marx weiterhin Oberhaupt der Diözese Trier, allerdings mit eingeschränkten Rechten, erklärte die Bischöfliche Pressestelle Trier. Nach dem Wechsel sei der Bischofstuhl zunächst vakant. Ein Diözesan-Adminstrator werde dann das Bistum leiten. Nachdem Marx Vorgänger Bischof Hermann Josef Spital Ende 2000 sein Amt aus Altersgründen aufgab, wurde sein Nachfolger erst Ostern 2002 als Bischof eingeführt. Als Voraussetzung für seinen Nachfolger nannte Marx "Gesundheit und gute Nerven".Der Präses der Evangelischen Kirche im Rheinland, Nikolaus Schneider, gratulierte dem neuen Erzbischof von München und Freising. Er habe Marx als profilierten Vertreter der Katholischen Soziallehre geschätzt und ihn in politischen und gesellschaftlichen Fragen als verlässlichen und starken Partner erlebt, hieß es in einer Pressemitteilung. Ökumenische Fragen hätten mit den bisherigen Trierer Bischof "mit der nötigen Klarheit" diskutiert werden können. "Der künftige Erzbischof bringt die römisch-katholischen Positionen unverwechselbar und klar in Diskussionen ein. Das schätze ich an ihm", betonte Schneider.Kardinal WetterVor Pressevertretern bat der Münchner Kardinal Wetter die Priester und Gläubigen der Erzdiözese, den neuen Erzbischof herzlich aufzunehmen, wie es auch ihm vor 25 Jahren widerfahren sei. Der Termin des Amtsantritts steht noch nicht fest. Marx sei aus seiner westfälischen Heimat mit einer im Volk und im religiösen Brauchtum verwurzelten Kirche vertraut. So könne er unbefangen das in Altbayern anzutreffende reiche religiöse Brauchtum aufnehmen, betonte Wetter.Marx sei zudem als Professor für Christliche Gesellschaftslehre auch mit den gesellschaftlichen und sozialen Probleme des Landes vertraut und habe als Sozialethiker immer die weltweiten Probleme im Blick, betonte Wetter. Auch kenne er die Situation der Seelsorge, die im Trierer Bistum mit 1,5 Millionen Katholiken sich nicht wesentlich von der in der Erzdiözese unterscheide. Das Ziel, gemeinsam mit Priestern und Gläubigen für einen lebendigen Glauben zu wirken und die kirchlichen Strukturen darauf auszurichten, sei hier wie dort das gleiche, so der Kardinal.PORTRAITDer Karriereschub für den seinerzeit jüngsten deutschen Diözesanbischof ist unverkennbar: Mit dem Münchner Erzbischofsstuhl ist seit 100 Jahren die Kardinalswürde fest verbunden. Außerdem führt der Münchner Erzbischof traditionell den Vorsitz in der Freisinger Bischofskonferenz. Der Generationswechsel im bayerischen Episkopat ist damit bis auf weiteres abgeschlossen. Nach einer Reihe von Neubesetzungen in den vergangenen sechs Jahren steht der nächste altersbedingte Bischofsrücktritt erst im Sommer 2010 in Passau an.Mit seinen 54 Jahren ist Marx ein Jahr jünger als der bisherige Junior unter Bayerns Bischöfen, der Eichstätter Benediktiner Gregor Maria Hanke. In ihrer Riege sind die Auswärtigen nun in der Mehrheit: Der Würzburger Bischof Friedhelm Hofmann kam aus Köln, der Bamberger Erzbischof Ludwig Schick ist Hesse und der Regensburger Hirte Gerhard Ludwig Müller Rheinland-Pfälzer.Schwere Zeit für Freisinger BischofskonferenzDie Freisinger Bischofskonferenz macht gerade eine schwere Zeit durch. Seit einigen Jahren zeichnen sich wiederholt und von außen sichtbar Risse in dem ansonsten um Geschlossenheit und Diskretion bemühten Gremium ab. Aufreibende Debatten gab es im Ringen mit Rom und der bayerischen Staatsregierung um die Zukunft der katholischen Schwangerenkonfliktberatung. Nicht immer einig war man sich beim Krisenmanagement zur Sanierung der Deutschordenswerke, die kräftige Finanzspritzen der Bistümer erforderte.Auch um den Erhalt der katholischen Universität Eichstätt-Ingolstadt, die Neuordnung der theologischen Fakultäten und die rechte Gestalt der Laienräte gab es zum Teil über die Medien geführte scharfe Dispute. Das hat bei manchen Akteuren Narben hinterlassen. Marx ist als einer, der von außen kommt und bisher keine erkennbaren Verbindungen zu Bayern hat, durch diese Auseinandersetzungen nicht belastet. Das könnte sich als Vorteil erweisen in einer Runde, in der einige großen Wert auf ihre Unabhängigkeit legen.Neben Köln bedeutendster BischofssitzMan darf gespannt sein, wie die Freisinger Bischofskonferenz ihren neuen Vorsitzenden aufnimmt. Und wie er sein Amt interpretieren wird, als Moderator oder eher als Führungsfigur. Das gleiche gilt für die Frage, wie der selbstbewusste Wetter-Nachfolger mit dem nicht minder selbstbewussten Münchner Diözesanklerus zurechtkommt.In der Bistumsleitung sind schon in allernächster Zeit altersbedingt mehrere Schlüsselpositionen neu zu besetzen. Das bietet dem Neuen einen Gestaltungsraum, ohne dass er verdiente Amtsträger durch deren vorzeitige Ablösung vor den Kopf stoßen müsste. Allerdings dürfte Marx die Auswahl neuer Mitstreiter mangels Orts- und Personalkenntnissen nicht leicht fallen.Auf Bundesebene wird sich das Gewicht des nicht nur körperlich stark gebauten Vollbartträgers noch verstärken. Schließlich handelt es sich bei München neben Köln um den bedeutendsten Bischofssitz in Deutschland. Für die Nachfolge von Kardinal Karl Lehmann an der Spitze der Deutschen Bischofskonferenz rückt Marx nun, wenn nicht in die Pole-Position, so zumindest doch in die erste Startreihe vor. Vom Zweiten Weltkrieg bis zur Ära Lehmann wechselten sich die Kölner und Münchner Erzbischöfe im Konferenzvorsitz ab. Das ist aber kein geschriebenes Gesetz. Und im Unterschied zur Freisinger Bischofskonferenz handelt es sich um ein Wahlamt.