26.09.2007

Zwangsstörungen und wie sie therapiert werden Mehr als nur eine "Macke"

Wer kennt diese Gedanken nicht: Hab ich den Herd ausgemacht? Ist die Tür auch bestimmt abgeschlossen? Brennt das Licht vielleicht noch? Jeder folgt im Alltag immer wiederkehrenden Verhaltensmustern und persönlichen Ritualen. Oft sind sie harmlos und bleiben ein beinahe unbemerkter Bestandteil des Alltags. Manche Menschen brauchen weniger davon, andere etwas mehr und sind vielleicht sogar für ihre "kleinen Ticks" und ihren Perfektionismus bekannt. Aber wo ist der Übergang zum Krankhaften? Lesen Sie hier die große domradio-Reportage von Maren Bücher.

Für viele nur schwer vorstellbar, aber dennoch: manche Menschen leiden oft den ganzen Tag unter aggressiven zwanghaften Gedanken oder Handlungen, putzen, waschen oder duschen stundenlang oder werden oft gequält von dem Gefühl, etwas vergessen oder gar etwas Schlimmes getan zu haben. Verhaltensmuster, die weit entfernt sind von Gewohnheiten und harmlosen Ticks oder „Marotten". Die Frau, die sich 20 Mal hintereinander die Hände wäscht oder erst nach aufwendigen Zählritualen die Wohnung verlassen kann. Der Mann, der jeden Morgen mehrere Male von der Arbeit wieder zurück nach Hause fährt, weil er befürchetet, dass das Haus brennt. Die Fachwelt hat dem längst einen Namen gegeben: Zwangsstörung.Nichts Ungewöhnliches: Mittlerweile spricht man von der vierthäufigsten psychischen Störung und allein in Deutschland sind mehr als eine Million Menschen betroffen. In anderen Ländern stießen Forscher auf ähnlich hohe Zahlen: Sowohl in Finnland, Indien und Hongkong als auch in  Ägypten, Uganda, der Türkei, Lateinamerika und den USA leiden jeweils 1 bis 2 Prozent der Bevölkerung unter behandlungsbedürftigen Zwängen. Betroffen sind Männer und Frauen gleichermaßen quer durch alle sozialen Schichten. Angst vor der AngstIn der Fachwelt wird zwischen Zwangshandlungen und Zwangsgedanken unterschieden. Oftmals tritt beides in enger Verbindung miteinander auf. Der Zwangskranke ist meist beherrscht von dem Gedanken, dass ihm etwas Schaden bringen oder er selbst Unheil anrichten könnte, wenn er die zeit- und energieraubenden Zwangshandlungen nicht ausführt. Einen konkreten Anlass zu dieser Sorge gibt es meist jedoch gar nicht. Und doch drängen sich ihm zwangsauslösende Impulse oder Bilder immer wieder auf. Gibt der Betroffene dem Zwang nicht nach, empfindet er nicht selten Angst. So ist es eine Erleichterung dem Zwang nachzugeben. In manchen Fällen ist der gesamte Alltag von zwanghaften Gedanken und Handlungen bestimmt, die ständig wiederholt werden müssen. Denn das Gefühl, dass eine Handlung oder Gedankenreihe „richtig" ausgeführt wurde, will sich oft nicht einstellen. Stunden oder sogar Tage kann es dann dauern, bis ein Gefühl der Erleichterung eintritt und der Betroffene sich "sicher" fühlt. Es entsteht das Gefühl „niemals fertig zu werden". "Ich hatte eine Patientin, die jeden Morgen drei Stunden im Badezimmer brauchte", berichtet Professor Dr. O. Berndt Scholz, erneritierter Direktor am Psychologischen Institut der Universität Bonn.  Der schleichende ÜbergangDer Zwangspatient ist durch seine zwanghaften Handlungen und Gedanken fortwährend abgelenkt und verspürt einen ständigen inneren Druck. Dadurch fehlt ihm oft mehr und mehr der Zugang zu einfachen alltäglichen Zusammenhängen und die einfachsten Entscheidungen fallen schwer. Experten sprechen von "primärer Langsamkeit", ein deutliches Zeichen dafür, dass der Zwang krankhaft geworden ist. "Leicht ist der Übergang zur Krankheit nicht festzulegen. Krankhaft wird es dann, wenn die Zwänge das tägliche Leben massiv beeinträchtigen", sagt Prof. Dr. Berndt Scholz. Der Übergang in eine ernstzunehmende Störung sei oft schleichend, von der Umwelt des Betroffenen zunächst kaum wahrgenommen. "Viele Betroffene können ihre Termine zum Teil nicht mehr einhalten, schlafen weniger, weil sie ihre Zwangsrituale sonst zeitlich nicht schaffen."Selbsthilfe - der erste Weg aus der Isolation?Bei Zwangspatienten sei oft eine soziale Isolation zu beobachten, erklärt Dr. Scholz. Durch gegenseitigen Austausch, wie er beispielsweise in einer Selbsthilfegruppe stattfindet, könne dieser Isolation entgegen gewirkt werden. "Gute Argumente für eine Selbsthilfegruppe gibt es viele. Gerade bei Zwangspatienten halte ich das für sehr förderlich", so Dr. Scholz. Oft würde auch die Hemmschwelle, den nächsten Schritt in die professionelle Psychotherapie zu wagen, durch eine Selbsthilfegruppe abgebaut. "Wann Selbsthilfe aber nicht mehr ausreicht, spürt der Patient in der Regel selbst", sagt Dr. Scholz.Raus aus dem TeufelskreisInsbesondere langanhaltende Zwangsstörungen gelten als schwer behandelbar. Als effektiv hat sich jedoch immer öfter die Behandlung mit verhaltentherapeutischen Mitteln herausgestellt. Experten sprechen hierbei von "Exposition" und "Assoziationsspaltung". Hierbei gehe es darum, das Denken des Patienten umzustrukturieren und vom Zwang abzulenken."Nehmen wir an, ein Patient bringt es nicht fertig, auf die Linien der Bordsteine auf der Strasse zu treten. So ist er auf seinem Weg nur darauf fixiert", erklärt Dr. Scholz. "Diese Verkopplung von Gedanken und Handlungen versucht man in der Therapie voneinander zu lösen."    Verhaltenstherapien können durch Medikamente unterstützt werden, sind aber nicht Hauptbestandteil der Behandlung. "Damit greift man in den Hirnstoffwechsel ein, aber die inhaltlichen Probleme können so nicht behandelt werden", so Dr. Scholz. "Die sind im Erleben und Verhalten des Patienten zu suchen."Wann und wie kann eine Therapie erfolgreich sein?Die bisherige Erforschung der Zwangsstörung sei hinsichtlich der Ursachen weitgehend ergebnislos geblieben. "Von der Ursache können wir überhaupt nicht sprechen", sagt Dr. Scholz. "Die Frage, die man sich stellen muss, ist vielmehr: Welche Faktoren begünstigen den Ausbruch einer solchen Störung?" In diesem Punkt konnten bereits einige Fragen beantwortet werden. "Zwangspatienten sind oft sehr übergenaue, perfektionistische Menschen und neigen zur Depression", so Dr. Scholz. Fast ausnahmslos seien in den Familien der Betroffenen auch Formen anderer psychischer Erkrankungen zu finden. In manchen Fällen werden bei der Behandlung von Zwängen weitere psychische Krankheitsbilder beim Patienten festgestellt. Dies könne die Aussichten auf eine erfolgreiche Therapie unter Umständen verbessern, erklärt Dr. Scholz. "Nehmen wir zum Beispiel die Depression. Diese würde dann primär behandelt. Man wird merken, dass dann im Laufe der Behandlung die Zwangsstörung abnimmt", erklärt Dr. Scholz.  Wie lange der Betroffene vor der Therapie schon mit der Störung gelebt hat, ist ebenfalls ausschlaggebend für den richtigen Therapieansatz. "Je kürzer die Krankheitsdauer ist, desto günstiger ist das für eine Prognose", sagt Dr. Scholz. Des Weiteren sei es wichtig zu erkennen, in welchen Mustern die Krankheit verläuft. "Bei manchen Betroffenen verläuft die Störung episodisch und tritt meist im Zusammenhang mit bestimmten Lebenssituationen auf", beobachtet Dr. Scholz. Im Gegensatz zu solchen charakteristischen Merkmalen spielen Alter, Geschlecht und die persönliche Intelligenz keine nennenswerte Rolle für den Erfolg oder Misserfolg einer Therapie.Leben mit dem ZwangBei der Behandlung von psychischen Störungen wie der Zwangserkrankung gehe es in erster Linie nicht um Heilung, erklärt Dr. Scholz. "Die Patienten lernen, ihre Symptome unter Kontrolle zu bringen. Es ist eben ein Teil des Lebens." Laut Statistiken liegt die Chance auf eine vollständige Heilung für Zwangspatienten bei 50 Prozent. Eine Zahl, die sich von zwei Seiten betrachten lässt, findet Dr. Scholz. "Wenn ein Patient vor seiner Behandlung 20 Prozent seines Tages mit Zwängen zugebracht hat und nach der Behandlung von nur noch zehn Prozent sprechen kann - dann ist die Hälfte gewonnen." Es sei die klassische Frage nach einem halbvollen oder halbleeren Glas: "70 bis 80 Prozent der Betroffenen, die sich einer Behandlung unterzogen haben, sprechen von einer deutlichen Verbesserung ihres Zustands", erklärt Dr. Scholz. "Insofern kann man im Durchschnitt schon von einem gewissen Erfolg sprechen."

Maren Bücher