24.09.2007

Jesuitenpater Tony Khadra über die Stimmung im Land "Der Libanon ist Spielball fremder Mächte geworden"

Die für den heutigen Dienstag angesetzte Präsidentschaftswahl im Libanon wird verschoben. Den rivalisierenden Kräften mangelt es bislang an einem Kompromisskandidaten. Die vorsichtige Annährung zwischen den politischen Strömungen war nach dem Attentat auf einen Abgeordneten der christlichen Falange-Partei vergangene Woche zerbrochen. Die mit Rom unierte maronitische Kirche rief wiederholt zur Einheit auf. Im Gespräch mit der Katholischen Nachrichten-Agentur (KNA) beschreibt der Präsident der Internationalen Katholischen Pressevereinigung im Libanon, Jesuitenpater Tony Kadhra, die Stimmung unter den Christen.

KNA: Pater Khadra, die Lage im Libanon ist brüchig. Welche Haltung versucht die Kirche in dieser unruhigen Zeit einzunehmen?Khadra: Eine möglichst neutrale. Um sich nicht politisch ausnutzen zu lassen, beschränken die Kirchenvertreter sich auf grundsätzliche Prinzipien. Noch am Tag des Attentats vergangene Woche riefen die maronitischen Bischöfe die Libanesen zur Einheit und zur Einhaltung der Menschenrechte auf. Die Kirche fürchtet vor allem, dass unser Land zwischen den einzelnen, aus dem Ausland gesteuerten Gruppierungen, zerrissen wird. Vor allem mischen die USA und das sunnitische Saudi-Arabien mit, aber auch der schiitische Iran und Syrien. Man hat den Eindruck, dass unsere Politiker kaum noch das Wohl des eigenen Landes im Auge haben. Seit Jahren ist nichts für unsere Jugend getan worden, nichts gegen die hohe Arbeitslosigkeit, nichts gegen die grassierende Abwanderung des Bildungsbürgertums. Der Libanon ist zum Spielball fremder Mächte geworden - das prangert die Kirche an.KNA: Der Libanon ist ja ein einzigartiges Gebilde mit einem maronitischen Präsidenten, einem sunnitischen Ministerpräsidenten und einem schiitischen Parlamentspräsidenten. Die Verfassung trägt damit dem Miteinander der großen Glaubensgemeinschaften im Libanon Rechnung. Ist dieses konfessionelle System in Gefahr?Khadra: Ja. Der Libanon ist ein Spiegel des weltweiten Zusammenlebens der Religionen - und überall nimmt die Zahl der konfessionellen Kriege zu. Papst Johannes Paul II. hat den Libanon mal "ein Land, das selbst eine Botschaft ist", genannt, wegen dieses Miteinanders der Religionen und der Chancen, die es birgt. Unser politisches Proporz-System ist ganz anders als die Demokratien in westlichen Staaten. Deshalb versteht man es dort kaum. Aber wenn die einzelnen Gruppen sich nicht einmal mehr auf Kandidaten für die Ämter einigen können, sondern nur noch ihre eigenen Interessen im Blick haben, funktioniert es nicht mehr.KNA: Auch die Christen sind gespalten: Es gibt die eher pro-westlich orientierten Gruppen, die zur Regierung Siniora halten, und die Anhänger von General Michel Aoun, der sich mit den pro-syrischen Schiiten zusammengetan hat. Wie kommt es dazu?Khadra: Die Gründe gehen bis in die Kreuzfahrerzeit zurück. Die Christen werden seitdem vielfach als Vasallen des Westens wahrgenommen. Von Muslimen wird uns oft vorgeworfen, wir seien keine echten Araber. Tatsächlich sind wir in gewisser Weise offen gegenüber dem Westen, weil wir als Christen dort auch Teile unserer Wurzeln haben. Deshalb neigen viele christliche Libanesen den pro-westlichen Kräften zu, während sie Angst vor einem zu starken Einfluss der arabischen Staaten haben.KNA: Und die Übrigen?Khadra: Die Anhänger von General Aoun hingegen sind davon überzeugt, dass der Libanon keine Überlebenschance hat, wenn er sich vom Westen instrumentalisieren lässt und den USA hilft, ihre Projekt in der Welt durchzusetzen. Darum hat Aoun sich mit den Schiiten zusammengetan, die er als arabische und damit authentischere Interessenvertreter ansieht. Ich fürchte, dass die Sunniten von Saudi-Arabien gestützt werden, die Schiiten von Syrien und dem Iran - während die Christen mehr oder weniger allein da stehen.