15.09.2007

Theologe nach wiederholten Missbrauchsfällen "Zölibat überdenken"

Angesichts wiederholter Fälle sexuellen Missbrauchs von Minderjährigen durch Kleriker hat sich der katholische Theologe und Psychologe Wunibald Müller für ein Ende der Zölibatsverpflichtung für Priester ausgesprochen. Bereits am Freitag im domradio-Interview sprach Müller über mögliche Hintergründe und Versäumnisse der Missbrauchsfälle von Regensburg.

Jüngster Fall: RegensburgIn der "Süddeutschen Zeitung" betonte Müller, die Kirche solle auch Frauen zum Priesteramt zulassen. Beide Schritte bezeichnete er als "Form der Prävention". Müller gilt über Deutschland hinaus als einer der kompetentesten Seelsorger an Priestern. Er leitet das Münsterschwarzacher Recollectio-Haus, in dem Priester und Ordensleute aus ganz Deutschland in Lebenskrisen begleitet werden.Müller erklärte, die Fälle sexuellen Missbrauchs durch Geistliche hätten die katholische Kirche in eine große Krise gebracht. Angesichts der Dimension der Vorfälle brauche sie Gottes Beistand, um die notwendigen Veränderungen zu erkennen. - Jüngster bekannt gewordener Fall in Deutschland waren wiederholte Übergriffe eines 39-jährigen Geistlichen im Bistum Regensburg.Müller: Viele Priester sind sexuell unreifViele Priester, die zu Sexualstraftätern würden, hätten nie gelernt, innige und intime Beziehungen zu entwickeln, erläutert der Psychologe. Nach seiner Einschätzung liegt in den deutschsprachigen Ländern der Anteil Homosexueller unter Priestern und Ordensleuten deutlich über dem Durchschnitt von fünf Prozent der Gesamtbevölkerung. In den USA betrage er nach Untersuchungen sogar bis zu 30 Prozent.Unter diesen homosexuellen Priestern, so der Psychologe weiter, sei der Anteil sexuell unreifer Menschen überdurchschnittlich hoch. Diese "unreife Homosexualität" mache anfällig für eine sexuelle Hingezogenheit zu 14- bis 17-Jährigen. Viele schwule Priester hätten die notwendige Auseinandersetzung mit ihrer Sexualität unterlassen. Eine nach wie vor vorhandene Tabuisierung von Homosexualität im kirchlichen Kontext verstärke diese Vermeidungshaltung noch. Müller verweist in seinen Ausführungen auch darauf, dass 90 Prozent der sexuellen Missbrauchsfälle innerhalb von Familien durch Verwandte geschähen.