07.09.2007

Kirchen gegen Konvertiten-Generalverdacht "Jetzt nicht in Hysterie verfallen"

Nach den Festnahmen von drei Terror-Verdächtigen geht die Diskussion um den Umgang von Konvertiten in Deutschland weiter. Während Bundespolitiker zu mehr Wachsamkeit aufrufen, warnen Kirchenvertreter wie die evangelische Landesbischöfin Margot Käßmann: "Wir dürfen jetzt nicht in Hysterie verfallen."

Kirchen lehnen Generalverdacht gegen Konvertiten abDie beiden großen Kirchen in Deutschland warnen vor einem Generalverdacht gegen islamische Konvertiten. "Man darf eine religiöse Überzeugung nicht pauschal verdächtigen und mit Terrorbereitschaft in Zusammenhang bringen", sagte der Sprecher der Deutschen Bischofskonferenz für den interreligiösen Dialog, Hans-Jochen Jaschke, am Freitag der Katholischen Nachrichten-Agentur (KNA) im rumänischen Sibiu. Religion an sich dürfe nicht der Grund für eine besondere Überwachung sein. Es müssten schon konkrete Anhaltspunkte dafür vorhanden sein, dass von bestimmten Personen eine Gefahr ausgehe.Auch der Ratsvorsitzende der evangelischen Kirche in Deutschland, Bischof Wolfgang Huber, und die Hannoversche Bischöfin Margot Käßmann warnten nach der Festnahme dreier Terrorverdächtiger im Sauerland davor, zum Islam übergetretene Deutsche pauschal vorzuverurteilen. "Kategorien von Menschen zu bilden, die unter Generalverdacht gestellt werden, ist mit der Menschenwürde nicht vereinbar", sagte Huber der KNA. Huber und Jaschke äußerten sich am Rande der Dritten Europäischen Ökumenischen Versammlung (EÖV3).Käßmann warnte vor Hysterie. Zwar seien Konvertiten häufig die vehementesten Verfechter der neuen Religion. "Das gibt es aber auch im Christentum." Die evangelisch-lutherische Bischöfin verwies zugleich auf die negativen Konsequenzen für Religionsfreiheit und Menschenrechte. "In muslimischen Staaten wie Indonesien oder der Türkei kritisieren wir, dass es keine Freiheit gibt zu konvertieren und Menschen verfolgt werden und um ihr Leben bangen müssen, wenn sie zum Christentum übertreten", sagte sie. Deshalb dürfe das Konvertieren an sich keinesfalls sofort unter Verdacht gestellt werden - "bei aller Angst, die ich verstehe".Zur Zahl der Konvertiten in Deutschland sagte sie: "Wenn von 3,5 Millionen Muslimen in Deutschland 18.000 deutschstämmig sind und 4.000 in diesem Jahr konvertieren, sind das doch sehr geringe Zahlen."Schäuble und Beckstein warnen vor radikalen KonvertitenBundesinnenminister Wolfgang Schäuble (CDU) und sein bayerischer Amtskollege Günther Beckstein (CSU) haben nach den Festnahmen vor der Gefahr durch radikale Konvertiten gewarnt. Ebenso wie Vertreter von Kirche und Islam betonten sie am Donnerstag zugleich, Übertritte zum Islam dürften nicht unter Generalverdacht gestellt werden.Schäuble sagte der "BILD"-Zeitung, es handele sich bei den radikalen Konvertiten um "fanatische Leute mit hoher krimineller Energie. Das besorgt mich sehr". Beckstein sagte der "Welt", nach Großbritannien werde auch Deutschland zunehmend durch muslimische Terroristen aus dem eigenen Land bedroht. Der Islamismus in der Bundesrepublik sei nicht zuerst ein soziales Phänomen, sondern "das einer fanatisierten Religiosität". Es gebe Personen, die durch extrem gesteigerten Fanatismus zeigen wollten, dass sie besonders gute Islamisten seien.Der Terrorismusexperte der Berliner Stiftung Wissenschaft und Politik, Guido Steinberg, sieht in der Herkunft der drei verhafteten Terrorverdächtigen ein Indiz für eine wachsende Bedrohung. "Was mich umtreibt, ist die Herkunft der Täter", sagte er dem "Kölner Stadt-Anzeiger". Es gebe ganz offensichtlich neue Nationalitäten, die in terroristischen Netzwerken aktiv seien.Der Direktor des Zentralinstituts Islam-Archiv-Deutschland, Muhammad Salim Abdullah, hatte zuvor erklärt, er gehe von einer Zahl von rund 18.000 Konvertiten zum Islam in Deutschland aus; im vergangenen Jahr seien 4.000 Personen übergetreten. Es gebe zudem eine hohe Dunkelziffer. Abdullah unterstrich zugleich, höchstens ein Prozent habe Berührungspunkte zum militanten Islam. Zur Frage der Radikalisierung sagte er: "Jeder Konvertit neigt dazu, die neue Religion ernster zu nehmen. Deshalb ist bei ihnen die Frömmigkeit stärker ausgeprägt." Entscheidend sei aber, in was für eine Gemeinde ein Konvertit eintrete, ob in eine liberal oder fundamentalistisch geprägte Gemeinschaft."Konvertiten nicht unter Generalverdacht stellen"Der Leiter der von der Deutschen Bischofskonferenz eingerichteten Christlich-Islamischen Begegnungs- und Dokumentationsstelle (CIBEDO), Peter Hünseler, sagte, die große Mehrheit der Konvertiten sei völlig ungefährlich. Im Gespräch mit der Katholischen Nachrichten-Agentur (KNA) rief er die Moschee-Gemeinden zu verstärkter Wachsamkeit auf. Sie sollten Verdachtsmomente den Behörden mitteilen.Hünseler wies darauf hin, dass die meisten Personen, die in Deutschland zum Islam konvertierten, einen muslimischen Ehepartner hätten. Eine andere Gruppe von Konvertiten seien Menschen, die nach Wahrheit suchten und im Islam die reine Religion sähen. Die diesen beiden Gruppen zuzuordnenden Personen seien völlig harmlos, unterstrich Hünseler. Wenn es gewaltbereite Konvertiten gebe, dann kämen sie aus einer Gruppe von Leuten mit schlechtem oder gar keinem Schulabschluss, oder von Personen, die aus dem Arbeitsmarkt gefallen seien. Hünseler berichtete von Fällen, in denen solche Personen gezielt von muslimischer Seite angesprochen worden seien.Mazyek: Teilnahme an Terrorausbildung muss strafbar werdenDer Zentralrat der Muslime in Deutschland forderte unterdessen, die Teilnahme an terroristischen Ausbildungscamps unter Strafe zu stellen. Damit unterstütze er die Pläne des Bundesinnenministers, sagte Generalsekretär Aiman Mazyek dem Südwestrundfunk (SWR). Jetzt müsse geprüft werden, ob der Vorschlag durchzuführen sei.Zu den Konvertiten sagte Mazyek, die muslimischen Gemeinschaften müssten allen, die zu ihnen kommen wollten, deutlich machen, dass "Terroristen Feinde des Islam" seien. Er kündigte an, dass sich der Zentralrat künftig mehr mit dem Extremismus in den eigenen Reihen auseinandersetzen müsse. Es gebe bereits Lehrgänge für Imame, in denen gelehrt werde, "wie man sich gegenüber extremistischer Rhetorik verwahrt". Darüber hinaus gebe es auch vermehrt Demonstrationen von Muslimen. Dies mache deutlich, dass der Terrorismus nicht im Namen der Muslime geschehe, so Mazyek.