31.08.2007

Pflegebericht der Krankenkassen veröffentlicht - Caritas im domradio: Medien übertreiben Längst bekannter "Pflegeskandal"

"Die Pflege-Schande" titelt die BILD-Zeitung. Hintergrund: Ein am Freitag veröffentlichter Bericht der Krankenkassen zum Zustand in Deutschlands Pflegediensten und -heimen. Dabei sind die dort beschriebenen Missstände schon lange bekannt: Pflege-Experte Claus Fussek beklagte schon Anfang des Jahres im domradio mangelnde Würde im Pflegesystem. Auch Mario Junglas vom Deutschen Caritasverband in Berlin wundert sich im domradio über die aktuellen Reaktionen. Allerdings sagt er: "Die Pflegesituation wird besser."

Caritas: Berichte über Pflegeskandal sind UnsinnDer Deutsche Caritasverband sieht Verbesserungen bei der Pflege in Deutschland und hat Berichte über einen Pflegeskandal zurückgewiesen. Der am Freitag veröffentlichte Bericht des Medizinischen Dienstes der Krankenkassen (MDS) zeige, dass mehr als 90 Prozent der Pflegebedürftigen mit der Qualität der Versorgung zufrieden seien. Bedauerlicherweise auftretende Einzelfälle einer schlechten Pflegequalität spiegelten nicht die überwiegende Realität in den Einrichtungen und Diensten wider.Die hohen Zustimmungswerte seien "im wesentlichen ein Verdienst der Einrichtungen und Dienste, die konsequent seit Jahren ein internes Qualitätsmanagement betreiben", sagt Mario Junglas. Die von der Bundesregierung vorgelegten Eckpunkte einer Pflegereform zeigten, wo Verbesserungen notwendig seien. Junglas fordert eine angemessene Versorgung demenzerkrankter Menschen, die Anpassung der Leistungssätze an die Preissteigerungen und die stärkere Vernetzung von ambulanten und stationären Einrichtungen und Diensten, unterstützt von ehrenamtlichem Engagement.Nach Ansicht des Sozialverbandes Deutschland zeigt der Bericht zur Pflegequalität, dass es immer noch in zu vielen Einrichtungen schwerwiegende Pflegemängel gebe. Trotz leichter Verbesserungen blieben die Pflegemängel schockierend, sagte Verbandspräsident Adolf Bauer. Der Bericht mache deutlich, dass Pflegequalität in erster Linie eine Frage von gutem Pflegemanagement und guter Leitung sei. "Es ist möglich, mit den vorhandenen Mitteln eine gute Pflege zu gewährleisten", sagte er. Bauer sprach sich zugleich für mehr und grundsätzlich unangemeldete Kontrollen aus.Bund der Pflegeversicherten: Mitschuld an VerhältnissenDer Bund der Pflegeversicherten gibt dem Medizinischen Dienst der Krankenkassen (MDS) eine Mitschuld an den Verhältnissen. Die Zustände im Pflegewesen seien schlechter als vor Jahren, sagte der Vorsitzende des Bundes, Gerd Heming, dem Südwestrundfunk (SWR). Wenn der Medizinische Dienst erst den Gutachter mache und sich dann auch noch selber prüfe, könne das nicht gut gehen. Heming forderte eine bundeseinheitliche Aufsichtsbehörde nach dem Vorbild der Lebensmittelüberwachung. Bei der Kontrolle des Pflegewesens dürften weder Föderalismus noch kommunale Stellen maßgebend sein.Der Präsident des Deutschen Pflegeverbandes, Rolf Höfert, erklärte, eine Reform der Pflegeversicherung sei dringend nötig. Die Rahmenbedingungen in der Pflege hätten sich verschlechtert, sagte er am Freitag im rbb-Inforadio. Einerseits seien trotz aller Preissteigerungen die Pflegesätze seit 1995 nicht angehoben worden. Andererseits sei die Zahl der Pflegebedürftigen gestiegen. Die Pfleger seien deshalb an den Grenzen ihrer Möglichkeiten. Die Erhöhung der Pflegebeiträge sei nicht ausreichend.Neuer Prüfbericht der Krankenkassen deckt Pflegeskandal aufBei ambulanten Pflegediensten und in deutschen Pflegeheimen herrschen einem Prüfbericht des Medizinischen Dienstes der Krankenkassen (MDS) zufolge skandalöse Zustände. Danach bekommt jeder dritte Pflegefall (Heime: 34,4 Prozent; ambulante Pflege: 29,6 Prozent) nicht genug zu Essen und zu Trinken, wie die "Bild"-Zeitung (Freitagausgabe) aus dem Bericht zitiert. 35,5 Prozent der Heimbewohner und 42,4 Prozent der Pflegebedürftigen, die zu Hause versorgt werden, würden nicht häufig genug umgebettet und liegen sich wund.Keine angemessene Inkontinenzversorgung diagnostizieren die Kassenprüfer bei 15,5 Prozent der Heimbewohner und bei 21,5 Prozent der ambulant Versorgten. Besonders Demenzkranke werden nicht ausreichend betreut (Heime: 30,3 Prozent, ambulant: 26,1 Prozent).Der MDS-Geschäftsführer Peter Pick sagte der Zeitung: "Wir haben in einer Reihe von Pflegeheimen nach wie vor Riesenprobleme. Es herrschen katastrophale Zustände: Dort ist Pflege gesundheitsgefährdend." Der Bericht fasst rund 8000 Qualitätsberichte des Medizinischen Dienstes der Jahre 2004 bis 2006 zusammen. Dafür wurden über 40 000 Pflegebedürftige in Heimen und zu Hause untersucht.