20.07.2007

Minderheiten fühlen sich bei Erdogans AKP gut aufgehoben Türkische Christen wählen islamisch-konservativ

Wenn aus den türkischen Parlamentswahlen am Sonntag die in den Umfragen favorisierte islamisch-konservative AKP als Siegerin hervorgeht, wird sich außer der Stammwählerschaft eine weitere Gruppe freuen: Die Christen in der Türkei hoffen überwiegend auf eine Fortsetzung der bisherigen Regierung von Ministerpräsident Recep Tayyip Erdogan und seiner Partei. Jan Schenkyr von der Konrad-Adenauer-Stiftung in Istanbul: "Die Christen sehen in der AKP das kleinere Übel."

"Die AKP ist religiösen Minderheiten gegenüber aufgeschlossen"Denn während die AKP in Europa oft als islamistisches Schreckgespenst beschrieben wird, sehen die Christen in der Türkei dies ganz anders: Weil sie sich von der AKP besser behandelt fühlen als von früheren Regierungen, weil sie den Nationalismus der Opposition fürchten und weil sie wie die AKP für den EU-Beitritt ihres Landes eintreten, wollen die meisten Angehörigen der christlichen Minderheiten am Sonntag die islamische Partei wählen."Die AKP ist - im Gegensatz zu den anderen politischen Parteien - den religiösen Minderheiten gegenüber aufgeschlossen und gesprächsbereit", begründet Etyen Mahcupyan, Chefredakteur der türkisch-armenischen Wochenzeitung "Agos", die Präferenz der christlichen Minderheiten für die Regierungspartei mit den islamischen Wurzeln. Nicht nur weltanschaulich stehe die AKP den Ansichten der nicht-muslimischen Minderheiten näher als die anderen Parteien, auch praktisch: "Sie will die Probleme der Minderheiten lösen, auch wenn ihr das (vom Staat) nicht gestattet wird. Sie ist uns gegenüber gutwilliger als die anderen Parteien."Mahcupyan verweist auf das Gesetz, mit dem den christlichen Minderheiten der Grundbesitz zurückerstattet werden sollte, der ihnen über Jahrzehnte durch staatliche Enteignungen entrissen worden war. "Es war die AKP, die sich darum bemüht hat, und es waren die kemalistische CHP und die nationalistische MHP, die das zu verhindern versuchten", erinnert der "Agos"-Chefredakteur, der auf diesem Posten dem im Januar ermordeten armenisch-türkischen Journalisten Hrant Dink nachfolgte. Das Gesetz wurde im vergangenen Jahr zwar nach langem Gerangel mit der AKP-Mehrheit im Parlament verabschiedet, scheiterte dann aber am Veto des - kemalistischen - Staatspräsidenten Ahmet Necdet Sezer."Die Regierung Erdogan hat ein offenes Ohr für uns""Wir Armenier ziehen die AKP der oppositionellen CHP vor", sagte kürzlich auch Patriarch Mesrob II., das Oberhaupt der armenisch-orthodoxen Kirche in der Türkei, in ungewohnter Offenheit dem SPIEGEL. "Die AKP ist im Umgang mit Minderheiten geradliniger und weniger nationalistisch. Die Regierung Erdogan hat ein offenes Ohr für uns - bei den nächsten Wahlen wählen wir sie."Mit rund 80.000 sind die Armenier die größte christliche Minderheit in der Türkei. Gefolgt werden sie von den syrisch-orthodoxen und syrisch-katholischen Christen, die zusammen etwa 25.000 Gläubige zählen - und ebenfalls zur AKP neigen. "Wir sind nicht unzufrieden mit der gegenwärtigen Regierung", sagte Zeki Basatemir von der syrisch-katholischen Kirche kürzlich der Zeitung "Today's Zaman". "Wir halten sie für fähig, unsere Probleme zu lösen." Populär ist die Regierungspartei bei den syrisch-orthodoxen Christen, deren Rückkehr in ihre angestammte Heimat in Südostanatolien nach Jahrzehnten der Vertreibung die Behörden heute aktiv unterstützen.Eine Präferenz für die AKP gibt es auch bei den griechisch-orthodoxen Christen, die mit etwa 2.000 Mitgliedern allerdings zahlenmäßig so gut wie bedeutungslos geworden sind. Vor allem mit der Abschaffung der "Minderheitenkommission" - einem halblegalen Gremium zur Kontrolle der christlichen Minderheiten - habe die AKP-Regierung das Vertrauen der Christen gewonnen, sagt der Chefredakteur der griechischen Gemeindezeitung "Apoyevmatini", Mihail Vasiliadis, der sich seit dem Amtsantritt der AKP-Regierung wohler fühlt in seinem Land: "Da musste die AKP an die Macht kommen, damit ich mich erstmals in 60 Jahren als vollwertiger Bürger fühlen kann."