20.07.2007

Harry Potter bricht alle Rekorde - was sagen die Kirchen? Das große Lesen hat begonnen

Millionen Kinder und Erwachsene rund um den Erdball widmen sich seit Samstag der Lektüre des neuesten und letzten Bandes der Harry Potter-Reihe. Und was sagen die Kirchen diesmal? Evangelische Theologen vergleichen die Abenteuer des Zauberlehrlings mit der christlichen Botschaft. Aus dem Vatikan: diesmal kein Kommentar. Noch vor Jahren war das anders. In seiner Zeit als Präfekt der Glaubenskongregation hatte Papst Benedikt XVI. Harry Potter noch als "subtile Verführungen" kritisiert. Ein Religionsforscher widerspricht ihm nun vehement.

Kritikerin: Potter widerspricht unserer Verfassung2003 hatte der damalige Kardinal Joseph Ratzinger zwei Briefe an die deutsche Harry-Kritikerin Gabriele Kuby geschrieben. Ratzinger gestattete der Autorin des Buches "Harry Potter - gut oder böse" ausdrücklich, sich auf seine Kritik zu berufen. Ratzinger bedankte sich damals bei Kuby für ein Exemplar ihres "lehrreichen" Buches. Es sei gut, dass sie "in Sachen Harry Potter" aufkläre, "denn dies sind subtile Verführungen, die unmerklich und gerade dadurch tief wirken und das Christentum in der Seele zersetzen, ehe es überhaupt recht wachsen konnte". Die konvertierte Katholikin Kuby zitiert diesen Satz auf ihrer Homepage. In einem zweiten Schreiben vom 27. Mai 2003 habe Ratzinger ihr gestattet, "sich auf mein Urteil über Harry Potter zu berufen", so Kuby.Potter -Schöpferin Rowling glorifiziere mit ihrem Zauberlehrling die Magie, schreibt Kuby. Harry Potter sei "ein Vergehen an der jungen Generation", die "schulische Indoktrination" mit Harry Potter sei intolerant und widerspreche "dem Geist unserer Verfassung". Harry Potter sei kein modernes Märchen, da im Märchen Zauberer und Hexen eindeutig Gestalten des Bösen seien, aus deren Macht sich der Held durch die Ausübung von Tugenden befreie. Bei Harry Potter gebe es dagegen niemanden, der eindeutig das Gute wolle.Der Religionsforscher Magnus Striet hat der katholischen Kirche angesichts des Streits um die Harry-Potter-Bücher ein prekäres Verhältnis zur Moderne vorgeworfen. Er könne der Auffassung des Papstes Benedikt XVI. nicht folgen, die Bücher seien antichristlich, sagte Striet, Professor für Fundamentaltheologie an der Albert-Ludwigs-Universität Freiburg, am Samstag im Deutschlandradio Kultur. Vielmehr würde mit literarischen Möglichkeiten versucht, darzustellen, was Freundschaft, Liebe, Humanismus und Verpflichtung gegenüber dem Guten und anderen Menschen seien. "Es zeigt sich an dieser Stelle leider wieder einmal eine Berührungsangst mit der modern gewordenen Welt und ihren Vielfältigkeiten", fügte Striet hinzu.Evangelische Theologen: Keine Probleme mit Harry Potter Kurz vor dem Erscheinen des letzten Harry-Potter-Bandes in England hatten Theologen zu einem differenzierten Umgang mit dem Kinderbuch aufgerufen. "Harry Potter ist ein schönes Märchen", sagt der Berliner Sektenpfarrer Thomas Gandow. "Aber er ist nur eine Romanfigur." Die Abenteuer des britischen Zauberlehrlings stehen bei evangelikalen Gruppen auf dem Index. Sie werfen den Büchern vor, Okkultismus zu propagieren. Mit dieser Begründung hatten vor einigen Monaten Chemnitzer Eltern verhindert, dass der erste Harry-Potter-Band im Deutschunterricht eines Gymnasiums behandelt wird.Dagegen sieht der Berliner Sektenbeauftragte in der Handlung der Harry-Potter-Romane "viel Ähnlichkeit mit der christlichen Botschaft". Sie zeige, dass "der Kampf um das Gute nicht immer einfach" sei. In der Begeisterung jugendlicher Leser für die mehrere hundert Seiten starken Romane sieht der evangelische Theologe auch einen Impuls für die christliche Jugendarbeit."Wir machen keine Punkte, wenn wir das Niveau senken" sagte er. Die Verwendung lateinischer Zaubersprüche und komplexer Sachverhalte zeige, dass Jugendliche durchaus in der Lage seien, Gespräche über Lebensfragen "auf hohem Niveau" zu führen.Vom christlichen Standpunkt aus "keine Probleme"Auch der Beauftragte der sächsischen Kirche für Weltanschauungsfragen, Harald Lamprecht, sieht vom christlichen Standpunkt aus "keine Probleme". Die Bücher propagierten moralisch verantwortungsvolles Handeln sowie die wichtige Lektion, dass Gut und Böse nicht von Äußerlichkeiten, sondern von Gesinnung und Taten abhingen. Was Harry Potter immer wieder rette, sei nicht Magie, sondern seien Freunde und die Fähigkeit, lieben zu können - ein zutiefst christliches Motiv.Gleichzeitig gebe es jedoch "Trittbrettfahrer", die die Potter-Manie für die Propaganda esoterischer und neuheidnischer Praktiken nutzten.Dazu zählt der Sektenbeauftragte Mädchenzeitschriften mit Anleitungen zum "Liebes- und Erfolgszaubern" sowie Medienberichte über "echte" Hexen. "Wenn ein Brückenschlag zu Leuten erfolgt, die Lebenshilfe durch Rituale und Magie versprechen, wird es gefährlich", sagt der Pfarrer.Besorgten Eltern empfiehlt er, das Buch mit ihren Kindern zusammen zu lesen und darüber zu sprechen - nicht zuletzt, um bei der Verarbeitung der "aufwühlenden" Lektüre zu helfen. Das wird auch im letzten Band nötig sein. Autorin Joanne K. Rowling hat bereits angekündigt, dass zwei der Hauptpersonen getötet werden."Die Bücher werden mit dem moralischen Sieg des Guten enden"Auf das Ende der Geschichte sind die beiden Sektenbeauftragten ebenso gespannt wie die Fans des Zauberschülers. "Die Bücher werden mit dem moralischen Sieg des Guten enden", ist Sektenpfarrer Gandow überzeugt. Die bisherige Gestaltung der Romane schließe jedoch nicht aus, dass dieser moralische Sieg so schwierig wie die christliche Botschaft - und zudem mit Tod und Sterben verbunden sei.Das Sterben beliebter Romanfiguren biete auch eine Möglichkeit, mit Kindern über den Tod ins Gespräch zu kommen, empfiehlt der sächsische Weltanschauungsbeauftragte Lamprecht. Gerade weil die Harry-Potter-Bücher frei von religiösen Anschauungen seien, zeigten sie beim Thema Tod eine "Sprachlosigkeit", die mit der christlichen Perspektive auf das ewige Leben durchaus gefüllt werden könne.