04.06.2007

Das alte und neue Leben eines ehemalige Kindersoldaten Die erste Kalaschnikow mit Zwölf

Kaum vorstellbar, was ihm angetan wurde. Kaum vorstellbar, was er selbst getan hat. Sein fröhliches, kantiges Gesicht, sein klarer Blick verraten wenig von Missbrauch, Gewalt und Verbrechen in seinem Leben. Morgan Mulbah ist 29 und hat im Bürgerkrieg in Liberia für die Rebellen gekämpft.

Schatten der Erinnerung"Ich wurde am 15. September 1990 Kämpfer. Ich war zwölf." Schatten der Erinnerung huschen über sein Gesicht. "Sie gaben mir eine Kalaschnikow. Sie schleifte beim Gehen auf dem Boden."Wie viele Kinder im liberianischen Bürgerkrieg (1989-2003) zwischen Regierung und Rebellengruppen als Soldaten missbraucht wurden, weiß niemand genau. Nach Angaben der UN waren jedoch bei Kriegsende mehr als zehn Prozent der über 100.000 entwaffneten Kämpfer Minderjährige.Für die Rekrutierung soll in hohem Maße der ehemalige Milizenführer und Präsident Liberias, Charles Taylor, verantwortlich gewesen sein, der jetzt wegen Kriegsverbrechen angeklagt ist.Gegen Taylor wird am 4. Juni vor einem Sondertribunal des Nachbarlandes Sierra Leones ein Prozess eröffnet. Aus Sicherheitsgründen findet das Verfahren in Den Haag statt. Da bislang niemand Anklage wegen der Kriegsverbrechen in Liberia erhoben hat, steht Taylor nur wegen seiner Verquickungen im Bürgerkrieg in Sierra Leone vor Gericht.Heute zapft er Gummi auf einer KautschukplantageMulbah, der zuletzt bei der Rebellentruppe LURD (Liberians United for Reconciliation and Democracy) gegen Taylors Regierungssoldaten gekämpft hatte, nahm am Entwaffnungsprogramm teil und bekam eine Starthilfe. Heute zapft er Gummi auf einer Kautschukplantage, ist verheiratet und hat fünf Kinder. "Meine Leute und ich kamen hier zusammen, um die Gewalt und den Krieg zu vergessen. Das ist alles Vergangenheit." Mit den 30 bis 50 US-Dollar, die er monatlich verdient, kann er die Familie gerade so durchbringen. Um die Kinder zur Schule zu schicken, reicht es allerdings nicht.Doch er habe keine andere Wahl, meint Mulbah. 85 Prozent der Liberianer sind arbeitslos. Auf der Gummiplantage arbeiten nur ehemalige Rebellen. Sie liegt im Nordwesten Liberias, dort wo er zuletzt mit den LURD Angst und Schrecken verbreitet hat. Das ist für Mulbah vorbei: "Wir leben hier in Frieden mit anderen Opfern des Krieges. Es gibt keinen Hass zwischen uns. Die Bezeichnung Ex-Kombattant benutzen wir nicht mehr, wir sind Bürger.""Ich bin sehr froh, dass nicht mehr gekämpft wird." Er habe Familie und Freunden erklärt, dass ihn der Krieg zu seinen Taten gezwungen habe. "Ich habe sie um Vergebung gebeten und sich haben mich wieder in die Gemeinschaft aufgenommen." Damals sah er keine Alternative zum Kämpferdasein. "Viele von uns wurden gezwungen, und wenn wir nicht mitgemacht hätten, wären wir heute tot." Rund 270.000 Menschen starben in dem blutigen Krieg, mehr als ein Drittel der etwa drei Millionen Liberianer floh aus den Dörfern.Unter dem Gummibaum, an dem Mulbah, ein wenig stolz, ein wenig verlegen, zeigt, wie Kautschuk gezapft wird, sprudeln die Sätze aus ihm heraus: "Während der Kämpfe haben wir kaum geschlafen. Sie haben uns Drogen gegeben und uns gefügig gemacht, alle diese Dinge zu tun.Alles, was ich im Sinn hatte war, Böses zu tun. Wenn ich Gewehrfeuer hörte, war ich glücklich.""Neuer Krieg? Dann würde ich zum Attentäter"Als der Krieg zu enden schien, und sich Taylor in einer umstrittenenen Wahl zum Präsidenten wählen ließ, entschied Mulbah, nicht länger zu kämpfen. Aber in den folgenden gewalttätigen Auseinandersetzungen zwischen den Regierungstruppen und Rebellen, wurde sein Vater getötet: "Das brachte mich zurück in den Krieg."Dennoch ist Mulbah gegen das Verfahren gegen Taylor. "Ich fühle mich nicht wohl bei dem Gedanken, dass der Ex-Präsident außerhalb des Landes im Gefängnis sitzt und in einem komplizierten Prozess Rede und Antwort stehen muss. Ich fände es gut, wenn er zurück in unser Land käme, um mit uns gemeinsam friedlich zusammenzuleben." Sollte er jedoch hören, dass Taylor wieder einen neuen Krieg anzettelt, fügt er entschieden hinzu, "dann würde ich mich als Selbstmordattentäter zur Verfügung stellen, um Herrn Taylor zu zerstören."