03.06.2007

Kardinal Lehmann zu einem Schreiben katholischer Bischöfe aus G8-Ländern an ihre Staatschefs "Wir brauchen den berühmten Ruck"

Unmittelbar vor dem G-8-Gipfel in Heiligendamm kommt es zu einer kirchlichen Premiere: Erstmals haben die Bischofskonferenzen aus den G-8-Staaten einen gemeinsamen Brief an ihre Staats- und Regierungschefs verfasst - mit zum Teil sehr konkreten Forderungen. Kardinal Karl Lehmann mahnte vorab im Interview: "Außer Spesen nichts gewesen - das darf nicht passieren."

KNA: Herr Kardinal, wann wird der G-8-Gipfel aus Ihrer Sicht zu einem Erfolg?Lehmann: Zur Zeit herrscht mit Blick auf den Gipfel ein großer Pessimismus. Ich halte es für sehr schädlich, schon im Vorfeld die Waffen zu strecken und so eine depressive Stimmung zu verbreiten. Teilerfolge in einigen Bereichen wären auch ein Erfolg - und ein Zeichen, dass ein solcher Gipfel nicht nur eine große Schauveranstaltung ist. Sonst sehe ich die Gefahr, dass radikale Globalisierungsgegner indirekt Recht bekommen. "Außer Spesen nichts gewesen" - das darf nicht passieren.KNA: Manche Kritiker wie Attac sagen jedoch "lieber gar kein Ergebnis als ein fauler Kompromiss"...Lehmann: Ich sehe das nicht so, auch wenn das verständlich ist gerade bei jungen Menschen, die etwas draufgängerisch aufs Ganze gehen. Es hat auch seinen guten Sinn, wenn sie die Nöte deutlicher markieren und so die Schlafenden aufwecken. Wir haben zum Beispiel beim Klimawandel nicht mehr so viel Zeit. Aber es ist nie gegangen ohne Kompromisse und kleine Schritte. Die soll man nicht verachten. Viele einzelne Schritte zusammen ergeben einen großen Coup.KNA: Was wünschen Sie sich von Heiligendamm vor allem?Lehmann: Ich wünsche mir, dass dort zunächst einmal ein Durchbruch im Bewusstsein der Dringlichkeit von Hilfe gelingt.Selbst wenn hier und da konkrete Beschlüsse nicht zustandekommen sollten - es muss die Überzeugung wachsen, dass wir viel mehr eintreten müssen für die unterentwickelten Länder. Andernfalls könnte die Globalisierung insgesamt Schaden nehmen und noch negativer erlebt werden als ohnehin schon. Wir müssen mit ganz neuem Ernst an die Probleme herangehen. Es braucht auch hier den berühmten "Ruck".KNA: Allerdings tüftelt US-Präsident Bush gerade an einem Raketenschild, und sein russischer Kollege Putin reagiert prompt mit Raketentests. Befürchten Sie eine neue Runde des Wettrüstens, das ja letztlich auf Kosten der armen Länder ginge?Lehmann: Ich hoffe immer noch, dass man eine Neuauflage des Wettrüstens abwenden kann. Jede Seite muss auch auf die Interessen des Partners Rücksicht nehmen. Ohne Kompromisse wird es hier keine Ergebnisse geben können. Sehr viel hängt davon ab, ob der russischen Führung vermittelt werden kann, dass dieser Raketenschild letztlich mit Blick auf Gefahren gedacht ist, die von undemokratisch regierten und unberechenbaren Staaten aus-gehen können. Aber auch in Tschechien und Polen gibt es übrigens immer noch Furcht vor dem großen Nachbarn im Osten.Vertrauensbildende Maßnahmen sind also angesagt.KNA: Unmittelbar vor Heiligendamm haben die Bischofskonferenzen der G-8-Länder den Politikern nun Post geschickt. Was genau fordern Sie?Lehmann: Wir rufen - übrigens zum ersten Mal auf dieser Ebene - die Staats- und Regierungschefs der mächtigsten Länder auf, über sich hinaus zu schauen auf die Nöte in der Welt. Wie bei einigen Initiativen der letzten Zeit steht - Gott sei Dank - Afrika wieder im Vordergrund. Aber in Darfur muss endlich etwas geschehen. Dort wird das Versäumnis der internationalen Gemeinschaft immer untragbarer. Jetzt ist eine einzigartige Gelegenheit, wirksam zu handeln, bevor noch mehr sterben müssen.KNA: Weitere Probleme?Lehmann: Wir sprechen ein ganzes Bündel von Themen an, wahrlich genug Probleme für die paar Tage: natürlich die Bekämpfung der Armut, bessere medizinische Versorgung, mehr Bildung vor allem für Mädchen und Frauen, eine angemessene Bekämpfung von HIV/Aids und selbstverständlich den globalen Klimawandel.KNA: Wer soll denn beispielsweise für die Kosten aufkommen, die durch Maßnahmen zur Eindämmung des Klimawandels anfallen?Lehmann: Wir sagen in dem Brief sehr klar, dass die Hauptverursacher auch die Hauptverantwortung zu tragen haben. Die Länder, die von den schädlichen Emissionen am meisten profitiert haben, müssen am stärksten zur Kasse gebeten werden. Die armen Länder können das selber gar nicht entsprechend tragen. Gerade die G-8-Staaten müssen Wege finden, um ihnen das Engagement zu erleichtern. Sonst wird zu wenig geschehen.KNA: Wären denn solche Zusagen überhaupt das Papier wert? In anderen Bereichen hinken die Industrienationen ja auch ihren eigenen Versprechungen hinterher, Beispiel Schuldenerlass.Lehmann: Auf diesem Gebiet ist einiges allerdings auch schon erreicht worden. Aber in Sachen Armutsbekämpfung, vor allem bei den so genannten Milleniumszielen liegen wir deutlich zurück; hier ist eine Glaubwürdigkeitslücke entstanden. Ähnliches gilt für die schon lange geplante und versprochene Erhöhung der Entwicklungshilfe, die berühmten 0,7 Prozent des Bruttoinlandsprodukts. Vielleicht sind jedoch gerade jetzt die Umstände günstiger für einen neuen Vorstoß.KNA: Inwiefern?Lehmann: Die Weltwirtschaft entwickelt sich günstig, auch die Konjunktur in unserem Land zieht an. Das ist ein optimaler Zeitpunkt, um zu sagen: Wenn es uns jetzt besser geht - bis hin zu den Arbeitslosenzahlen, dann können und müssen wir auch andere stärker an dem wieder wachsenden Wohlstand beteiligen. Mit dem jetzt erzielten Überschuss haben wir ja so nicht rechnen können; dann sollten wir aber auch freigiebiger sein mit der Hilfe für andere. Dies ist ein Test für unsere Wandlungs- und Hilfsbereitschaft.Interview: Thomas Winkel (KNA)