15.05.2007

Marburger Bund kritisiert im domradio die Gesundheitsreform "Die Beiträge werden wieder steigen"

Ein Treffen mit Tradition: Seit 1873 kommt Jahr für Jahr der Deutsche Ärztetag zusammen. Ein zentrales Thema für die Delegierten werden in diesem Jahr in Münster die Auswirkungen der Gesundheitsreform auf die Ärzteschaft sein. So viel ist schon jetzt klar: Deutschlands Ärzte sind unzufrieden. Im domradio forderte der Marburger Bund ein "Ende der Bevormundungsmedizin" in Deutschland - und prognostizierte Beitragserhöhungen für 2008.

"Heilkunst wieder in den Mittelpunkt stellen"Das Gesundheitswesen stoße an seine Grenzen, warnte Athanasios Drougias, Pressesprecher des Ärzteverbandes: "Auch nach der Gesundheitsreform gibt es noch immer zu wenig Wahlfreiheit bei den Beiträgen. Die demographische Entwicklung spielt keine Rolle."Der Marbuger Bund geht davon aus, dass die Beiträge schon im kommenden Jahr erhöht werden. Schuld seien unter anderem die ausufernden Kosten für das Gesundheitswesen. "Eine erschreckende Zahl der Bürokratie: Krankenhausärzte stecken 40 Prozent ihrer Arbeitszeit in die Bürokratie. Deshalb fordern wir ein Gesundheitswesen, das die Heilkunst wieder in den Mittelpunkt stellt." Privatversicherte vs. PflichtversicherteNach Auffassung des Präsidenten der Bundesärztekammer, Jörg-Dietrich Hoppe, leiden Ärzte und Patienten unter der Gesundheitsreform. Die Umfinanzierung in den Krankenhäusern und die bereits strengen Vorgaben für die Berufsausübung der Ärzte und die Patientenversorgung seien noch rigider geworden, sagte Hoppe am Dienstag im Deutschlandradio Kultur vor Beginn des Deutschen Ärztetages in Münster. Ärzte könnten den Patienten deshalb nicht mehr so viele Maßnahmen zugute kommen lassen wie früher. Auch bringe es Unfrieden, dass im Unterschied zu Privatversicherten für die Pflichtversicherten nur ein begrenztes Budget zu Verfügung stehe und sie deshalb nur zu bestimmten Zeiten Termine bei den Ärzten bekommen könnten."Damit umzugehen, ist nicht ganz einfach"Die Politik habe den "Schwarzen Peter" in die Arztpraxen verlagert, ohne dass sie die Verantwortung dafür übernehmen wolle. Die Mediziner würden sich kaum noch als Ärzte fühlen, weil die Einbindung in standardisierte und industrialisierte Abläufe so eng geworden sei. Auch die von der Bundesgesundheitsministerin versprochene Erhöhung der Honorare könne nichts daran ändern, dass das Berufsverständnis der Ärzte angekratzt sei.Hoppe wies darauf hin, dass von Sozialhilfe lebende Kinder immer häufiger unter psychischen Problemen wie Depressionen und Wahrnehmungsstörungen leiden. "Wenn wir schon weniger Kinder in Deutschland haben, dann wollen wir sie wenigstens gesund groß werden lassen", sagte er. Deshalb sollten Eltern ihre Kinder regelmäßig zu Untersuchungen beispielsweise in den schulärztlichen Dienst bringen, "damit möglichst wenige Kinder durch den Rost fallen.""Da steht Deutschland international am Pranger"Essstörungen und Bewegungsarmut unter Kindern und Jugendlichen nähmen zu, 15 Prozent der 3- bis 17-Jährigen seien übergewichtig und 20 Prozent der 7- bis 17-Jährigen hätten psychische Probleme, warnte auch Rudolf Henke, Vorstandsmitglied der Bundesärztekammer, der Nachrichtenagentur ddp in Düsseldorf. Besonders problematisch sei der Zusammenhang zwischen dem Sozialstatus und dem Gesundheitszustand von Kindern, unterstrich Henke. Gesundheitliche Gefahren und psychische Probleme träten konzentriert bei Kindern aus sozial schwachen Familien auf. "Da steht Deutschland international am Pranger." Der Abbau von Kinderarmut müsse die gleiche Priorität bekommen wie die Bekämpfung von Arbeitslosigkeit, forderte der Internist.Der Vorstand der Bundesärztekammer werde sich auf dem Ärztetag für ein abgeschwächtes Meldesystem bei den Vorsorgeuntersuchungen einsetzen. Danach sollen Kinderärzte künftig Buch führen, wer an den Untersuchungen teilgenommen hat. Wer nicht komme, solle eine gesonderte Aufforderung erhalten.