07.02.2007

Die Abgabe von Heroin auf Rezept ist im Modellversuch erfolgreich erprobt worden - Nun droht das Ende Letzte Chance für Abhängige

Passanten wundern sich gelegentlich über die schwere Stahltür und die Überwachungskamera in der Bonner Wilhelmstraße. Nur die Anwohner wissen, dass sich in dem gut gesicherten Gebäude eine Heroinambulanz verbirgt. Ann-Kathrin ist eine der 36 Patienten, die hier drei Mal täglich klingeln, um sich in einem gekachelten Raum unter ärztlicher Aufsicht ihren Schuss abzuholen. "Das hier war meine letzte Chance", sagt die Bonnerin, die seit 28 Jahren heroinsüchtig ist.

Von Claudia Rometsch (epd)Früher lebte sie auf der Straße und klaute, um sich Drogen beschaffen zu können. Heute hat sie eine Wohnung und sucht gerade eine Arbeit.Ann-Kathrin gehört zu den rund 1.000 Schwerstabhängigen, die an einem bundesweiten Modellprojekt zur kontrollierten Heroinvergabe teilgenommen haben. Das Projekt ist Ende 2006 ausgelaufen. Ein halbes Jahr lang machen die beteiligten Städte noch weiter, dann soll nach dem Willen der Union im Bundestag Schluss sein. Die Bonner Heroinambulanz soll im Juni geschlossen werden. Ann-Kathrin macht das Angst.Die Städte mit Heroinambulanzen, neben Bonn unter anderem Frankfurt, Hamburg und Köln, berieten am Donnerstag in Frankfurt, ob und wie sie ihre Einrichtungen weiterführen können. Im Bundestag bereitet die Opposition einen Gruppenantrag vor mit dem Ziel, die Heroinersatztheraphie gesetzlich zu verankern. Ob diese Versuche erfolgreich sein werden, ist offen.Der Modellversuch indes ist erfolgreich verlaufen: «Wir haben bei unseren Patienten herausragende Erfolge festgestellt», sagt Linde Wüllenweber-Tobias, die in Bonn die Abhängigen pädagogisch betreut.Sie wünscht sich eine Übernahme der Heroin-Behandlung in den Leistungskatalog der Krankenkassen. Dass es wegen der Weigerung der Union Ende 2006 nicht zu der dafür notwendigen Gesetzesinitiative auf Bundesebene gekommen ist, beobachtet die Sozialpädagogin mit Sorge.«Unsere Patienten sind natürlich beunruhigt.»An dem fast fünfjährigen Großversuch hatten sich das Bundesgesundheitsministerium, die Länder Nordrhein-Westfalen, Niedersachsen, Hamburg sowie sechs Städte beteiligt. Ziel war es, solchen Drogensüchtigen eine Ausstiegsmöglichkeit zu bieten, die den Ersatzstoff Methadon wegen seiner Nebenwirkungen nicht vertragen.Dabei stellte sich heraus, dass sich der Gesundheitszustand und der Drogenkonsum bei mehr als 60 Prozent der Studienteilnehmer deutlich besserten. Bei einer mit Methadon behandelten Kontrollgruppe lag diese Quote bei 40 Prozent. «Aus wissenschaftlicher Sicht ist das ein sensationelles Ergebnis», sagt Wolfgang Meier, Direktor der Bonner Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie, der die Studie begleitete.In Bonn haben alle Schwerstabhängigen aus dem Versuch mittlerweile einen festen Wohnsitz. Ein Drittel hat sogar eine feste Beschäftigung gefunden, andere qualifizieren sich weiter oder sind auf Arbeitssuche. 19 Prozent der Patienten bereiten sich auf den endgültigen Ausstieg aus der Abhängigkeit vor. Trotz der positiven Ergebnisse halten jedoch die Gegner bei der Union die Heroin-Behandlung nicht für effektiv genug. Außerdem missfällt ihnen, dass sie teurer ist als die Vergabe von Methadon.Die höheren Kosten bestätigt Christian Haasen, Leiter der Heroinstudie am Zentrum für Interdisziplinäre Suchtforschung der Universität Hamburg. «Gesamtgesellschaftlich gesehen führt diese Behandlung aber zu Ersparnissen», erklärt er. Die bessere körperliche Verfassung der Abhängigen erspare ärztliche Behandlungen. Zugleich sinke die Kriminalität und ein Teil der Patienten könne wieder arbeiten und für seinen Lebensunterhalt selbst aufkommen.Rolf Hüllinghorst, Geschäftsführer der Deutschen Hauptstelle für Suchtfragen in Hamm, hält das Kostenargument ebenfalls nicht für stichhaltig. «Hier wird eine medizinische Frage politisch diskutiert», kritisiert er. Die Behandlung mit Heroin komme nur für eine kleine Gruppe Schwerstabhängiger in Frage, die Methadon nicht vertrügen. Es sei nun Sache der Länder, sich für eine Fortsetzung des Heroin-Projekts einzusetzen. Die hält Haasen noch für möglich. Er hofft auf eine Gesetzesinitiative durch den Bundesrat. «Auf Länderebene ist das Interesse deutlicher», glaubt der Mediziner.