02.02.2007

Kardinal Meisner würdigt Arbeit des Hilfswerks - Predigt zum Nachhören, -schauen und -lesen Festgottesdienst "Kirche in Not"

Das internationale katholische Hilfswerk "Kirche in Not" hat am Sonntag in Köln sein 60-jähriges Bestehen mit einem "Tag der Weltkirche" gefeiert. An einem Festgottesdienst im Dom mit Kardinal Joachim Meisner nahmen auch Kurienkardinal Dario Castrillon Hoyos und der israelische Erzbischof Elias Chacour teil. In seiner Predigt würdigte Meisner die als "Ostpriesterhilfe" gegründete Organisation als eine wahrlich "geistliche Bewegung".

"Werden Sie keine Behörde"Dieser Aspekt sei den unter atheistischen Regimen arbeitenden Priestern in Mittel- und Osteuropa immer viel wichtiger gewesen als die bloße finanzielle Unterstützung von Hilfsprojekten. Für den Nachmittag war ein Symposion über Geschichte und Aufgaben des Hilfswerks geplant.Meisner erinnerte daran, dass "seit Jahrzehnten die meisten Menschen, die um ihres Glaubens willen ermordet werden, Christen, Priester und Ordensschwestern sind". Auch heute sei die Kirche auf "fast allen Längen- und Breitengraden" eine Kirche in Not und das Hilfswerk damit nicht weniger aktuell als vor 60 Jahren. Er rief die Mitarbeiter der Organisation auf: "Werden Sie keine Behörde, die das Geld der Geber für die Nehmer nur verwaltet, sondern bleiben Sie eine Bewegung, die Menschen in die Nähe Gottes ruft und damit auch in die Nähe zu den anderen".Predigt zum 60-jährigen Jubiläum von "Kirche in Not""Liebe Schwestern, liebe Brüder!Die göttliche Vorsehung führt uns durch die liturgische Leseordnung am heutigen 5. Sonntag im Jahreskreis mitten in den wunderbaren Fischfang hinein (Lk 5,1-11): „Fahrt hinaus auf den See, dort werft eure Netze zum Fang aus" (Lk 5,4). Besser könnte gar nicht die Geburtsstunde der „Kirche in Not / Ostpriesterhilfe vor 60 Jahren beschrieben werden. Am Anfang dieser Bewegung, die übrigens die erste der geistlichen Bewegungen nach dem furchtbaren Zweiten Weltkrieg ist, steht nicht eine Kommission mit Fachleuten und nicht ein Gremium von Spezialisten, bei denen man sicher alle Fachbereiche hätte berücksichtigen müssen, sodass daraus eine schwerfällige Riesenorganisation geworden wäre. Nein, dann wäre todsicher aus „Kirche in Not / Ostpriesterhilfe" nicht das geworden, was daraus geworden ist. 1.  Am Anfang steht der Ruf des Herrn an einen Jünger Jesu: „Wirf deine Netze aus!". Es ist uns schon so oft gesagt worden, aber man kann es gar nicht oft genug erzählen, dass Pater Werenfried kurz nach dem Krieg in einer belgischen Gemeinde zum Weihnachtsfest zu einer Spendenaktion für hungernde Deutsche aufgerufen hat, in der kurz vorher im Krieg deutsche Soldaten Söhne der belgischen Bauern erschossen hatten. Das ist menschlich gesehen ein verrücktes Vorhaben. Pater Werenfried ist auch von vernünftigen Leuten gewarnt worden. Aber ihn drängte der Ruf Gottes, den Hungernden zu helfen, und darum mutete er den Leuten eigentlich Unmögliches zu. Und er hatte Erfolg. Der Herr selbst hat ihm den Speck, die Würste und die Butter bei den Bauern in die Körbe gegeben, wie beim wunderbaren Fischfang die Fische in die Netze. Jesus fordert Petrus und seine Kollegen auf, die Fischernetze auszuwerfen. Sie hatten schon die ganze Nacht gearbeitet und nichts gefangen. Jetzt kommt dieser Mann aus Nazareth, eine ausgesprochene „Landratte" und mutet diesen erprobten Seeleuten und Fischern am helllichten Tage zu, die Netze auszuwerfen: „Meister, wir haben die ganze Nacht gearbeitet und nichts gefangen. Doch wenn du es sagst, werde ich die Netze auswerfen" (Lk 5,5). Das ist doch verrückt: ein solcher Auftrag und seine Befolgung! Aber auch hier ist es Jesus, der die Fische in die Netze der Menschen treibt. Sie können nur die Netze auswerfen. Die Fische führt ihnen Jesus zu - und in welcher Fülle! Das Evangelium sagt: „Und sie fingen eine so große Mensche Fische, dass ihre Netze zu reißen drohten" (Lk 5,6). Am Anfang des wunderbaren Fischfangs stehen ein paar Verrückte, die sich gleichsam von diesem Jesus betören lassen und unmögliche Projekte anpacken. Am Anfang von „Kirche in Not / Ostpriesterhilfe" steht ebenfalls ein „Verrückter", der sich von der Stimme des Herrn im Evangelium betören lässt und gerade bei denen sammelt, von denen eigentlich Rache zu erwarten war. Gott verrückt seine Boten aus den Selbstverständlichkeiten menschlicher Vernunft in ein Abenteuer, das aller Vernunft Hohn spricht: auf dem See Genezareth mit den Aposteln und in Belgien mit Pater Werenfried. Er macht manche Menschen zu Gunsten anderer verrückt.2. Seit diesem Anfang mit diesem Abenteurer Gottes sind 60 Jahre vergangen. Der hl. Augustinus sagt: „Der Anfang geht immer mit". Darum ist es gut, dass wir uns zum 60. Geburtstag von „Kirche in Not / Ostpriesterhilfe" dieses Anfangs vergewissern, denn wer keine Herkunft hat, der hat auch keine Zukunft! Pater Werenfried, der Anfänger in diesem Wagnis Gottes, ist heimgerufen. Sein Werk ist in unsere Hände gelegt, namentlich all denen, die eine besondere Verantwortung für„Kirche in Not / Ostpriesterhilfe" zu tragen haben. An dieser Stelle kann man nur sagen, was Paulus seinen Christen schreibt: „Löscht den Geist nicht aus!" (1 Thess 5,15), und zwar löscht diesen Geist des Anfangs, des Abenteurers, des Wagnisses, der Verrückheit Gottes nicht aus. Oder an anderer Stelle: „Lasst euch vom Geist entflammen!" (Röm 12,11). Lasst nicht die Asche der Alltäglichkeit, des Kummers und mancher Sorgen, die es auch in eurem Werk gibt, das Feuer des Anfangs ersticken. Geistespflege - heute ein unmodernes Wort - ist ein Gebot der Stunde zum 60. Geburtstag von  „Kirche in Not / Ostpriesterhilfe". Denn wo dieser Geist lebendig ist, dort wird er für sie immer wieder Wege finden. Sie müssen am Ball dieses großen Werkes bleiben! Oder wie in unserem Evangelium: Sie dürfen die Netze nicht aus der Hand lassen und müssen sie immer wieder auswerfen! Wir kennen alle das Wort von Pater Werenfried, das er vielleicht am meisten in seinem Leben gesprochen hat: „Die Menschen sind besser als wir glauben. Gott ist auch besser als wir glauben". Und darum haben wir immer Grund, die Netze auszuwerfen. Er führt uns die Fische zu, die dicken Fische und auch die kleinen Fische. Wir betreiben heute keine Nostalgie. Wir versichern uns aber des Ursprungs von „Kirche in Not / Ostpriesterhilfe", damit hier alles in Gegenwart und Zukunft ursprünglich, kreativ und geisterfüllt bleibt.Die Apostel sagten damals: Wir haben zwar die ganze Nacht gearbeitet, und es ist unvernünftig, jetzt wieder anzufangen. Aber wir tun es, weil du es sagst. Und der belgische Pfarrer sagte damals zu Pater Werenfried: „Die Leute werden Sie steinigen, wenn Sie für die Deutschen sammeln wollen". Aber Pater Werenfried hat - wie damals die Apostel - seinem Herzen gehorcht, und beide Male wurden die Gefäße gefüllt: auf dem See die Netze, in Belgien die Körbe. Verlieren wir nicht die Hoffnung: Gott treibt uns die Fische ins Netz. Gott war es letztlich, der den Millionenhut des Paters gefüllt hat und weiter füllt. Wir sind immer versucht, uns Gott nach unserem Bild vorzustellen, aber auch unsere Mitmenschen immer in den Dimensionen unserer eigenen Beschaffenheit zu sehen. Und weil wir alle irgendwie nach dem Grundsatz: „Wie du mir, so ich dir" denken, fällt das Gottesbild und das Menschenbild immer zu eng aus, zu kurzatmig. Deshalb trauen wir Gott und den Mitmenschen auch nichts mehr zu. Darum das mahnende Wort an dieser Stelle: „Gott ist besser, und die Menschen sind besser, als wir glauben". Der Apostel Petrus beim Fischfang und der Pater Werenfried beim Betteln haben sich von ihren eigenen Gottes- und Menschenbildern befreien lassen und das Bild Gottes von sich selbst und von den Menschen übernommen. Denn schließlich heißt es von Gott, als er den Menschen erschaffen hatte: „Gott sah alles an, was er gemacht hatte: Es war sehr gut" (Gen 1,31). Darum war das Arbeitsklima im wachsenden Werk  „Kirche in Not / Ostpriesterhilfe" von einem ungeheuren Gottvertrauen erfüllt. Hier wurde gedacht, gearbeitet und geschrieben, nicht nach dem Grundsatz: „Wie du mir, so ich dir", sondern „Wie Gott mir, so ich dir". Dieser Gott, der die leeren Netze füllte und unsere leeren Körbe und Taschen mit seinen Gaben erfüllt.3. Aus den kleinen Anfängen von „Kirche in Not / Ostpriesterhilfe" wuchs ein weltweites Unternehmen Gottes heran, um so viel als möglich von der Fülle Gottes zu sammeln zugunsten der Not der Welt und der Menschen. „Als die Netze wegen der Fülle an Fischen zu zerreißen drohten, winkten die Apostel ihre Gefährten im anderen Boot heran, sie sollten kommen und ihnen helfen. Sie kamen, und gemeinsam füllten sie beide Boote bis zum Rand, sodass sie fast untergingen" (Lk 5,7). Hier musste Hand in Hand gearbeitet werden, um den Reichtum zu bergen, damit alle Hungernden satt werden können. Dasselbe gilt für das gemeinsame Werk „Kirche in Not / Ostpriesterhilfe". Hier braucht man nicht im gleichen Schritt zu marschieren, aber hier haben die Herzen im gleichen Takt zu schlagen und die Hände um der Menschen willen in der gleichen Absicht zu handeln.4. Es ist bezeichnend, dass Pater Werenfried sich in der ersten Stunde seines Werkes besonders der Not der Priester in Mittel- und Osteuropa angenommen hat, die oft unter den schwierigen Bedingungen eines staatlich verordneten Atheismus ihre Arbeit tun mussten. Sie hatten für die Menschen im Einsatz Gottes zu leben und standen dabei nicht selten vor unlösbaren Problemen. In ihre Not hat sich Pater Werenfried gleichsam eingereiht und ihnen - wie der ägyptische Josef -  zugerufen: Ich bin Josef, eurer Bruder (vgl. Gen 45,3). Pater Werenfried wusste, dass der Mensch nicht vom Brot allein lebt, auch nicht vom Speck der belgischen Bauern. Aber er war überzeugt, dass ohne Priester keine Eucharistie möglich ist. Und wo keine Eucharistie, dort hungert die Kirche aus und vermag den Menschen kein sicheres Weggeleit zu Gott mehr zu geben. Deshalb legte er die Priorität seines Werkes auf die Hilfe für Priester. Hier sieht man, dass „Kirche in Not / Ostpriesterhilfe" wirklich eine geistliche Bewegung war und ist. Die materiellen Hilfen sollten die Ausbildung von Priestern gewährleisten und die Wirkungsmöglichkeiten der wenigen Priester vervielfältigen durch die Bereitstellung von Fahrrädern und Motorrädern und später dann von Kapellenwagen und Autos. Er wollte die Verkündigung der Priester verstärken durch die Bereitstellung von Katechismen und Bibeln. Darum sind Pater Werenfried und seine Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter - und hier weiß ich, was ich sage - nie nur und nicht einmal in erster Linie als Geldgeber für geplante Hilfsprojekte verstanden worden, sondern als Fischer im gleichen Schiff, als Mitglaubende in der gleichen Kirche, die die Sorgen anderer zu ihren eigenen Sorgen gemacht haben. Deshalb auch das große Vertrauen, das in diesen Jahren zwischen den Krisengebieten der Welt und dem Werk „Kirche in Not / Ostpriesterhilfe" Gestalt geworden ist.5. Wer den 60. Geburtstag feiert, denkt über Vorruhestand und ähnliches nach. Ich möchte ausdrücklich allen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern und allen Sympathisanten von  „Kirche in Not / Ostpriesterhilfe" sagen: Für euer Werk gibt es um Gottes und der Menschen Willen keinen Ruhestand und auch keinen Vorruhestand! Sind denn die Notstände und Krisengebiete in unserer Welt geringer geworden? Ist unsere Kirche nicht wirklich fast auf allen Längen- und Breitengraden der Welt eine Kirche in Not? Vergessen wir nicht, dass seit Jahren die meisten Menschen, die um ihres Glaubens willen ermordet werden, Christen, Priester und Ordensschwestern sind, Frauen und Männer, die haupt- und ehrenamtlich vor Ort für Jesus Christus und die Menschen einstehen. Kirche ist wirklich in Not. „Kirche in Not / Ostpriesterhilfe" ist heute nicht weniger aktuell als damals vor 60 Jahren. Wenn es sie noch nicht gäbe, müsste man sie eigentlich sofort erfinden! Und vergessen wir weiter nicht, die Ressourcen Gottes sind nicht geringer geworden, wie am Anfang auf dem See Genezareth und dann vor 60 Jahren in Belgien.Lassen Sie mich aber nochmals auf eine große Versuchung hinweisen: Werden Sie keine Behörde, die das Geld der Geber für die Nehmer nur verwaltet, sondern bleiben Sie eine Bewegung, die Menschen in die Nähe Gottes ruft und damit auch in die Nähe zu den anderen. „Kirche in Not / Ostpriesterhilfe" bleibt nur „Kirche in Not / Ostpriesterhilfe", wenn die sie tragenden Menschen Frauen und Männer Gottes bleiben, die sich nicht dirigieren lassen nach den Grundsätzen vieler: „Was habe ich davon? Was nützt mir das? Was verdiene ich dabei?". Darum hat gerade „Kirche in Not / Ostpriesterhilfe" so viel Anziehungskraft auch als eine Bewegung der Seelsorge, weil von ihren Worten und Taten die Herzen der Menschen - der Geber und Nehmer - mit Gott in Berührung kommen. Für jede Mitarbeiterin und jeden Mitarbeiter darf nicht die Spaltung ihres Lebens in privat und öffentlich anstehen, wie das sogar auch Politiker in christlichen Parteien für sich in Anspruch nehmen. Der Mensch ist als Mensch immer derselbe: privat und öffentlich. Das christliche Menschenbild kennt keine derartige Differenzierung. Aber der Herr sagt ausdrücklich: „Wer in den kleinsten Dingen zuverlässig ist, der ist es auch in den großen, und wer bei den kleinsten Dingen Unrecht tut, der tut es auch bei den großen" (Lk 16,10). Diese redliche Basis ist das Fundament, auf dem seit 60 Jahren „Kirche in Not / Ostpriesterhilfe" steht. Das 60-jährige Jubiläum von „Kirche in Not / Ostpriesterhilfe" ist kein Anlass zur Nostalgie, sondern zum Aufbruch. Vergesst eure Wurzeln nicht! Der Anfang geht immer mit! Darum meine Gebetsbitte und mein Wunsch: „Wie es war im Anfang - vor 60 Jahren mit Pater Werenfried und seinen Pionieren -, so auch jetzt - im Jahre 2007 - und allezeit und in Ewigkeit.   Amen." + Joachim Kardinal Meisner   Erzbischof von Köln