26.07.2004

Nachrichtenarchiv 26.07.2004 12:07 Ein Arbeits-Los gezogen

SIEGBURG. Das große Los fehlte. Statt dessen zogen die Passanten auf dem Markt ein Hoffungs-Los oder ein Kraft-Los, ein Arbeits-Los oder ein Freud-Los, ein Obdach-Los, ein Brot-Los oder ein Schuld-Los. Bei den blauen, grünen, roten, gelben und lilafarbenen Zetteln im Postenkartenformat handelte es sich - entgegen dem ersten Eindruck - allerdings nicht um Nieten. Auf den bunten Blättern wurden Schicksale beschrieben. Kurz, knapp, eindringlich. So stand auf dem Hoffungs-Los: „Sie haben gerade die Kündigung von ihrem Arbeitgeber bekommen, und das mit 56 Jahren! Sie machen sich Gedanken, wie Sie Ihre Familie zukünftig versorgen können -und dass Ihre Ehe diese schwierige Zeit nicht überstehen wird. Sie haben das Gefühl, dass Nachbarn und Bekannte Ihnen schon aus dem Weg gehen." Also doch eine Niete gezogen? Nein. Denn auf dem Zettel stand auch: „Wir helfen Ihnen." „Wir", das war bei dem einen Los der Sozialdienst katholischer Frauen, bei dem anderen Los die Caritas, das waren der Arbeiter-Samariter-Bund, das Diakonische Werk, das Kinderheim Pauline von Mallinckrodt und weitere kirchliche und freie Wohlfahrtsverbände, die am Samstag auf dem Markt aufmerksam machten auf die „Not- und Armutssituation in unserer Gesellschaft" und auf die Hilfsangebote und Unterstützung, die die zehn Verbände geben.Organisiert hatte die Open-air-Aktion der Kreis-Katholiken-Rat, der die rechtsrheinischen Dekanate vertritt. Karl Heinz Löhr, Geschäftsführer des Katholiken-Rates, sagte, außer über die Armutssituation und die Anlaufstellen zu informieren „haben wir uns den hohen Anspruch gestellt, dass hier keiner ungetröstet weggehen soll". Das Wort Trostpreis bekam so auf dem Markt eine andere Bedeutung.Nicht anklagen wollten die Verbände, und auch politische Forderungen suchte man vergebens. Auch wenn Karl-Heinz Löhr sagt: „Harzt IV ist auch ein Grund für unsere Aktion." Und Monika Bahr, Geschäftsführerin des Katholischen Vereins für soziale Dienste, ergänzte, dass gerade in Zeiten, in denen die öffentlichen Kassen leer sind, widersinnigerweise bei den Sozialverbänden gekürzt werde. Doch Anliegen der Los-Ziehungen und der Gespräche auf dem Podium, das auf dem unteren Markt aufgebaut war, sei es, so Monika Bahr, auf das Kernproblem hinzuweisen. Und das laute: „Es kann jeden treffen." Arbeitslosigkeit oder Krankheit könnten schnell dazu führen, den Boden unter den Füßen zu verlieren.Haben die Verbände am Samstag ihr Ziel erreicht? Zumindest wurden die von Susanne Becker-Huberti moderierten Gespräche über den Markt hinaus gehört, das Domradio sendete live. Außerdem, so Karl Heinz Löhr: „Der Erfolg der Veranstaltung war schon vor der Veranstaltung sichergestellt." Denn um in Zeiten knapper Kassen effektiv helfen zu können, sei die Kooperation der Wohlfahrtsverbände wichtig. Und genau diesen Schritt habe man getan.