31.12.2003

Kardinal Meisner, Erzbischof von Köln Hirtenbrief nach dem XX. Weltjugendtag 2005

Liebe Schwestern und Brüder in Christus, dem Herrn!„Wir haben seine Herrlichkeit gesehen“ (Joh 1,14), so endet der Prolog des Johannesevangeliums. Das könnenwir auch als Resümee unter den Weltjugendtag schreiben. Alle Seiten bestätigen uns, dass nicht die organisatorischenLeistungen das Hervorstechende dieser gesegneten Tage waren, sondern die geistliche und gläubigeTiefe der Begegnungen der Menschen mit Gott und untereinander. Wir sollten uns hier als gastgebendeErzdiözese an das Wort des Psalmisten erinnern: „Seele vergiss nicht, was er dir Gutes getan hat“ (Ps 103,2).Von so vielen Bischöfen, Priestern und gläubigen Menschen aus aller Welt erhalte ich Dankesbriefe für dasgeistliche Ereignis Weltjugendtag 2005 in Köln. Gerne gebe ich den Dank weiter an Sie alle, die durch IhrGebet, Ihre Gastfreundschaft, Ihre speziellen Dienste und durch Ihr Wohlwollen an diesem gemeinsamenWerk mit beteiligt waren. Vor diesem Hintergrund haben wir alle gemeinsam eine große Konzelebration erlebt,die uns reich und ein wenig glücklich macht.Als gastgebende Diözese sind wir die am meisten Beschenkten! Welch tiefen und froh machenden Glaubenhaben uns junge Christen aus aller Welt vorgelebt und unsere Städte gleichsam dynamisiert. Die Teilnehmerinnenund Teilnehmer aus den ärmsten Ländern hatten uns die reichsten Glaubenserfahrungen mitgebracht.Wir dürfen uns über unsere Jugend freuen. Manche wollen gar nicht wahrhaben, dass die jungen Menschenwieder von einem echt christlichen Format gekennzeichnet sind, wie eine Tageszeitung in einer ihrer Schlagzeilenzum Weltjugendtag schreibt: „Die Mädchen auf dem Weltjugendtag sehen atemberaubend aus. Siewirken wie befreit von der allgemeinen Pornografisierung. Sie sind unter das schützende Dach der Kirchegeflüchtet.“ Dürfen wir nicht auf unsere Kirche stolz sein, die trotz aller sexuellen Revolution das Bild vomreinen Menschen bewahrt und gerettet hat, sodass sie anziehend geblieben ist für junge Menschen aus allerWelt?Besonders beglückend ist für mich, von den vielen Herbergsgebern zu hören, wie viele gute Kontakte undFreundschaften sich zwischen jungen Christen aus aller Welt und den gastgebenden Familien entwickelthaben. Pannen bei der Versorgung der Pilger, Verzögerungen bei der Abreise vom Marienfeld und andereunvermeidliche Belastungen wurden durch herzliche und großzügige Gastfreundschaft ausgeglichen. Ich binganz stolz auf die Rheinländer, die den Weltjugendtag zu ihrem eigenen Anliegen gemacht haben und dortnicht fehlten, wo Hilfe, Ermutigung und Begleitung nötig waren. Ich sage allen ganz herzlichen Dank! MeinDank gilt auch den evangelischen und orthodoxen Gemeinden für ihre Hilfe, den Städten und Gemeindenund ihren Einrichtungen und Betrieben, den Hilfswerken und allen Bürgerinnen und Bürgern, die uns bei derDurchführung dieses Weltjugendtags in oft so großartiger Weise geholfen haben.Auch die vielen Freiwilligen, die Langzeitfreiwilligen und die Kurzzeitfreiwilligen, haben dazu beigetragen,dass der Weltjugendtag überhaupt durchgeführt werden konnte. Unsere Kernteams in den Gemeinden warenebenso unverzichtbar, und ich rechne auch weiter auf diese zuverlässigen Jugendlichen, die nun ihren Ertragdes Weltjugendtages hineintragen in unsere Gemeinschaften, Familien- und Freundeskreise.Der Weltjugendtag ist mit der Abreise des Papstes nicht zu Ende gegangen. Vielmehr müssen wir sagen:„Jetzt geht es erst richtig los“, indem wir aus diesem Riesengeschenk Konsequenzen für den Alltag ziehen.Was bei den Katechesen, die das Rückgrat des Weltjugendtages bildeten, durchgängig zu Tage trat, wareine große Sehnsucht nach Gott, die sich aber oft kaum artikulieren konnte, weil es vielen Jugendlichen einfachan Glaubenswissen und damit auch an sprachlichen Ausdrucksfähigkeiten fehlt. Ich halte es für einGeschenk der göttlichen Vorsehung, dass unmittelbar vor dem Weltjugendtag das Kompendium des Katechismusder katholischen Kirche erschienen ist. Es ist gleichsam das letzte Geschenk des großen Papstes JohannesPaul II. an den von ihm noch einberufenen XX. Weltjugendtag in Köln. In diesem Kompendium ist derWeltkatechismus praktikabel aufbereitet in einem Schema von Fragen und Antworten, sodass ein leichtererZugang zum Mysterium des Glaubens gegeben ist. Ich bitte alle Priester, Diakone, Mitarbeiterinnen und Mitarbeiterim pastoralen Dienst der Kirche, alle Ehrenamtlichen, alle Pfarrgemeinderäte und alle Eltern, diesesKatechismuskompendium zu erwerben und dann für die nächsten Jahre Kapitel für Kapitel durchzuarbeiten.Ganz besonders die Firmvorbereitung sollte auf den entsprechenden Kapiteln des Kompendiums basieren. Ineiner multireligiösen Umwelt haben die Menschen nur die Chance, die befreiende Botschaft des Evangeliumszu hören, wenn wir Christen auskunftsfähig sind, wenn wir unseren Glauben kennen, der ja nicht Gefühl,Ahnung, Meinung oder irgendeine geistliche Verschwommenheit ist, sondern eine inhaltsreiche Botschaft.„Eine lebendige Katechese“ könnte ein wichtiges Ergebnis des Weltjugendtages 2005 in Köln sein.Das Motto des Weltjugendtages "Wir sind gekommen, um Ihn anzubeten" hat in der eucharistischen Anbetungsein beeindruckendes Echo gefunden. In vielen geistlichen Zentren von Köln, Düsseldorf und Bonnwar Tag und Nacht Gelegenheit zur eucharistischen Anbetung, die von Zigtausenden genutzt wurde. Auchhatten wir erstmalig bei einem Weltjugendtag in der Vigilfeier eine eucharistische Prozession mit eucharistischerAnbetung erlebt. Viele hatten davon abgeraten, weil sie meinten, eine so große Millionengemeindewürde nicht die innere Ruhe aufbringen, um dem Herrn im Sakrament zu begegnen. Genau das Gegenteilwar der Fall. Die tiefe Stille, die über dem Marienfeld lag, als die Monstranz auf dem Altar stand und derHeilige Vater vor ihr betete, wird mir unvergesslich bleiben. Übrigens sagte mir der Heilige Vater, dass für ihndiese Minuten anbetenden Schweigens vor der Monstranz das tiefste Erlebnis beim Weltjugendtag war. Einjunges Mädchen erzählte mir, sie habe sich inmitten der Millionengemeinde auf den Knien vor dem Herrn imSakrament ganz persönlich angesprochen gefühlt. Ebenfalls war bei der Eucharistiefeier am Sonntag dasHochgebet der heiligen Messe von anbetendem Schweigen begleitet. Gerade in diesem Augenblick konnteman die geistliche Dichte dieses großen Gottesdienstes erspüren.Weithin unbemerkt von den Medien bot der Weltjugendtag einen weiteren geistlichen Akzent von beeindruckenderIntensität in der Spendung des Bußsakramentes. Bewegt berichteten mir viele Priester von denlangen Schlangen vor den Beichtstühlen. Sogar noch auf dem Marienfeld wurde bis tief in die Nacht hineingebeichtet. Ein Journalist berichtete angesichts vieler auf die Beichte wartender Jugendlicher: "Ich wurderichtig neidisch auf diese Jugendliche und sagte mir: Das möchtest du auch können, einmal dir alles von derSeele reden und dabei wissen, Gott nimmt alles weg, was Schuld und Sünde ist." Ich wünsche uns allen solcheErfahrungen. Entdecken wir das große Geschenk des Bußsakramentes neu, in dem uns Gott mit seinerversöhnenden Barmherzigkeit begegnet.Ebenfalls zum ersten Mal bei einem Weltjugendtag gab es in St. Pantaleon ein Zentrum für Priesteramtskandidatenaus aller Welt. Dort fand am Freitag eine Begegnung des Heiligen Vaters mit etwa 5000 angemeldetenSeminaristen statt, bei der ein Theologiestudent aus unserer Erzdiözese, ein Pfarrer aus Kasachstanund der Erzbischof von Quebec in Kanada Zeugnis von ihrem inneren Berufungsweg ablegten. Darauf antworteteder Papst in einer sehr bewegenden Homilie über das Priestertum. Junge Menschen des Weltjugendtageswollen nun ihren Altersgenossen in den Priesterseminaren in aller Welt Briefe schreiben, in denen siedie Seminaristen bitten, sich gut durch Studium und Gebet auf das Priestertum vorzubereiten, denn sie werdeneines Tages die Katecheten ihrer Kinder und die Priester sein, bei denen sie beichten werden. Als Ermutigungwollen sie ihnen die drei Zeugnisse und die Predigt des Papstes zuschicken. Bei dieser Gelegenheit istmir auch klar geworden, dass beim nächsten Weltjugendtag in Sydney ein solches Zentrum auch für ernstlichVerliebte und Verlobte eingerichtet werden sollte, um jungen Menschen Begleitung auf ihrem Weg zur Eheund Familie zu geben. Das Bedürfnis und die Sehnsucht, eine gute Ehe führen zu können und einmal einegesegnete Familie haben zu dürfen, sind so groß, dass wir junge Menschen darin nicht allein lassen dürfen.Hier stellt uns der Weltjugendtag Aufgaben vor Augen, die aller Mühe wert sind.Ich darf noch einmal zusammenfassen, was uns der Weltjugendtag für die nächste Zeit mit auf den Weggibt: Die Aneignung eines soliden Glaubenswissens, die Wiederentdeckung des Bußsakramentes, die Sorgeum eine Atmosphäre in unseren Gemeinden, die geistliche Berufungen ermöglicht, das Erschließen von Vorbereitungswegenfür junge Menschen auf Ehe und Familie hin und die weitere Pflege der Gastfreundschaft.Liebe Schwestern, liebe Brüder, in aller Demut dürfen wir sagen: Unserer Generation im Erzbistum Köln istmit dem Weltjugendtag ein Ereignis geschenkt worden, das seinesgleichen in der fast 2000-jährigen Geschichteunseres Erzbistums vergeblich sucht. Wir durften Zeuginnen und Zeugen sein, dass buchstäblich dieWelt zu den ersten Christuspilgern, den Heiligen Drei Königen, gepilgert ist, um IHN anzubeten, der unserHerr und Gott ist. Es wäre eine große Gnade, wenn jede und jeder am je eigenen Platz die positiven Erfahrungenweiter vertiefen könnte, die ihm in diesen Tagen geschenkt wurden. Dann wird Köln 2005 zu einemgeistlichen Ereignis auch für 2010, 2020, ja bis zum Ende der Tage. Das wünsche ich von ganzem Herzen.Dazu segne euch der allmächtige Gott: der Vater und der Sohn und der Heilige Geist.Euer+ Joachim Kardinal Meisner