Steinmeier fordert Kirchen zu mehr Alltagsnähe auf

"Nicht nur um sich selbst kreisen"

Wo bleibt die Alltagsnähe? Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier hat die Kirchen in Deutschland aufgerufen, trotz eigener Krise den Blick wieder stärker auf die eigentliche Arbeit zu richten und am Alltag der Menschen teilzunehmen.

Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier / © Julia Steinbrecht (KNA)
Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier / © Julia Steinbrecht ( KNA )

"Die Kirchen sollten aufhören, vor lauter Angst vor ihrem eigenen Bedeutungsverlust zu viel nur um sich selbst zu kreisen", sagte das Staatsoberhaupt am Mittwoch in Berlin beim traditionellen Johannisempfang der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD).

Steinmeier betonte: "Im Blick sein müssen vielmehr die Armen und die Schwachen, ob es psychische, spirituelle oder auch ganz praktische Nöte und Bedürfnisse sind, die hier nach Beistand rufen."

Distanz zur Kirche gewachsen

Steinmeier verwies darauf, dass die Distanz zwischen vielen Menschen und der Kirche gewachsen sei. "Nicht alles hat mit dem Missbrauch und mit schleppender Aufarbeitung zu tun, und notwendig ist zügige Aufarbeitung ganz ohne Zweifel", mahnte der Bundespräsident mit Blick auf die Missbrauchsfälle in der Kirche. "Die Menschen wollen eine moderne, eine aufgeschlossene Kirche, die an ihrem Alltag teilnimmt, die sich ihren täglichen Problemen widmet", betonte Steinmeier weiter, der selbst evangelischer Christ ist.

Die EKD-Ratsvorsitzende Annette Kurschus wandte sich in ihrer Ansprache dagegen, angesichts einer komplizierten Wirklichkeit Fragen "auf ein simples Ja oder Nein" zu reduzieren. "Könnte es auch im gegenwärtigen Streit um Krieg und Frieden die Aufgabe von Christinnen und Christen sein, sich als Anwälte und Anwältinnen der Unverfügbarkeit zu verstehen?", fragte sie. Dies bedeute "ausdrücklich dem Nichtwissen das Wort zu geben, der Skepsis ihr Recht einzuräumen, dem Zweifel den Platz freizuhalten".

Annette Kurschus / © Harald Oppitz (KNA)
Annette Kurschus / © Harald Oppitz ( KNA )

Mit Blick auf die ethischen Fragen rund um den Krieg in der Ukraine müssten die Aporien und Dilemmata akribisch benannt werden, forderte die Präses der Evangelischen Kirche von Westfalen. Der Schutz von Leben, Gerechtigkeit, Freiheit und Frieden sei Aufgabe des Staates - "notfalls auch mit Gewalt". Dabei gelte es nüchtern zu sehen:

"Solcher Schutz und alle Hilfe zur Verteidigung sind ihrerseits mit Gewalt verbunden und stehen in Gefahr, neues Leid zu verursachen und sich schuldig zu machen", sagte Kurschus.

Fragen nach Frieden und Sicherheit dürfen nach ihrer Auffassung auch nicht ausgespielt oder aufgerechnet werden gegen Fragen von Klimaschutz und Bewahrung der Schöpfung. Klimawandel sei der größte Hungertreiber, und Klimapolitik sei auch eine Frage von Gerechtigkeit und Sicherheit, unterstrich die EKD-Ratsvorsitzende.

Nuntius nimmt an Empfang teil

An dem Empfang am Berliner Gendarmenmarkt nahmen zahlreiche Gäste aus Politik, Kirchen, Kultur und Wirtschaft teil. Darunter waren Bundestagsvizepräsidentin Katrin Göring-Eckardt, Bundesarbeitsminister Hubertus Heil (SPD), der päpstliche Nuntius Erzbischof Nikola Eterovic, der geschäftsführende Generalsekretär des Weltkirchenrates Ioan Sauca, der Präsident des Zentralrats der Juden Josef Schuster und der Sprecher des Koordinationsrats der Muslime, Mohamed El Kaada.

Erzbischof Nikola Eterovic / © Gordon Welters (KNA)
Erzbischof Nikola Eterovic / © Gordon Welters ( KNA )

Bei dem Empfang wurde der Bevollmächtigte des Rates der EKD bei der Bundesrepublik Deutschland und der Europäischen Union, Prälat Martin Dutzmann (66), in den Ruhestand verabschiedet. Dutzmann hatte das Amt des Bevollmächtigten seit Oktober 2013 inne. Seine Nachfolge ist noch nicht entschieden.

Apostolischer Nuntius

Der Apostolische Nuntius ist in Doppelfunktion Gesandter des Papstes bei einer Ortskirche und zugleich bei einem Staat oder einer öffentlichen Autorität. Als Mittelsmann des Papstes soll er in erster Linie die Verbindung zwischen dem Apostolischen oder Heiligen Stuhl und der Kirche seines Gastlandes halten und stärken. Zudem soll er nach den Normen des internationalen Rechts das Verhältnis zwischen dem Vatikan und den Staatsautoritäten pflegen, Staat-Kirche-Fragen behandeln und etwa durch Konkordate oder andere Vereinbarungen regeln.

Ein Pileolus und eine Stola liegen auf einer Kirchenbank / © Harald Oppitz (KNA)
Quelle:
KNA