Ingo Schulze über 'Tasso im Irrenhaus'

Kunst kann den Erfahrungshorizont erweitern

Spannende Bücher zu lesen, ist ein Vergnügen oder ins Museum zu gehen. Aber welche Erfahrungswelten kann uns Kunst erschliessen? In ‘Tasso im Irrenhaus’ läßt uns Ingo Schulze erleben, welche Überraschungen Kunst bieten kann.

Ingo Schulze / © Gaby Gerster (S.Fischer Verlag)

“Für mich ist Kunst, also insbesondere auch Literatur, etwas, das mich mit meinen eigenen Erfahrungen nicht allein sein lässt”, sagt Ingo Schulze im DOMRADIO.DE Interview. “Bestimmte Dinge, die einem widerfahren, kann man schwer beschreiben, weil sie eigentlich innere Erlebnisse sind. Und die kann man eigentlich nur ausdrücken durch sowas wie ein Gleichnis”. Wir müssen uns unser Leben erzählen, um unseren Ort im Leben zu finden, um zu erfahren, warum wir in der Welt sind, ist Schulze überzeugt. Und dabei helfe uns Literatur und das Gespräch, der Dialog über Literatur, über Kunst, natürlich auch über bildende Kunst.

Über Bilder und Literatur muss man sprechen

In seinem Buch ‘Tasso im Irrenhaus / Erzählungen’ lässt der Autor Schulze seinen Ich-Erzähler jeweils auf ein Gegenüber treffen, mit dem der Erzähler sich gemeinsam einem Kunstwerk annähert. So wird der Erzäher in der titelgebenden Geschichte ‘Tasso im Irrenhaus von einem Fremden angesprochen. “Über Bilder muss man, finde ich, sprechen, also auch über Literatur”, erklärt der Autor. “Ich finde es immer gut, wenn man darüber spricht. Und dieser Ich-Erzähler in dieser Geschichte will aber mit niemandem sprechen. Und der andere sucht aber offenbar jemanden, dem er sich mitteilen kann. Wie sich später herausstellt, ist er auch schwer erkrankt, seine Tage scheinen gezählt zu sein und da treffen schon zwei ganz unterschiedliche Haltungen aufeinander”. Im Spiegel, im Dialog dieser unterschiedlichen Haltungen kann Kunst in all ihrer Differenziertheit das vielschichtige Leben verständlicher werden lassen, so dass am Ende auch ganz andere Einsichten dabei herausspringen, als der erste Blick erwarten läßt.

1989 und vertane Chancen

In der Erzählung ‘Das Deutschlandgerät’ geht es auch um Ost- und um Westdeutschland und um einen genaueren Blick auf das, was da 1989 mit dem Fall der Mauer eigentlich passiert ist. “Ich merke, dass es sich immer mehr lohnt, einmal genauer hin zu gucken, was damals gewesen ist? Was ist in diesen Umbruchzeiten so besonders gewesen? Was kam da hervor? Wenn man die Aufrufe der Oppositionsbewegung von 89 liest, lesen die sich wie ganz aktuelle Wahlprogramme. Da ist alles schon drin, was dann aber völlig verschwand. Ich denke, wir haben sehr, sehr viel Zeit verloren. Das war damals eine einmalige Chance, die wir vertan haben”.

Differenzen zwischen Ost und West

Ingo Schulze ist in Dresden geboren und aufgewachsen. In seinen Büchern und Erzählungen geht es auch immer wieder um die Differenz zwischen Ost- und Westdeutschland. “Ich bin halt jemand, wie sehr, sehr viele auf dieser Welt, die eben nicht im Westen geboren sind, sondern in den Westen hineingekommen sind, sich da angenähert haben”, sagt der Autor, “und da hat man naturgemäß einen anderen Blick als jemand, der da aufgewachsen ist. Und ich finde es halt doch auch immer wichtig, dass man das eigene Selbst relativieren kann, dass man sich selbst von außen sehen kann”.

Diese Außensicht auf die eigene Identität fehle den meisten Westdeutschen, meint Ingo Schulze. Der Westen habe hier die ökonomische, politische und kulturelle Deutungshoheit über das Land an sich gezogen. Der westliche Blick sei die zentrale Perspektive. “Jemand, der quasi die Deutungshoheit hat, der ökonomisch, politisch, kulturell sozusagen den Ton angibt, hat es natürlich schwer, das Eigene zu relativieren. Jemand, der jetzt mal eben auch kulturell von der Peripherie kommt, ist da in einem ganz anderen Zustand”, so Schulze.

Kunst ist etwas, wo ich gemeint bin

Von der Peripherie wirft der Autor Ingo Schulze in seinen Erzählungen einen Blick auf die Geschichte und auf die Gegenwart, die sich auch in der Kunst spiegelt. Spannend ist es zu lesen, wie Schulze hier Brücken baut zwischen bildender Kunst und wie er gleichnishaft davon erzählt, was Kunst und Literatur für uns alle existenziell bedeuten kann: “Kunst ist etwas, wo ich mich gemeint fühle, wo ich betroffen bin", sagt Schulze, "und das muss nicht im ersten Moment so sein. Man muss sich auch manchmal anstrengen, es zu verstehen und auch eben darüber sprechen oder darüber etwas lesen. Dann hat man etwas davon. Aber es kommt immer darauf an, dass es etwas mit meinem eigenen Leben zu tun hat”.

Quelle:
DR
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