Endlich wieder ein Filmfestival - auch wenn Venedig anders war

"Goldener Löwe" an "Nomadland"

​Die Hoffnung des Filmfestival-Direktors Barbera, mit Venedig der Filmbranche neuen Mut einzuflößen, ist aufgegangen. Das Festival ächzte zwar unter den Corona-Bedingungen, feierte aber das Kino und die Filmkunst.

Schauspielerin Tilda Swinton steht mit ihrem Goldenen Löwen für das Lebenswerk für Fotografen während der Eröffnungszeremonie der 77. Internationalen Filmfestspiele von Venedig. / © Joel C Ryan/Invision/AP (dpa)
Schauspielerin Tilda Swinton steht mit ihrem Goldenen Löwen für das Lebenswerk für Fotografen während der Eröffnungszeremonie der 77. Internationalen Filmfestspiele von Venedig. / © Joel C Ryan/Invision/AP ( dpa )

Das 77. Filmfestival in Venedig hat bewiesen, dass Kino und Filmfeste unter Corona-Bedingungen wieder möglich sind. Es war eine ungewöhnliche "Mostra Internazionale d'Arte Cinematografica". Wegen der Pandemie fehlten auf dem Lido Star-Rummel und Hollywood-Blockbuster.

Statt Startrampe für "Oscar"-Kandidaten überwogen Arthouse-Filme, sehr viel europäisches Kino, Kriegsthemen und Gegenwartsbezüge. Vor allem aber prägten Frauen das Festival. 8 von 18 Wettbewerbsbeiträgen stammten von Regisseurinnen. Und auch auf der Leinwand dominierte das sogenannte schwache Geschlecht.

Am Rande des Nervenzusammenbruchs

Schon zu Beginn setzte Regisseur Pedro Almodovar ein Zeichen mit Tilda Swinton, die mit einem "Goldenen Löwen" für ihr Lebenswerk geehrt wurde. Almodovars eigenwillige Interpretation des von Jean Cocteau bereits 1928 geschriebenen Einakters "Die menschliche Stimme" gab den Takt vor.

In nur 30 Minuten entblößt sich eine Schauspielerin am Rande des Nervenzusammenbruchs, stellt sich dann aber mit Selbstbewusstsein der Welt. Wäre dieses cineastische Schmuckstück nicht ein Kurzfilm "außer Konkurrenz", hätte Swinton dafür sicher den Darstellerinnenpreis gewonnen.

Beachtliche Qualität der Beiträge

Die Qualität der meisten Beiträge war bis auf wenige Ausnahmen sehr beachtlich. Schon im Vorfeld hatte Jurypräsidentin und Hollywood-Star Cate Blanchett die Hoffnung geäußert, dass auch mal eine Filmemacherin den "Goldene Löwen" gewinnen sollte. Ihr Wunsch ging in Erfüllung. Die US-Studioproduktion "Nomadland" gewann die begehrte Trophäe.

Die in China geborene Regisseurin Chloe Zhao erzählt in ihrem sehr poetischen Film von der 61-jährigen Fern, die nach dem Tod ihres Mannes auf dem Weg mit ihrem klapprigen Van verschiedensten Menschen begegnet. Die Authentizität des Films beruht nicht zuletzt auf den Nomaden der Straße und denen, die ihre Schicksale vertrauensvoll erzählen.

Bei der Preisverleihung grüßten Zhao und Co-Produzentin Frances McDormand per Video aus einem Van in Pasadena und verabschiedeten sich mit dem Nomadengruß "See you down the road".

Die britische Schauspielerin Vanessa Kirby galt nach ihrer Performance in Kornel Mundruzcos englischsprachigem Debüt "Pieces of a Woman" für den Preis der besten Schauspielerin als gesetzt. An der Seite von Shia LaBeouf durchleidet sie als taffe Geschäftsfrau einen Albtraum. Die "Coppa Volpi" für den Besten Schauspieler ging an den Italiener Pierfrancesco Favino für seine Darstellung in "Padrenostro".

Die bewegende Geschichte einer Familie, in der ein zehnjähriger Jungen 1976 Zeuge eines Attentats durch Linksterroristen auf seinen Vater wird und fortan in Angst lebt, ist ein Stück italienischer Vergangenheit.

"Silberner Löwe" für das umstrittenste Werk

Das umstrittenste Werk des Festivals wurde mit dem "Silbernen Löwen", dem Großen Preis der Jury, ausgezeichnet: Michel Francos verstörender Blick auf das Mexiko in "Nuevo Orden" (New Order). Was mit Plünderungen und blutigem Protest ausgebeuteter Indigener gegen die Reichen beginnt, endet in einem Militärputsch und in einer Gewaltorgie mit Vergewaltigung, Folter und Erschießungen.

Der "Silberne Löwe für die Beste Regie" ging an an das verzwickte Drama "Wife of a spy" von Kiyoshi Kurosawa, das in den frühen 1940er-Jahren vor dem Eintritt Japans in den Zweiten Weltkrieg spielt.

Der russische Altmeister Andrei Konchalovsky ("Spezialpreis der Jury") arbeitet sich mit dem konservativ inszenierten Drama "Dorogie Tovarischi!" (Dear Comrades) in brillantem Schwarz-weiß an einem von KGB und Militär niedergeschlagenen und offiziell verschwiegenen Arbeiteraufstand im Jahr 1962 ab. Der Drehbuchpreis ging an den Inder Chaitanya Tamhane für "The Disciple" über einen jungen Musiker auf der Suche nach Perfektion, die in einen Vater-Sohn-Konflikt eingebettet ist.

"Quo Vadia, Aida" geht leer aus

Unverständlich ist, dass Jasmila Zbanic und ihr ergreifendes Drama "Quo Vadis, Aida?" bei den Preisen übergangen wurde. Ihre Erzählung von der Lehrerin Aida hätte jeden Preis verdient gehabt; die Übersetzerin für die Blauhelme muss ertragen, wie die serbische Soldaten des Generals Ratko Mladic über 8.000 Bosnier im Juli 1995 in Srebrenica erschießen. Ein Schrei gegen das Vergessen, der nur bei der Jury des katholischen Weltverbands Signis Gehör fand und ihren Preis erhielt.

Online-Tickets und Maskenpflicht

Alberto Barbera hat das Unmögliche geschafft, in Pandemie-Zeiten ein großes internationales Festival auf die Beine zu stellen - physisch und nicht digital. Anfänglich hakte es mit dem Online-Ticketing; die Überprüfung der Körpertemperatur an den Eingängen war lästig, ebenso die Maskenpflicht auf dem gesamten Areal inklusive der Filmvorführungen. Zu einem lebendigen Festival gehören Publikum und Hysterie, Glamour und Stars.

Nichts davon existierte diesmal. Statt des erwarteten Chaos gab es aber eine fast perfekte Organisation, und für alle Unbequemlichkeiten entschädigte das lang vermisste und so wunderbare Gefühl, dass endlich wieder ein Filmfestival lief.

Autor/in:
Margret Köhler
Quelle:
KNA