Paartherapeut zu Merkel und Seehofer

Beziehung am Ende

Drohgebärden, Frontenbildung, Erniedrigung und Aufrüstung: Ist der "point of no return" in der Beziehung von Angela Merkel und Horst Seehofer schon erreicht? Caritas-Paartherapeut Josef Zimmermann sieht wenig Chancen zur Wende zum Guten.

Ein Paar am Abgrund: Horst Seehofer und Angela Merkel / © Kay Nietfeld (dpa)
Ein Paar am Abgrund: Horst Seehofer und Angela Merkel / © Kay Nietfeld ( dpa )

DOMRADIO.DE: Wenn die beiden nun ein Paar wären, was würden Sie Merkel und Seehofer als Therapeut raten?

Josef Zimmermann (Katholische Beratungsstelle für Eltern, Kinder und Jugendliche, Erziehungs- und Familienberatung der Caritas im Erzbistum Köln): Ein Kriterium wäre der Stand des Konflikts. Es gibt im Modell verschiedene Phasen eines Konflikts. Und da können wir das schon ein bisschen einsortieren, wo die beiden jetzt stehen miteinander. Es fängt mit Verhärtung an: Man beharrt auf seiner Position.

Es folgt die Polemik und dann die Frontenbildung, also etwas in Gut und Böse gehen, gezielte Nadelstiche, schlecht über den anderen reden und versuchen Freunde, Parteifreunde, auf seine Seite zu bringen. Später folgen dann Drohungen bis hin schließlich die Aufrüstung. Irgendwann wird dann sogar der "point of no return" erreicht, man will den anderen schädigen – selbst wenn ich dabei draufgehe. Wir nennen das dann "Gemeinsam in den Abgrund".

Und bei einem dieser letzten Punkte stehen die beiden. Wir haben Drohstrategien und auch entwürdigende Schläge. Und dann ist eine Option Trennung die günstigere Form. Erst recht, wenn Menschen davon mit betroffen sind. Die sind ja nicht alleine! Bei Familien führt das dann zu einem hohen Schaden der Kinder, die sich permanent in diesem Minenfeld bewegen müssen und mit ihrer Loyalität große Probleme kriegen.

DOMRADIO.DE: Wenn ich Sie richtig verstehe, sind wir auf der Konfliktskala von eins bis neun schon bei einer acht bis neun angelangt. Was hat das für Folgen für eine zwischenmenschliche Beziehung?

Zimmermann: Tatsächlich die Folge, dass das schwerlich zu kitten ist und überhaupt noch zurückzukommen. Es ist eigentlich nur noch möglich mit einer Moderation von außen zu stoppen. Zu sagen: "Wir beenden es, bevor wir den letzten Schritt erreichen – nämlich uns gegenseitig in den Abgrund zu ziehen".

Manchmal, aber das ist leider schon bei Stufe 6, also bei den Drohgebärden so, ist man schon im Tunnel. Da besinnt man sich nicht mehr groß. Wenn wir in den Tunnel rasen, dann rasen wir weiter. Dann schauen wir nicht nach einem Fenster oder nach einem Notausgang, den man gemeinsam nehmen könnte.

DOMRADIO.DE: Spannend ist auch die Frage nach der Schuld. Es gibt die Szene vom CSU-Parteitag 2014, wo Seehofer Merkel fast eine Viertelstunde lang stehen lässt, wie bestellt und nicht abgeholt. Vor zwei Wochen soll er gesagt haben: "Ich kann mit der Frau nicht mehr arbeiten." Das spricht alles nicht für Seehofer. Ist es ein solches Verhalten, das bei einer Beziehung wirklich am meisten schadet oder sehen Sie auch Fehler bei Frau Merkel?

Zimmermann: Wir versuchen als Paartherapeuten, Familientherapeuten oder Konfliktmanager, die beiden Handelnden als gemeinsam Handelnde zu nehmen, also als ein gemeinsames Werk, auch wenn es ein schädigendes Werk ist.

Das Problem ist, jeder wird den Anfang woanders machen. Wenn Sie zwei streitende Kinder im Kindergarten oder in der Schule auseinandernehmen und fragen, wer angefangen hat, zeigt jeder auf den anderen. Das heißt, die Frage "Wer hat jetzt den Anfang gemacht, wer ist der Hauptschuldige?", führt uns nicht weiter.

Auch wenn wir vom menschlichen Aspekt ausgehen – der eine Mensch erscheint eher reagierend und der andere eher als der Provokateur – wäre man geneigt, eine Wertung zu machen. Nur, wenn man mit den beiden arbeiten würde, wäre das wenig sinnvoll.

DOMRADIO.DE: Jetzt sagen ja auch beide – Merkel und Seehofer – sie seien Profis, da sei es ganz egal ob man sich mag. Aber kann so etwas gutgehen, zusammenzuarbeiten auf diesem hohen Niveau? Da sind ja wichtige Entscheidungen nötig.

Zimmermann: Man kann einen Stopp vereinbaren, wenn sich beide Seiten daran halten. Was ich wahrnehme ist, dass die Drohungen unterschwellig weitergehen. So richtig ist das ja nicht vereinbart, dass man stoppt. Das ist das eine und das andere: Man kann dann gemeinsam arbeiten.

Es gibt den schönen Spruch "Man sollte zwischen der Sache und der Person unterscheiden". Aber ab einer gewissen Eskalation – gerade mit Drohstrategien oder mit gezielten Entwürdigungen oder Herabsetzungen – fehlt es an einem gewissen Grundrespekt als Mensch. Dann können Menschen fast nicht mehr unterscheiden zwischen Sachthemen und Personen. Und dann ist eine Wiederkehr zu einer guten Zusammenarbeit fast nicht möglich.

DOMRADIO.DE: Es ist also kritisch zwischen den beiden.

Zimmermann: Es ist mehr als kritisch. Ich nehme mal ein Beispiel: Säßen da Elternteile vor mir in dieser Eskalationsstufe, dann müsste eine Institution von außen kommen. Und würde dann die Erziehungsfähigkeit überprüfen, weil der Konflikt so viel Schaden verursacht für die Kinder.

Gäbe es jetzt gewissermaßen ein Jugendamt für Menschen mit Regierungsaufgaben, dann wäre es eigentlich angesagt, die Regierungsfähigkeit der beiden zu überprüfen.

Das Gespräch führte Heike Sicconi.

Quelle:
DR