Pfarrer Christoph Bersch über sein neues Gesprächs-Projekt

Bei Anruf Wut

"Wer sucht, der findet" heißt das Pilotprojekt des Erzbistums Köln im Oberbergischen Kreis. Es ist ein Gesprächsangebot für alle, die auf ihre Fragen keine Antwort bekommen. Pfarrer Christoph Bersch erzählt, worum es dabei geht. 

Symbolbild Telefon-Hotline / © Gajus (shutterstock)

DOMRADIO: Es gibt ja die Beichte. Es gibt Seelsorger und Seelsorgerinnen in den Gemeinden, also eigentlich genug Menschen, die für ein Gespräch offen stehen. Warum jetzt dieses besondere Gesprächsangebot?

Christoph Bersch (Kreisdechant von Oberberg Mitte): Ich glaube, das ist keine Konkurrenz, sondern eine Ergänzung. Gerade auch für Menschen, die sich aus Zorn oder Zweifel an jemanden wenden möchten, der vielleicht nicht ihr Pastor oder Bischof ist, über den sich sich gerade geärgert haben. Sondern Frauen und Männern, mit denen man vertraulich und wertschätzend reden kann.

DOMRADIO: Jetzt sind die Telefone freigeschaltet. Dem Gesprächsangebot steht nichts mehr im Wege. Spekulieren wir mal ein bisschen: Mit welchen Fragen, glauben Sie, kommen die Menschen zu Ihnen und Ihren Kollegen?

Bersch: Dass wir überhaupt spekulieren, ist ja schon eine Herausforderung. Denn normalerweise ist es so: Wenn jemand getauft wird, dann hat man ein Taufgespräch. Wenn jemand in die Kirche eintritt, dann gibt es auch eine gute seelsorgliche Begleitung. Beim Austritt geht die Sache aber eben über das Amtsgericht und wir wissen oft die Motive nicht genau. Es kann sein, dass jemand das Geld für die Kirchensteuer nun selbst braucht. Es kann auch der Zweifel sein, wofür wir als Christen noch stehen. Dann ist es eben auch eine innere Konsequenz. Oder es ist eben genau dieser Zorn, der zurzeit viele Menschen bewegt zu sagen: Für eine Kirche, die so unglaubwürdig ist, möchte ich nicht weiter meinen Kopf hinhalten, mein Geld geben. Und da muss ich einfach Schluss machen. Genau darüber noch mal zu sprechen, das ist einfach unser Angebot.

DOMRADIO: Wie begegnen Sie diesen Menschen, die das Gesprächsangebot annehmen und Sie anrufen?

Bersch: Zunächst einmal ist der Dialog wichtig, per Brief, E-Mail oder durch ein persönliches Gespräch. Manche sagen dann auch: Vorher haben Sie nie etwas von sich hören lassen. Das ist wie beim Radio. Wenn es ausgeschaltet ist, kann man senden was man will, es kommt nicht an. Ich gebe aber zu, dass wir vielleicht mit unseren Angeboten über Internet-Präsenz, über Pfarrbriefe und Gesprächsangebote nicht immer den Weg dorthin finden, wo Menschen mit ihren Fragen oder eben auch mit ihren negativen Gefühlen zurzeit stehen.

Deshalb haben wir hier nun ein verbindliches, aber zugleich eben auch ein diskretes Angebot. Weil wir einfach auch garantieren, wir nehmen uns Zeit für das Gespräch. Und dann kann alles kommen, was einen gerade ärgert. Auch ich ärgere mich selbst schon mal über meine Kirche und was da passiert.

DOMRADIO: Die Posts auf Facebook und Instagram sind teils ziemlich gemein. Haben Sie Sorge, dass Sie aufgebrachte Anrufer beschimpfen?

Bersch: Ja, aber auch das ist ja legitim. Wenn jemand wirklich Zorn hat, dann kriegt man den schon mal ab. Pubertierende gehen die Eltern auch schon mal an, obwohl die Vorwürfe eigentlich gar nicht gegen sie persönlich gerichtet sind. Und so bekomme ich auch schon mal etwas ab, was sich eigentlich gegen die Institution richtet.

Und wie gesagt, ich ärgere mich ja selber oft genug. Und ein Beispiel: Als Jesus seine zwölf Apostel hatte, da hat einer ihn verraten. Und dann heißt es schnell: Alle sind Verräter. Das ist aber nur der eine. Und bei den anderen ist es aber auch nicht ganz einfach. Die haben nicht immer alles richtig gemacht. Die sind auch abgehauen, als Jesus gefangen genommen wurde. Also, wir sollten nicht so tun, als wären wir jetzt als Seelsorger etwas Besonderes. Wir müssen bei uns selber anfangen und vor unserer eigenen Türe kehren.

DOMRADIO: Gibt es feste Zeiten, in denen man bei Ihnen anrufen kann?

Bersch: Man kann einfach anrufen. Wobei die Chance zwischen 9 und 17 Uhr am größten ist. Wenn ich gerade im Gottesdienst bin, rufe ich auf jeden Fall zurück. Das gilt auch für meine Kollegen. Wir haben ja eine Gemeindereferentin und zwei geistliche Begleiter. Wir wollten uns auch da breit aufstellen, denn es gibt Dinge, die man vielleicht eher mit einem Pfarrer bespricht, was vielleicht auch in Richtung einer Beichte geht. Aber es gibt auch viele, die sagen: Mir tut es auch gut, mit einer Frau, mit einer Seelsorgerin zu sprechen.

Das Gespräch führte Michelle Olion.

Zuständig für Oberberg: Kreisdechant Christoph Bersch / © Beatrice Tomasetti (DR)
Zuständig für Oberberg: Kreisdechant Christoph Bersch / © Beatrice Tomasetti ( DR )
Quelle:
DR