Ein Junge im Kongo
Ein Junge im Kongo

12.02.2014

Erzbischof Schick: Rekrutierung von Kindersoldaten ahnden Kein Blut an Kinderhänden

Heute fühlt Michael Davies sich sicher, er lebt in Bremen. Als er 16 war, hatte er Tag für Tag den Tod vor Augen. Er war Kindersoldat in Sierra Leone. Als Verbrechen verurteilt Erzbischof Schick den Einsatz von Kindersoldaten.

Militärs und Rebellenführern, die Kinder zum Dienst an der Waffe zwängen, müsse der Prozess gemacht werden, fordert der Bamberger Erzbischof Ludwig Schick
am Mittwoch in Bamberg. Schon Kriege brächten unsägliches Leid, doch dabei auch noch Kinder einzusetzen, vervielfache dieses Leid. Schick, der auch Vorsitzender der Kommission Weltkirche der Deutschen Bischofskonferenz ist, äußerte sich anlässlich des Internationalen Tags gegen Kindersoldaten.

Bei vielen Kampfhandlungen würden bewusst Kinder eingesetzt, weil sie bestimmte Risiken noch nicht abschätzen könnten, sagte der Erzbischof. Dafür würden ihr Denken und Fühlen, ihr Charakter und ihre Sitten verformt, andererseits werde ihnen Schule und Bildung vorenthalten. In der internationalen Politik müsse dieses Verbrechen öfter zu Sprache gebracht werden, forderte Schick. Außerdem sollten Organisationen, die dagegen vorgingen, noch besser unterstützt werden.

Michael Davies erinnert sich an seine Zeit als Kindersoldat

In seinen Träumen ist manchmal wieder Krieg. Dann rennt Michael Davies barfuß durch den Regenwald, 16 Jahre alt, die Maschinenpistole fest umklammert. Er flieht in Panik durch dichtes Buschwerk, scharfe Gräser schneiden in seine Beine. Er stolpert über Baumwurzeln, springt wieder auf, hetzt weiter.

Gewehrsalven rattern. Ein Kamerad neben ihm stürzt, bleibt liegen. 20 Jahre ist es her, dass Michael Davies Kindersoldat im westafrikanischen Sierra Leone war.

"Die einzige Möglichkeit, sich nicht von den anderen erschießen zu lassen, war damals: Man musste selbst töten", sagt Davies, der heute in Bremen lebt. "Jeden Tag aufstehen und ums Überleben kämpfen. Jeden Tag Schwerverletzte und Leichen sehen. Jeden Tag wissen, man könnte der Nächste sein. Jeden Tag mit der Waffe in den Krieg ziehen - das ist nicht das, was Kinder tun sollten."

Kein Blut an Kinderhänden

Rund 250.000 Mädchen und Jungen unter 18 Jahren werden nach Schätzungen von Hilfsorganisationen weltweit als Kindersoldaten eingesetzt, von Armeen und Rebellen. Am "Red Hand Day", dem 12.

Februar, fordert das "Deutsche Bündnis Kindersoldaten" ein Ende der Ausbeutung von Minderjährigen in Kriegen. Sie sollen aus Milizen und Armeen entlassen werden, Zuwiderhandlungen sollen vor Gericht gestellt und hart bestraft werden.

Dem friedenspolitischen Bündnis gehören zwölf Hilfsorganisationen wie die Kindernothilfe, das Kinderhilfswerk Unicef und das Internationale Katholische Missionswerk missio an. Das Bündnis Kindersoldaten fordert auch einen Stopp von Waffenexporten in Regionen, in denen Kindersoldaten eingesetzt werden.

Michael Davies ist jetzt 35, trägt Sonnenbrille, weiche Lederstiefel, einen schwarzen Mantel aus Fellimitat. Er hat nun seine eigene "Michael Davies Group", in der er mit zwei deutschen Freunden spielt. Die Texte schreibt er selbst. Sie handeln von Liebe und schönen Mädchen, von der Freude am Leben. "Die Musik hat mir geholfen, mich zu befreien", sagt er ernst, "sie war meine Medizin".

Ex-Kämpfer: Als Kind glaubst du, das ist richtig

Sein Onkel - er war Offizier in der Regierungsarmee - hatte den 16-Jährigen einst unter einem Vorwand mitgenommen in seine Kaserne.

Dort waren viele Minderjährige: "Wir bekamen ein bisschen Training, wie man mit dem Gewehr umgeht. Dann mussten wir gegen die Rebellen kämpfen. 'Schützt unser Land' hat man uns befohlen", erzählt er. "Als Kind bist du naiv und glaubst, das ist richtig. Außerdem hast du keine Chance, die Kaserne zu verlassen und in dein Dorf zurückzukehren."

Unzählige Kinder wurden wie Michael in den 80er und 90er Jahren in Bürgerkriegen wie in Mittelamerika und Sierra Leone rekrutiert, von Armeen und Rebellen. Seither hat sich die Zahl der Kindersoldaten vermutlich verringert, sagt Ralf Willinger vom Kinderhilfswerk terre des hommes. Ihr Einsatz in bewaffneten Konflikten ist nach UN-Recht inzwischen verboten. Der Internationale Strafgerichtshof in Den Haag verfolgt die Rekrutierung von Kindern als Kriegsverbrechen.

"Das alles hat durchaus zu einem Bewusstseinswandel geführt", sagt Willinger. "Heute versuchen immer mehr Machthaber und auch Rebellenführer den Ruf loszuwerden, sie würden Kinder in ihren Armeen ausbeuten."

Jüngste Rekrutierungen in Syrien und Mali

Und dennoch: Jedes Jahr brechen neue Konflikte aus, wie jüngst in Syrien, dem Südsudan, Mali oder der Zentralafrikanischen Republik.

"Wenn sie größere Ausmaße annehmen und länger andauern, werden immer auch Kinder eingesetzt, und zwar schon ab einem Alter von acht Jahren. Sie sind billig, schutzlos und leicht zu manipulieren", sagt Willinger. Mehrere Zehntausend sind es derzeit allein in Birma, Tausende auf den Philippinen, in Indien, im Kongo, Sudan, Afghanistan und Kolumbien.

Mit 21 gelang es Michael, nach Europa zu fliehen. In Deutschland hat er Schulabschlüsse nachgeholt, eine Ausbildung als Speditionskaufmann absolviert. Erst spät hat er angefangen, von seiner Zeit als Kindersoldat zu erzählen. Freunde schickten ihn zu Refugio Bremen, einem von bundesweit etwa 25 psychosozialen Behandlungszentren für Flüchtlinge. Seiner Therapeutin ist er dankbar, dass sie ihm über die Musik einen Weg gezeigt hat, seine Erlebnisse zu verarbeiten.

Experten halten Therapien für ehemalige Kindersoldaten für unabdingbar. Vor allem die, die selbst mit der Waffe in der Hand kämpfen und Menschen töten mussten, seien schwerst traumatisiert, sagt Elise Bittenbinder, Vorsitzende der Bundesarbeitsgemeinschaft der psychosozialen Zentren: "Sie haben früh gelernt, Verantwortung zu übernehmen und Macht auszuüben." Sie wirkten für ihr Alter oft sehr reif, seien emotional aber unterentwickelt und sehr gewaltbereit.

Auch Michael Davies gibt zu, dass er in Deutschland anfangs Schwierigkeiten hatte, seine Aggressionen zu kontrollieren: "Ich hab gedacht, wenn einer mich angemacht hat, den bring ich einfach um."

Die Soziologin Dima Zito hat für eine Studie im Auftrag des Kinderhilfswerks terre des hommes Interviews mit 15 ehemaligen Kindersoldaten geführt. Alle, ob Kämpfer, Spion oder sexuell Ausgebeutete, zeigten Symptome von posttraumatischen Belastungsstörungen. Sie berichteten von Alpträumen, Erinnerungslücken, Zittern, Ängsten, Suizidgedanken.

Zito und die Hilfsorganisationen bemängeln, dass es in Deutschland nach wie vor eher dem Zufall überlassen sei, ob diese Flüchtlinge entsprechende Hilfe erhielten. Jedes Jahr kämen bis zu 200 ehemalige Kindersoldaten nach Deutschland. Sie bräuchten eine Zukunft: einen sicheren Aufenthalt, Zugang zu Schulbildung, Ausbildung und Therapien.

Michael Davies ist heute angekommen in Deutschland. Er unterstützt seine Mutter, die er nach dem Krieg wiedergefunden und nach Nigeria gebracht hat. Im Bremer Überseemuseum leitet er Projekte mit Kindern, zum Beispiel zum Thema Wasser. Dann erzählt er ihnen vom Leben in Afrika, vom manchmal schwierigen Alltag dort. Vom Krieg erzählt er ihnen nicht: "Ich will ihnen mitgeben, dass sie an sich glauben und lernen sollen und dass sie niemals aufgeben."

Martina Schwager
(epd)

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