23.02.2013

Friedliches Miteinander am Ende der Welt "Ich will den Katholizismus von hier aus nach Tibet bringen"

In einem entlegenen Tal in China ist ein kulturell einzigartiger Schmelztiegel entstanden: Mehr als 20 ethnische Minderheiten leben in Eintracht zusammen und üben ihren Glauben aus, unbehelligt von der sonst religionsfeindlichen KP.

Vor dem Abendessen bekreuzigen sich Aluo und seine Familie und murmeln ein Gebet - auf Tibetisch. In jedem Zimmer des Holzhauses mit den Hühnern und Schweinen im Garten hängt ein Bild der Jungfrau Maria, im Esszimmer liegen gleich drei Bibeln, zwei auf Tibetisch und Chinesisch, eine nur auf Chinesisch. Die Aluos sind Tibeter - und zugleich strenggläubige Katholiken.

Im chinesischen Bergdorf Dimaluo, zwei Tagesmärsche von Tibet entfernt, ist das völlig normal. 80 Prozent der über zwölf Gemeinden verstreuten 3.200 Einwohner sind Katholiken. Sonntags gehen sie gleich morgens und abends zum Gottesdienst in die kleine, bunt bemalte Holzkirche aus dem Jahr 1905. "Schon unsere Großeltern waren Katholiken", sagt Familienoberhaupt Aluo. Das Fernziel des Mittdreißigjährigen: "Ich will den Katholizismus von hier aus nach Tibet bringen."

Dimaluo liegt im schmalen Tal Nujiang, in der Provinz Yunnan in Chinas äußerstem Südwesten. Im Norden wird es vom Autonomen Gebiet Tibet begrenzt, wenige Kilometer westlich liegt Birma. Nur eine einzige Stichstraße führt durch das wilde Tal mit 4.000 Metern Höhenunterschied, durch das sich in unzähligen Schleifen jadegrün leuchtend der Fluss Nu windet. Dank dieser Isolation ist ein kulturell einzigartiger Mikrokosmos entstanden: 22 ethnische Minderheiten leben hier friedlich zusammen und praktizieren verschiedene Religionen - ungestört von der ansonsten religionsfeindlichen Kommunistischen Partei Chinas.

Missionare leisten ganze Arbeit

Katholische und protestantische Missionare machten sich Mitte des 19. Jahrhunderts von Birma aus in das Tal auf. "Gerade weil es so abgelegen ist, erschien ihnen die schwierige Mission besonders tugendhaft", sagt die chinesische Ethnologin Wu Keping aus Singapur, die seit Jahren die Minderheiten in dem Distrikt erforscht. Nach Dimaluo kamen um 1850 erstmals französische Jesuiten, 50 Jahre später Protestanten. Sie haben ganze Arbeit geleistet: Praktisch jedes der kleinen Dörfer ziert eine kleine oder größere Kirche, 505 sind es insgesamt.

Der Isolation haben die Christen im Nu-Tal es auch zu verdanken, dass sie nicht in Konflikt mit der KP geraten. Protestantische und katholische Gemeinden werden in China nur toleriert, wenn sie sich jeweils der "Patriotischen Vereinigung" unterwerfen, den staatlich kontrollierten Kirchen. Die Mitglieder evangelischer Hausgemeinden und die vatikantreue katholische Untergrundkirche müssen oft mit Schikanen rechnen.

"Die Kirche aufzuteilen in zwei Arten ist Schwindel, man kann nur einen Glauben haben," erklärt Aluo. "Jaja, wir sind in der Patriotischen Vereinigung. Aber natürlich glauben wir auch an den Papst." Die Regierung wisse das, auch in Dimaluo gibt es reichlich Parteimitglieder. "Aber sie sagen nichts." Die Verehrung gilt Benedikt XVI., der Chinas Katholiken zur Einheit mahnte - und wird auch dessem Nachfolger gelten.

Keine Spannungen

Mit religiösen Riten, gemeinsamem Singen, Tanzen und Beten wird in Dimaluo ein Gemeinschaftsgefühl geschaffen. In einem anderen Dorf dringt aus einem Hof laute Choralmusik auf Chinesisch vom Band. Eine alte Frau sitzt im Rollstuhl in der Sonne und lauscht lächelnd. Auch sie sagt, dass sie an den Papst glaubt.

Noch heute zieht es westliche Christen in die isolierte Region. Allein 31 Deutsche leben in dem Tal, dazu kommen Amerikaner, Koreaner und Australier. Die meisten leiten soziale Projekte, nebenher sprechen sie privat über Jesus. Dagmar Seidl etwa, Ende 50, kümmert sich in der kleinen, protestantisch dominierten Stadt Fugong um Waisenkinder. Ihre Wohnung ist tapeziert mit Karten mit christlichen Sprüchen.

Laut Anthropologin Wu haben die verschiedenen ethnischen Volksgruppen weder Probleme, das Christentum mit ihren älteren Traditionen zu verbinden, noch Spannungen untereinander: "Es gab einfach nie jemanden, der solche Abgrenzungen betont hätte." Die Gefahr kommt aus einer anderen Richtung: Ende Januar hat die Regierung frühere Pläne für 13 Staudämme des bisher frei fließenden Flusses Nu wiederbelebt. Mehr als 21 Gigawatt sollen sie einmal produzieren - etwa soviel wie der weltgrößte Dreischluchtendamm am Jangtse. Schon jetzt schaufeln Bagger zahlreiche neue Straßen in die Berghänge.

Ruth Fend
(epd)

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